Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Alexander von Sybel

AES B5883 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007 (Abzug)

Alfred Escher an Alexander von Sybel, Zürich, Sonntag, 15. Mai 1870

Schlagwörter: Deutscher Bundesrat, Gotthardbahnkonferenzen, Gotthardbahnprojekt, Kommissionen (eidgenössische), Splügenbahnprojekt, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Zürich 15 Mai 1870.

Hochverehrter Herr!

Von Arbeit auch an dem heutigen Sontage fast erdrückt finde ich nur noch wenige Minuten vor Abgang der Post Zeit, Ihnen für Ihre beiden letzten Briefe & für Ihr gestriges Telegramm zu danken. Gleichzeitig mit dem letztern traf aber bei uns die Schreckensbotschaft ein, daß die Vorlage an den Bundesrath nur auf 10 Millionen laute. Welti, der es mir telegraphirte, & v. Röder, der gerade in Zürich war & mich besuchte, konnten es kaum glauben. Und in der That steht man hier vor einem Räthsel! Der Norddeutsche Bund hat sich doch in sehr eingreifender Weise mit der Gott| hardangelegenheit befaßt. Er wird dieß zweifelsohne in der Absicht gethan haben, dadurch ein practisches Resultat zu erzielen. Ein practisches Resultat ist aber nur erzielbar, wenn innerhalb der für die Beibringung der deutschen Subventionen anberaumten, bereits bis zum 1 August erstreckten Frist die Zusicherung von 20 Millionen Subventionen Seitens Deutschlands erfolgt. Wenn nun der Norddeutsche Bund bloß 12 oder gar nur 10 Millionen gibt, Baden 3 Millionen zugesichert hat & seine Kammern, ohne deren Zustimmung eine Erhöhung seiner Subvention nicht Statt finden kann, erst im November 1871 wieder zusammentreten, Württemberg bei der precären Stellung Varnbühler's kaum zu einem Subventionsbeschlusse gelangen wird & aus dem Großherzogthum Hessen, obgleich die | Presse wiederholt angesetzt wurde, bis zur Stunde nichts herausgedrückt werden konnte, so frägt man sich, auf welche Weise sich die leitenden Staatsmänner Norddeuschlands die Beibringung der deutschen Subventionen denken. Vor dieser Frage, die man sich nicht beantworten kann, bleibt man wie vor einem Räthsel stehen! Wir müssen nähere briefliche Berichte abwarten, bevor wir in der Schweiz ein Urtheil abgeben können. So viel ist indessen schon jetzt klar, daß, wenn die uns zugekommenen telegraphischen Depeschen sich bestätigen, die Rückwirkung auf Italien & auf Paris, wo in diesem Augenblicke ein Splügenproject technisch & finanziell ausgearbeitet wird, eine beklagenswerthe sein muß!

Die Bedingungen, welche an einzelne Schweizerische Subventionen geknüpft wer| den wollten oder wirklich geknüpft wurden, dürfen Sie nicht präoccupiren. Entweder wurden nämlich diese Bedingungen beseitigt oder, so weit dieß nicht der Fall war, stimmen sie genau mit Vorschriften des Schlußprotokolles der internationalen Conferenz überein.

Die Statuten, die ich längst entworfen, sind von der bundesräthlichen Gotthardcommission in erster Berathung & sodann von dem Ausschusse unsers Confortium's behandelt worden. Künftigen Mitwoch sollen sie noch einer zweiten Berathung der bundesräthlichen Gotthardcommission unterstellt werden. Bekommen Sie auch in Folge dessen den Entwurf erst auf Ende dieser Woche, so hat man hinwieder annähernde Gewißheit, daß der Entwurf staatlich genehm gehalten werden wird.

Die Splügenbrochüre ist nach Ihren Wünschen versendet worden.

Herzlich

Ihr

Dr A Escher