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Korrespondenz: Alfred Escher – