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Korrespondenz: Alfred Escher – Alexander von Sybel

AES B5880 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007

Alexander von Sybel an Alfred Escher, Berlin, Freitag, 22. April 1870

Schlagwörter: Deutscher Bundesrat, Deutscher Reichstag, Italienisches Parlament, Presse (allgemein), Rheinische Eisenbahn-Gesellschaft, Splügenbahnprojekt, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Berlin den 22. April 70.

Besten Dank mein hochverehrtester Herr für Ihren vortrefflichen vorgestrigen Brief, aus welchem ich mit Vergnügen entnahm, wie fleißig Sie sind, um unsere speciellere Aufgabe zu fördern. Hier stehen die Sachen günstig, so weit ich es übersehen kann. Gestern sollte die Anfrage des hiesigen auswärtigen Amtes nach Bern u Florenz abgehen, ob man eine Fristverlängerung eintreten zu lassen geneigt ist, um Bundesrath u Reichstag noch in dieser Session mit der Vorlage befassen zu können. Inzwischen wird heute oder morgen die Einbringung in den Bundesrath erfolgen nachdem die Verhandlungen mit den rheinischen Bahnen einen Abschluß ergeben haben.

Wie Sie telegraphisch wissen, hat zuerst die Bergisch Märkische, dann die Rheinische und jezt wohl auch die Cöln Mindener jede 1 Mill. bewilligt. | Die Aufgabe war nicht ganz leicht, nachdem sämmtliche Bahnen vorher ein kategorisches Nein ausgesprochen hatten. Mir gelang es jedoch, Hr v d Heydt u Hr v Oppenheim umzustimmen, Hr Weisshaupt billigte meinen Vorschlag jede Bahn einzeln zu bearbeiten, mit der Berg. Märkischen zu beginnen, und jeder Bahn durch Begünstigung anderer Wünsche wiederum gefällig zu sein. Darauf hin machte sich W. auf den Weg und löste seine Aufgabe mit großem Eifer und größerm Geschick.

Für die Placirung des Aktiencapitals ist freilich durch die Übernahme von 3 Mill Subventionen Seitens jener Bahnen eine neue Schwierigkeit geschaffen. Ich halte jedoch diese nicht für unüberwindlich. Und: das, was zunächst geschehen müßte, müßte eben zunächst geschehen. Das ist der Fall; für das folgende muß die Zeit Rath schaffen: Unsere Bankiers möchten gern bald | vorgehen, um die günstige Stimmung des Geldmarktes, welche aller Wahrscheinlichkeit nach bald nach dem franz. Plebiscit ihren Höhepunkt erreichen dürfte, zu benutzen. Leider hat Delbrück für diese Seite unseres Unternehmens keinen offenen Sinn. Er geht seinen Weg und läßt die andern sich abquälen, ihren Vers allein zu machen. Wenn es eben nur weiter geht! Ihre Notiz über Italien beunruhigte mich sehr. Die Mailänder Verhandlungen hatte ich aus der Zeitung ersehen; merkwürdiger Weise waren sie allen andern entgangen! Ich bat Monsieur Launay deshalb zu interpelliren, was er mir zusagte. Ich habe aber noch keinen Bescheid. Sorgen Sie doch, daß in den italienischen Blättern gehörig Capital aus dem Vorgehen in Deutschland gemacht wird. Sagen Sie oder lassen Sie sagen, daß Deutschland das Gotthardprojekt nicht fallen lassen wird, daß es den Splügen niemals unterstützen könne, daß wenn Italien | seine bisherige Stellung zum Gotthard ändere, Deutschland darin eine direkte Feindseligkeit erblicken müsse. Will Italien dem einzigen zuverlässigen, und bewährten Alliirten in Europa um eines Nichts willen den Absagebrief schreiben? Kein italienischer Politiker, mag er einer Partei angehören welcher er wolle, kann nach allem vorhergegangenen die Schwenkung in letzter Stunde vertheidigen wollen. Wie in Deutschland die Gotthardbahn keine Parteifrage ist, wie dort alle Parteien einig darin sind, daß sie eine nationale Sache im eminentesten Sinne ist, so muß es auch in Italien sein. Wir wollen der italienischen Nation die Hand von Eisen reichen, auf daß der Händedruck ein fester unauflöslicher sei. Wir thun es auf Schweizer Boden, dem Lande freier Neutralität, neutraler Freiheit zum Beweise, daß die Vereinigung der beiden Nationen nicht ein Akt der | Feindseligkeit gegen irgend wen, sondern ein Akt der Brüderlichkeit, der Erkenntniß und Pflege gleicher u. autonomer Interessen beider Nationen ist. Italien hat uns gegenüber in ruhmreicher Weise die Initiative zur Gotthard Bahn ergriffen gehabt. Deutschland hat auf die Initiative eine freudig entgegenkommende Antwort ertheilt. Kann irgend ein italienischer Staatsmann uns darauf heute mit einem andern Projekte kommen? Das wäre eine Art von Verhöhnung, welche Deutschland sich nicht gefallen lassen kann! Sie wäre ein Verstoß gegen die politische Sitte, und gehörte zu den Dingen, welche man im Verkehr befreundeter Nationen zu den unmöglichen zu zählen berechtigt und gewöhnt ist. Ich vertraue deshalb nach wie vor fest zu der Erleuchtung der italienischen Regierung u des italienischen Parlaments welches wie unser Reichstag mit überwältigender | Majorität die Beschlüsse in dem größten internationalen Unternehmen, welches beide Nationen seit ihrer Einheit beschäftigt, fassen wird.

Oberst Hammer ist sehr sehr bedenklich, Gestern war sein Zustand hoffnungslos. Gott gebe dem braven Manne Heilung und erhalte uns seine gute Hülfe.

Stets u immerdar
Ihr

v Sybel

Meinen Dank für Ihre Rimessen