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Korrespondenz: Alfred Escher – Alexander von Sybel

AES B5864 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007

Alexander von Sybel an Alfred Escher, Berlin, Samstag, 5. Februar 1870

Schlagwörter: Eisenbahnen Finanzierung, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Presse (allgemein), Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Berlin Samstag 5. Februar 1870

Ich schulde Ihnen, mein hochverehrtester Herr, noch die durch meine Depesche von Dienstag d. d. Cöln avisirten nähern Nachrichten, welche ich Ihnen erst geben wollte, nachdem ich hier wiederum verhandelt hatte. Demgemäß theile ich Ihnen heute mit, daß Abr. v Oppenheim vielleicht schon gegen den 20. Februar hier eintrifft, u. daß wir dann Sie bitten würden, schon vor Anfangs März hier einzutreffen. Ich halte Ihre Anwesenheit hier für nützlich, nicht bloß um der Unterhandlungen mit den Bankiers, sondern auch um einer Besprechung mit dem leitenden Staatsmännern willen fast für nöthig. Was die erstern angeht, so denke ich daß der allseits vorhandene gute Wille das seinige thun wird. Mevissen hält ebenfalls den Ihnen s. Z. mitgetheilten Plan für bedenklich u. giebt der einfachen Aktienzeichnung den Vorzug, wenn es gelingt die künftige gute Rentabilität der Bahn plausibel zu machen; u das meine ich, wird zu machen sein. Ich möchte darum bitten, zu diesem Zweck das geeignete Material bereit zu halten. Oppenheim u Bleichroeder wollen die Sache ebenfalls auf das bestimmteste. Es wird sich also wesentlich darum handeln welche Bedingungen man für die Emission feststellt u. wie man die Emissionen regulirt; da das ganze Capital zunächst nicht erforderlich ist, sondern erst im Laufe der Bauperiode successive flüssig zu machen ist, so wird zu überlegen sein, wie erstens die Gesellschaft | sicher gestellt wird u zweitens wie man die Übernahme vor zu großen Chancen bewahrt. Hansemann ist gestern Abend zurückgekehrt und werde ich in diesen Tagen mit ihm u Bleichröder in dieser Richtung weiter verhandeln. Damit also in dieser Richtung die Sachen zum Abschluß kommen, ist es nothwendig, daß das Schweizer Consortium durch Sie hier das Zusammengehen mit den hiesigen Bankiers constatirt.

Wäre nur das Verhalten unserer Bundesregierung ebenso connivent. Bismark will die Sache; er faßt sie ebenso groß auf, wie alles andere, und möchte am liebsten, daß man sofort bauen und bald möglichst durch den Tunnell fahren könnte. Die Mittel das Unternehmen ins Leben zu rufen, haben seiner detaillirten Erwägung weniger unterlegen; er hat deren Präcisirung dem Minister Delbrück überlassen. Alle meine eindringlichen Vorstellungen haben nur nicht vermocht, diesen Herrn abzuhalten, in die Frage von der Beschaffung der Subsidien eine Reihe kleinlicher Momente hineinzutragen, und den Grundsatz zu verlassen, welcher bei allen großen Dingen maaßgebend bleiben soll nämlich den der Einfachheit. Es ist ihm gelungen, diese Frage einen recht complicirten Charakter zu geben, indem er anscheinend selbstverständliche Ideen u Vorschläge dem Grafen B. unterbreitete. In der Schweiz in Italien u Baden betheiligen sich die direkt interessirten Eisenbahnen | bei den Subsidien, also müssen u werden dies auch die norddeutschen Bahnen thun. Diese sind theils Staats – theils Privatbahnen, also fordern wir die Privatbahn Gesellschaften auf, ein viertel (25%) der Subsidien zu übernehmen u fordern wir den preußischen Staat auf, dasselbe als Eisenbahn- u Grubenbesitzer zu thun. Namentlich das letztere wird einen guten Eindruck auf unsere norddeutschen BundesGenossen machen etc. etc. Dies hat Bismark im allgemeinen gebilligt. Delbrück verfügt demnach u. was ist nun die Folge? Der preußische Landtag muß ebenfalls gefragt werden, also doppelte parlamentarische Arbeit, die Eisenbahnen der PrivatGesellschaften wehren sich ganz entschieden gegen die Zumuthung. Sie sagen, daß ihr Verhältniß zur Gotthardbahn, doch ein wesentlich anderes sei, als das der Schweizer u Italienischen Bahnen. Ihr Verhältniß rechtfertige eine Betheiligung am Actiencapitale, aber nichts weiteres. Sie hätten zu Subsidien die Statuten zu ändern, die GeneralVersamlungen zu fragen. Was sind 25% von einer noch nicht festgesetzten Summe? Wie sollen diese 25% von den drei betheiligten Bahnen aufgebracht werden, deren Interesse keineswegs identisch sind! – Diesen u andern Einwürfen ist mit gutem Rechte nicht viel entgegenzusetzen. Dennoch ist es mir gelungen, bei Mevissen, der einen weiten politischen Blick hat, durchzusetzen, daß die rheinische Bahn kein positives Nein auf Delbrücks Brief antworten wird. Bei der Cöln Mindener Bahn (Dagobert Opph. ) ist dies aber eine Sache positiver Unmöglichkeit gewesen. Auch die bergische Märkische Bahn (Daniel v. d Heydt in Elberfeld ) will wie die Rheinische antworten | Indessen ist es klar, daß bei dem wie mir scheint, unerschütterlichen Widerspruch der Köln Mindener Bahn die größere Bereitwilligkeit der letztern die Schwierigkeiten nicht haben wird. Alle drei Privatbahnen haben eine Menge Fragen vorliegen, welche zwischen ihnen u. der Regierung ventilirt werden. Sie werden diese neue Anforderung der Regierung im besten Falle dazu benutzen, um irgend wo anders irgend welches Zugeständniß zu erreichen. Genug Schwierigkeiten? Weitläufigkeiten ohne Ende. Halte ich damit Delbrücks Wort «die Subsidien der Bahnen seien creditiv sine qua non der Bundessubsidie» zusammen, «so wird noch manches pourparler stattfinden müssen, um Fluß in die Sache zu bringen.» Ich überlegte gestern mit Obst Hammer, ob ich nicht als Repräsentant des Comite's ein Expose an Bismark richten sollte, welches ihn auf diese epineuse Lage der Sache aufmerksam mache. Wir hatten das Bedenken, daß Delbrück dadurch noch schwieriger gestimmt werden möchte u. schlossen damit, ich möge zuerst den mündlichen Weg versuchen. Der soll nun allerehestens geschehen. Ich kann mir nicht denken, daß B. eine Verschleppung der Sache will, und daß er nicht alles thun will, um bald möglichst eine definitive Basis auch für die Constituirung der AktienGesellschaften zu schaffen. Noch habe ich zu erwähnen, daß D. mir sagte, die süddeutschen Staaten sollten erst über ihre Rate angesprochen werden, wenn die Betheiligung der Eisenbahnen durchgesetzt sei. Mir scheint dies | in sich so corrupt, daß ich nur einen Erklärungsgrund dafür finde: D. will den Eisenbahnen gräulich machen. Sie sollten Schuld sein, wenn alles scheitert u da sie dies nicht wollen können oder dürfen, so werden sie zu den Subventionen beitragen. Ich fürchte, er macht die Rechnung ohne den Wirth. So leicht sind die Herrn in Cöln u Elberfeld nicht zu fassen. Sie werden zu gut Gebrauch machen von ihrer Bereitwilligkeit Actien zu zeichnen. So liegen hier die Sachen. Im übrigen ist u bleibt die allgemeine Stimmung gut.

