Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Alexander von Sybel

AES B5870 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007

Alexander von Sybel an Alfred Escher, Berlin, Dienstag, 1. März 1870

Schlagwörter: Deutscher Bundesrat, Deutscher Reichstag, Eisenbahnen Finanzierung, Familiäres und Persönliches, Gotthardbahnprojekt, Mont-Cenis-Bahn, Presse (allgemein), Rechtliches, Rheinische Eisenbahn-Gesellschaft, Schweizerische Centralbahn (SCB), Splügenbahnprojekt, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Berlin 1. Maerz 1870

Mein hochverehrter Herr!

Sie müssen einige Nachsicht mit mir haben, wenn ich in den letzten 14 Tagen im Correspondiren lässig gewesen bin. Zur Entschuldigung mag es dienen, daß die Lässigkeit sich nur auf die Correspondenz mit Ihnen, nicht auf die Betreibung der Sache erstreckt hat. Der Tod meines lieben Vaters rief mich höchst unerwartet an den Rhein und brachte mich auf 8 bis 10 Tage aus meinen Geschäften völlig heraus. Dann hatte verschiedene größere Arbeiten von großer Dringlichkeit daneben liegen lassen müssen die nun doppelt energisch auf mir lasteten. Dazwischen Sitzungen, u. sf. genug zu einem ordentlichen Briefe fand ich nicht Muße u Zeit. Ich war also am 21 Jan. u 1. Febr. am Rhein und unterhandelte dort mit Oppenheim u Schaafh über die gemeinsame Conferenz hier in Berlin, erzielte deren Zustimmung; u verhandelte zugleich mit der Rheinischen Eisenbahn über | deren Subventionsbeitrag. Hierüber schrieb ich Ihnen in pallor von C., nachdem ich von Cöln aus telegraphirt hatte. Seitdem empfing ich Ihre Briefe vom 4. 24 u. 27., sowie Ihre Depesche vom 18. letztere gleichzeitig mit der Nachricht vom Tode meines Vaters am 19. Ich habe nun Ihre Nachrichten hier in jeder Beziehung zu verwerthen gesucht, um die Dringlichkeit des Vorgehens zu urgiren. Hr Delbrück treibt nun seiner Seits u. will alsbald die bald Vorlage an den Reichstag machen. Sein Programm, daß ¼ der auf den Bund fallenden Subvention von den preußischen Staatsbahnen u Staatsbergwerken übernommen werden soll, ist regierungsseitig erledigt u zweifele ich nicht an der Zustimmung des preuß. Landtags. Dagegen unterliegt die Forderung, daß die drei rheinischen Bahnen ein zweites Viertel übernehmen sollen, den aller| erheblichsten Zweifeln. CölnMinden sagt einfach Nein. Die Gründe des refus scheinen hier auf dem Ministerium nach meiner heutigen Unterhaltung mit Weishaupt gewürdigt zu werden. Die Rheinische Bahn ist einfach ungezogen. Sie will gebeten sein; u spielt den Aigrirten über ich weiß nicht was. Ich habe fünfmal auch mit Mevissen herumgezankt, ihm auf das eindringlichste vorgestellt, daß ich die Delbrücksche Forderung absolut nicht billigen könne, daß ich aber nachdem sie einmal gestellt sei, keinen andern Ausweg wisse, als sich ihr wenigstens theilweise zu fügen. Ein künftiges allgemeines Interesse sei doch für die Rhein. Bahn da, er selbst habe ja in Baden beim Großherzog proponirt, die badische Bahn möge die Schweizer Centralbahn erwerben oder mit dieser fusionirt werden (zu einer neuen Gesellschaft!) damit die Fusion die Gotthardbahn übernehme; das beweise doch für das Interesse der rhein. Bahn. Er möge seine Bedenken fallen lassen; damit Delbrück vorgehen könne; die Verzögerung von einem Jahre, die er so | leicht nehme, sei identisch mit der Vernichtung des Projekts; u. die Gewißheit, die er hege, daß wenn dieses Projekt vernichtet werde, irgend ein anderes besseres im Lauf der Jahre kommen werde, müsse ich dahin berichtigen, daß dann zunächst der weniger günstige Splügen gebaut werde und der Mont Cenis einen unwiederbringlichen Vorsprung erhalte. Es half alles nicht viel, er meinte schließlich, man wolle auch nicht definitiv ablehnen, indeß vorher noch ein Wort mit der Regierung, die sie so viel quäle u. hindere u benachtheilige, ein Wort reden. Ich bat ihn, doch zu erwägen, ob er die Stellung der Bahn zur Regierung verbessere, wenn er in dieser für sie so erheblichen Sache, abermals seiner Seits schwierig sei? Genug ich gebe die Hoffnung noch nicht völlig auf; mit W. verabredete ich die Rhein. Bahn nochmals höchst kategorisch zur Erklärung aufzufordern, u dabei auf die politische Seite der Frage hinzudeuten, für die M. empfindlich sein muß. |

In Elberfeld unterhandelte ich mit Daniel von der Heydt dem Vorsitzenden der bergisch Märkischen Bahn. Hr v d Heydt will gern beisteuern, wenn 1. dafür gesorgt wird, daß die Rheinische u CölnMindener Bahn, welche ihren Schweizer Verkehr vermitteln müssen, aufhören, die Übernahme ihrer Güter besonders zu besteuern u höher zu tarifiren.

2. Wenn die BM. Bahn die Comission für eine Verlängerung südlich der Bahn an die Nassauische Staatsbahn erhält.

3. Wenn keine Concurrenzlinien in das Netz der Bergisch Märkischen Bahn zugelassen werden. Dieses letztere nannte er selbst aber frech u. unhaltbar wäre aber nützlich zu fordern, um weniger zu erhalten ad 2. wird von der Regierung zugestanden werden ad 1. werde ich durch einen Antrag im Reichstag generell beseitigen können, wie ich hoffe. Hier ist also besseres Fahrwasser. Aber auch hier muß noch viel geschrieben werden. |

Ich haber nun seit meiner vorgestern erfolgten Rückkehr vom Rhein mich bemüht, bei Delbrück das Fallenlassen der conditio sine qua non jener Betheiligung der Eisenbahn zu erwirken. Er war anfangs unerbittlich, ging aber auf den ihm von mir proponirten Ausweg ein beim Reichstage zu beantragen, daß die Hälfte der Subvention durch Preußen gedeckt werden sollen da die drei rheinischen Bahnen preußische sind, so kann die Frage ihres Beitrages als eine interne preußische behandelt werden. Zugleich wird den Bahnen dadurch die Möglichkeit gewährt, ihre GeneralVersammlungen beschließen zu lassen.

In den officiellen Kreisen bleibt die Stimmung sonst günstig u. haben die Artikel in der Cölnischen Zeitung sowie entsprechende Notizen in andern guten Effekt gehabt. Die Agitation des Pariser Rothschild glaube ich hier für ganz machtlos | erachten zu können. Indessen muß doch achtgegeben werden. Die hiesige Vossische Zeitung scheint von den Splügisten gepachtet zu sein. Sie ist das einzige große Berliner Blatt, welches anti Gotthard ist.

In Betreff der Verhandlungen mit den Banquiers bemerke ich, daß nachdem man sich von der Undurchführbarkeit des Januarprojektes überzeugt hat, ein neues nicht aufgetaucht ist, vielmehr es für richtiger gehalten würde, in Gemeinschaft mit Ihnen auf der Basis des Berner Protocolls die Modalitäten der Übernahme u Emission des erforderlichen Capitals zu verabreden. Ich habe mich dem nicht nur nicht widersetzt, sondern diese Auffassung unterstützt. Darin hatte Mevissen ganz recht; er meinte: wenn die Basis gegeben sei, so wäre die Einrichtung des finanziellen Vorgehens eine Sache von wenig Tagen, der aber die Ausführung alsdann auch sofort zu folgen habe. Finanzoperationen, wie die unsrige, müßten der momentanen Lage des Geldmarktes angepaßt werden. Und deshalb seien zu frühe Überlegungen u Verabredungen unrichtig u schädlich. |

Ich bemerke, daß zwei wesentliche Fragen vorliegen werden: erstens die Höhe des Courses für die Emission, u. in dieser Beziehung möchte ich bitten, meine Ansicht zu bestätigen, daß das Schweizer Recht die Forderung der pari Einzahlung auf die Actien nicht kennt, wie dies nach Preußischem und Deutschem Rechte der Fall ist.

Zweitens: die Gesellschaft bedarf die ganze Summe und die Begabung der Aktien nicht sofort, sondern nur nach Maaßgabe des fortschreitenden Baues. Der hiesige Geldmarkt liebt den Verkehr mit Partialquittungen nicht; wo sie nicht zu vermeiden sind, sorgt man daher dafür, daß in möglichst kurzer Frist die Vollaktien zu Ausgabe gelangen. Bei der 9 bis 10jährigen Bauzeit der Gotthardbahn würden die Partialquittungen lange circuliren müssen. Empfiehlt sich daher nicht, den Bedarf jedesmal durch Emission von Vollaktien zu decken, deren Gesammtbetrag also erst gegen Ende der Bauzeit an den Markt käme? Und wenn dies der Fall, wie werden dafür die | Verbindlichkeiten des Consortiums normirt, für welches es eine schwierige Sache ist, sich für einen so langen Zeitraum zu verpflichten. Ich bitte Sie dringend, über diesen Punkt sich eine Ansicht bilden zu wollen.

Was nun specieller noch die Punkte Ihres Briefes vom 27. betrifft, so bemerke ich, daß ich es für sehr wünschenswerth halte, wenn Sie den Entwurf eines Statutes mitbrächten, damit derselbe als Anhaltspunkt bei unsern Berathungen dienen könnte. Es ist nämlich nöthig den Herrn exemplificativ zu zeigen, wie ein schweizer Statut auszusehen pflegt. Die Punkte, welche hier uns interessiren, stehen ja nur in wenigen §§, welche die Höhe des Actiencapitals, die Modalitäten seiner Beschaffung resp Einzahlung, die Vollmacht für die Ausgabe von Prioritäten u Anleihen, die Zusammensetzung der Gesellschafts Organe vielleicht auch das Stimmrecht in der GenVersammlung enthalten. Diese Punkte können durch Amendirung| Ihres Entwurfes erledigt werden.

Ist dies hier geschehen, so empfiehlt es sich weiter, mit diesem Entwurfe nach Bern zu gehen und durch einen diesseitigen Bevollmächtigten Ihnen bei den Verhandlungen mit dem BundesRath zu assistiren.

Daß jezt aber die Vorverhandlungen in Berlin gepflogen werden, halte ich für absolut nöthig. Die betr. Herrn können jezt nicht hier fort, dann aber sind sie hier zusammen. Endlich wird es durchaus möglich sein, daß Sie sich hier in Regierungs u Reichstagskreisen blicken lassen. Also, so leid mir Ihre Weiterreise thut, d. h. für Sie, nicht für mich – entschließen Sie sich dazu. Meine Frist vom 7. bis 10. schließt Ihren Wunsch dem 8. u 9. zu berathen in sich.

Die égards für die italienische Finanz meine ich könnten nicht durchschlagen. Die Herrn können es doch nur natürlich finden, wenn Sie auch einmal mit dem deutschen Herrn mündlich conferiren. | Wir sehen uns ja nachher doch noch in Bern, wo ja doch noch Akte zu passiren sein werden. Was speciell Hrn Podesta's Herüberkunft zum 7. anlangt, so wird sich ja jedermann freuen den Herrn zu sehen, u. mit ihm zu conferiren. H. u. Bl. meinten indessen, ob die Reise von Genua nicht gar zu weit sei, um sie Hrn P. zumuthen zu können. Man könne ihm Kenntniß geben von allem was geschieht u. Sie können ja auch seine Entschließungen vorbehalten. Ich glaube ferner, und dies sage ich als Ihr Vertrauensmann, daß es bei dem eigenthümlichen und schwierigen Charakter, der den Verlauf unseres Unternehmens bis jezt beherrscht, vielleicht rathsam sein kann, daß Sie Italien u. Hrn Podesta für irgend welche Detailfrage in Reserve behalten. Sein Einverständniß zu verständigen oder finanziell vortheilhaften Verabredungen | ist ja auch ohne dies bald erzielt. Geben Sie Hr P. gegenüber unserer hiesigen Zusammenkunft einen etwas präparatorischen Anstrich, so kann er ja nicht böse sein.

Ich stelle diesen Punkt aber lediglich in Ihr Ermessen. Dici et solvari animam amici. Langsam u sicher vorwärts. Nunquam retrorsum.

Zum Schlusse erbiete ich mich zu Quartierbestellung u. sonst dahin einschlagenden Dingen und sage Ihnen meinen herzlichsten Dank für die so wohlthuenden Worte Ihrer Theilnahme. Mein Vater ist 90 Jahre alt geworden. Sein Leben war ausgelebt in seltener Rüstigkeit des Geistes u des Körpers, vom Himmel vielfach gesegnet. Wir dürfen nicht murren über den endlichen Eintritt des Todes, u doch, der Grund, auf dem ich herangereift bin, ist dahin u. ich selbst bin in die Generation der Alten hinaufgerückt, u. damit um vieles verantwortlicher geworden.

Immer
Ihr

v Sybel