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Korrespondenz: Alfred Escher – Alexander von Sybel

AES B5866 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007

Alfred Escher an Alexander von Sybel, Zürich, Donnerstag, 24. Februar 1870

Schlagwörter: Gotthardbahnprojekt, Italienisches Parlament, Splügenbahnprojekt, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Zürich 24 Februar 1870.

Hochverehrter Herr!

Es ist zwar schon spät am Abende & ich bin von der Geschäftslast des heutigen Tages sehr ermüdet. Gleichwol kann ich nicht umhin, noch an Sie zu schreiben & Sie zu fragen, ob Sie wirklich noch nicht in der Lage sind, mir weitere Eröffnungen im Sinne meines Briefes vom 4. dss. Mon., der sich mit dem Ihrigen vom 5. gekreuzt hat, zu machen. Ich habe diese Anfrage schon unter dem 18. dss. Mon. telegraphisch an Sie gerichtet. Bis zur Stunde habe ich keine Gegenäußerung von Ihnen erhalten. Ich kann Ihnen nun aber nicht bergen, daß nach meiner festen Überzeugung eine große Gefahr für unser Gotthardunternehmen | unausbleiblich eintreten würde, wenn die Bildung der Gesellschaft für die Ausführung der Gotthardbahn allzu lange auf sich warten ließe. Diese Gefahr würde uns in Italien drohen. Sie wissen, daß ein neues Splügenproject ausgearbeitet ist. Dasselbe steigt zwar allerdings sehr hoch mit der offenen Bahn & hat Rampen von 35‰; aber hinwieder beansprucht es weniger Subventionen als der Gotthard & seine Bauzeit beträgt nur 5 Jahre. Dieß macht nun zwar auf Sie & mich keinen großen Eindruck. In Italien kann aber das Project verfangen & zwar um so mehr, da in Paris eine Gesellschaft von soliden Bankhäusern sich zur Ausführung derselben bereits zusammen gefunden haben soll. Mit einem wohlfeilen, eine kurze Bauzeit in Anspruch nehmenden Projec| te, für welches eine Baugesellschaft bereits vorhanden ist, suchen die Splügisten & diejenigen, welche gar keine Schweizerische Alpenbahn wollen (Rothschild), in demnächst zusammentretenden Italienischen Parlamente die Ratification des Vertrages zwischen der Schweiz & Italien betreffend die Gotthardbahn zu hintertreiben. Diesem Feldzugsplane unserer Gegner müssen wir eine so viel als constituirte Gesellschaft für Ausführung der Gotthardbahn entgegensetzen können: sonst ist unser Project in Italien comprommittirt! Und daß wir Italien für die Verwirklichung desselben bedürfen, sowie daß wir die mit so vieler Mühe geschaffene günstige Stimmung in Italien für den Gotthard nicht verloren gehen lassen dürfen – darüber werden wir beide, | denke ich, einig sein. Ich bitte Sie also wiederholt & dringend, mit größtem Nachdrucke darauf hinwirken zu wollen, daß ich beförderlich weitere Eröffnungen im Sinne meines Briefes vom 4. erhalte.

Hinsichtlich Ihrer persönlichen Angelegenheit, die Sie am Schlusse Ihrer verehrl. Zuschrift vom 5. berühren, werden Sie mich mit Freunden bereit finden, Ihren Wünschen Vorschub zu leisten & sachbezügliche Vorschläge unserm Consortium zu machen. Es scheint mir aber wünschbar zu sein, daß wir diese Angelegenheit vorerst mündlich mit einander besprechen & ich denke, daß, wenn die Verhandlungen mit der deutschen Finanz den durch die Umstände gebotenen Fortgang nehmen, wir bald da oder dort persönlich zusammentreffen werden.

Mit größter Spannung Ihrer weitern Mittheilungen entgegensehend verbleibe ich in den alten Gesinnungen ganz Ihr

Dr A Escher

Kommentareinträge

Nachträgliche Adresse oben links auf Seite 1 von Eschers Hand mit Bleistift: «HerrnA. v. Sybel | Abgeordneter u. s. f | Berlin» .