Nun sagen Sie mir, mein verehrtester Gönner, welche Bewandtniß hat es mit der Correspondenz aus Bern ** in der gestrigen Cölnischen Zeitung? Was ist das für ein Gerücht über das Consortium der europäischen Finanz? u. welche Bewandtniß hat es mit einer neuen Äußerung Bismarks an die Schweiz, daß der Nordbund nur für den Gotthard eintrete? Ist diese Correspondenz nur Sensationsnachricht oder liegt dem europäischen Finanz Consortium irgend etwas wahres zu Grunde? In Holland hat vielleicht die Rheinbahn ein Interesse. Finanzleute, die ich sondiren ließ, refüsiren die Betheiligung an der Actienemission, weil in Holland kein Geschmack für derartige Papiere sei. Und Belgien? Dessen Interesse ist näher liegend, u. dürfte wohl schon zutreten. Will es Subsidien geben, so möchte ich anheimstellen, die 85 Mill. um Belgiens | Subsidien zu erhöhen u. diese Erhöhung dazu zu benutzen, um für die Placirung des Aktiencapitals Erleichterungen zu schaffen, resp. zur Ausgleichung von Provisionen u Coursdifferenzen zu benutzen. Ich gebe dies als eine Idee, welche mir beim Lesen jenes Zeitungs Artikels auffiel. Ich verfolge natürlich alle Nachrichten aus der Schweiz mit größtem Interesse u beglückwünsche Sie zunächst wegen der Erfolge, welche die Conferenz vom 24/ gehabt hat. Wenn wir nur vorwärts kommen. Montag haben wir wieder eine Besprechung bei Bleichröder. Kommt etwas erhebliches vor, so erhalten Sie gleich Nachricht.

Und nun zum Schluß noch etwas persönliches. Wir haben früher einmal rege durch Vermittlung des Hr Stoll über meine Stellung zur Sache correspondirt. Ihr Comite wollte damals auf eine nähere Bezeichnung derselben noch nicht eingehen. Dürfte ich wohl jezt die früher gestellte Anfrage wiederholen? Der Besitz einer gewissen Legimitation als Repräsentant des Comites wäre mir doch sehr erwünscht u nicht minder natürlich werden Sie es finden, wenn ich irgend welche Aussicht habe u. zwar mit Ihrem Einverständniß, mit der Arbeit u Sorge für eine große Sache auch eine gewisse Entschädigung für mich zu sichern, mit andern Worten | nicht avoir travaillé pour le roi de Prusse, sondern pour la Suisse in mein Buch verzeichnen zu können. Ich lege Ihnen dies vertrauensvoll vor und bitte Sie mir Ihre Ansicht unumwunden zu sagen. Sie werden am besten ermessen, ob ich Ihrer Sache genützt habe u noch nütze oder nicht; u. wollen Sie dabei nur gütigst erwägen, daß auf unserm Terrain die erste Regel Behutsamkeit war u. Vorsichtigkeit, zu welcher die Schwierigkeiten in Zuständen u Personen ebenso aufforderten, wie die Nothwendigkeit nicht in die Lage zu kommen, auch nur einen halben Schritt jemals rückwärts zu thun. Lassen Sie diese Reflektion nicht Ihre Meinung allein bestimmen; sondern nur Ihr Urtheil nachsichtiger machen. Und Glauben Sie mir ferner, daß meine Begeisterung für die Sache und dies Gefühl für die Auszeichnung, an ihr mitzuwirken Nichts von jenem Wunsche abhängiges ist.

Für heute leben Sie wohl u. seien Sie aufs herzlichste gegrüßt von

Ihrem
aufrichtig ergebenen

v. Sybel