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Korrespondenz: Alfred Escher – Alexander von Sybel

AES B5863 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007 (Abzug)

Alfred Escher an Alexander von Sybel, Zürich, Freitag, 4. Februar 1870

Schlagwörter: Bankinstitute, Eisenbahnen Finanzierung, Gotthardbahnprojekt, Schweizerische Centralbahn (SCB), Schweizerische Nordostbahn (NOB), Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Zürich 4 Febrr 1870.

Mein verehrtester Herr!

Im Besitze Ihres geschätzten Schreibens vom 30. vor. Mon. & Ihres von Cöln datirten Telegrammes vom 1 dss. Mon. hätte ich Ihnen umgehend auf die in denselben enthaltenen wichtigen Mittheilungen geantwortet, wenn Sie mir nicht in Ihrerm Telegramme briefliche Nachrichten in Aussicht gestellt & ich es für angezeigt gehalten hätte, dieselben abzuwarten, bevor ich Ihnen schreibe. Da nun aber der erwartete Brief mir bis zur Stunde nicht zugekommen ist, so darf ich es doch nicht länger verschieben, mein Antwortschreiben an Sie abgehen zu lassen & zwar umso weniger, da es zum Theile dringlicher Natur ist.

Ihren gef. Mittheilungen habe ich mit großer Befreidigung entnommen. 1, daß die Herren Bleichröder, Hansemann | & Oppenheim sich bereit erklärt haben, gemeinschaftlich mit unserm Schweizerischen Consortium das Capital für die Ausführung der Gotthardbahn zu beschaffen; 2., daß Hr. Bleichröder in Folge der Bedenken, die ich gegen den ersten von ihm entworfenen Finanzplan zu erheben genöthigt war, die Geneigtheit ausgesprochen hat, denselben einer Modification zu unterwerfen; 3., daß in Berlin eine demnächst abzuhaltende Conferenz zwischen den Preußischen Bankhäusern, bez.weise Bankinstituten & uns zu abschließlichen Verhandlungen über die Bildung der Gesellschaft zur Ausführung der Gotthardbahn in Vorschlag gebracht wird. Ich wiederhole, daß ich mich dieser wichtigen Ergebnisse Ihrer unermüdlichen Thätigkeit, welche durch die günstige Stimmung für den Gotthard in den offiziellen Kreisen Ber| lin's auf's glücklichste secundirt worden ist, sehr freue, & ich zweifle nicht daran, daß der Ausschuß unsers Consortium's, dem ich – nach der Haltung Ihres letzten Briefes zu schließen – nunmehr von allem bisher Geschehenen rückhaltlose Mittheilung glaube machen zu dürfen, den gleichen Eindruck empfangen wird. Bevor ich den Ausschuß berathen habe, was künftigen Dienstag geschehen wird, kann ich Ihnen unbedenklich erklären, daß wir an einer Conferenz, wie die uns vorgeschlagene, mit Vergnügen Theil nehmen werden & daß sie auch hierseits als das geeigneteste Mittel angesehen wird, um die Bildung der Gesellschaft für Ausführung der Gotthard bahn nach Thunlichkeit zu beschleunigen.

Als sehr fördernd für den Zweck, den wir im Auge haben, würde ich es übrigens betrachten, wenn Hr. Bleichröder & seine Freunde uns den von ihnen in Folge unserer Correspondenz modifizirten Entwurf des Finanz| planes vor der Conferenz zu übermitteln die Güte hätten. Wir würden dadurch in die Lage gesetzt, den Entwurf mit unsern Freunden aus der Finanz- & aus der politischen Welt besprechen zu können – es würde dieß in ganz confidentieller Weise geschehen – & es wäre in Folge dessen die hierseitige Abordnung zu der Conferenz eher im Stande, zu raschen & abschließlichen Vereinbarungen Hand zu bieten. Ich kann nicht genug Nachdruck darauf legen, wie zweckmäßig dieses Verfahren wäre, & ich ersuche Sie sehr, darauf zu dringen, daß es in Anwendung gebracht [werde?].

Eine drohende Wolke an dem Horizonte [unserer?] Bestrebungen scheint mir die Italienische Finanzwelt zu sein! Bisher hielt [sich das?] Programm fest, daß die Deutsche & die Schweizerische Finanz zunächst einen Plan für die Bildung der Gesellschaft zu der Ausführung der Gotthardbahn entwerfe & daß | dann dieser Plan der Italienischen Finanz theils zur Geltendmachung von Ausstellungen, die sie zu machen haben möchte, theils mit der Einladung mitgetheilt werde, der Combination, & zwar in erheblichem Maaße, beizutreten. In meiner Correspondenz mit dem quasi Vertreter der Italienischen Finanz, dem Baron Podesta, Syndic von Genua, ist es mir bis zu diesem Augenblicke gelungen, jenes Programm aufrecht zu erhalten. Ich sehe aber wohl & in jedem Briefe, den ich von Podesta erhalte, mehr, daß diesen Italienischen Herren, & zwar namentlich den Genuesen, die Geduld zu reißen beginnt & daß sie nähere Mittheilungen über die Verhandlungen zu erhalten wünschen, welche in Betreff der Bildung der Gesellschaft zwischen Deutschland & der Schweiz gepflogen werden. Ich fürchte sehr, daß, wenn nun eine Conferenz, wie die von Berlin vorgeschlagene & von uns angenommene abgehalten wird, ohne | daß die Italienische Finanz dabei vertreten ist, hieraus Veranlassung zu Mißstimmungen geschöpft werden möchte, welche uns in Italien sehr nachtheilig werden könnten. Es dürfte also sehr der Erwägung werth sein, ob nicht z. B. der Baron Podesta zu der Conferenz eingeladen & ob nicht hinsichtlich der Bestimmung des Conferenzortes etwelche Rücksicht auf ihn genommen werden sollte. Ich füge bei, daß Italienischer Seits immer von einer «vingtaine de millions» die Rede ist, die von dorther zu erwarten sei, & daß versichert wird, es werden Städte, Provinzen u. s. f. Actien übernehmen mit der Verpflichtung, sie bis zur Eröffnung des großen Tunnels nicht zu verkaufen.

Der 4 März als Conferenztag dürfte bei uns darum auf Schwierigkeiten stoßen, weil gerade an diesem tage die Generalversammlungen der Nordostbahn & der Centralbahn Statt finden werden, in welchen die Beschlüsse | betreffend Subventionirung der Gotthard bahn gefaßt werden sollen. Der 7 März & die darauf folgenden Tage dürften dagegen hierseits conveniren.

Aus den offiziellen Kreisen Italiens habe ich in den letzten Tagen durchaus günstige Berichte erhalten. Das gegenwärtige Ministerium ist dem Gotthardprojecte entschieden gewogen & wird den Vertrag zwischen Italien & der Schweiz betr. dieses Project den im März zusammentretenden Kammern zur Genehmigung vorlegen. Das Circular des Bauminister Gadda, vermittelst dessen er die Provinz & Städte zur Betheiligung bei der von Italien zu beschaffenden Subventionen einladet, werden Sie gesehen haben. Es wurde in Folge einer Berathung des Gesammtministerium's erlassen. Man schreibt mir heute aus Italien, Florenz werde mit dem guten Beispiele vorangehen & eine Subvention für die Gotthardbahn | votiren.

In der Schweiz machen wir täglich, wenn auch in langsamer & mühsamer Weise, Fortschritte. Die unmittelbare Demokratie ist nicht dazu angethan, die Leistungsfähigkeit des Staates für die Lösung großer Fragen zu bewähren. Auf der von dem Bundesrathe auf den 24 vor. Mon. veranstalteten Conferenz hat die Beschaffung der Schweizerischer Seits beizubringenden Subventionen freilich namentlich in Folge der Handbietung der Eisenbahngesellschaften einen großen Schritt vorwärts gethan. In der öffentlichen Meinung der Schweiz gewinnt die Gotthardsache unläugbar von Tag zu Tage.

Die in diesen Tagen erfolgte Erklärung Bismark's, daß er das internationale Schlußprotokoll demnächst dem Reichsrathe, bez.weise Bundesrathe vorlegen werde, ist sehr erfreulich. Demgegenüber sagte der Pariser Rothschild Anfangs gegenwärtiger Woche einem meiner Bekannten «er wolle nicht mehr Rothschild sein, wenn der Gotthard gebaut werde!»

Von Herzen Ihr

Dr A Escher

Kommentareinträge

Nachträgliche Adresse oben links auf Seite 1 von Eschers Hand mit Bleistift: «H. v. Sybel | Abgeordneten &ca | Berlin» .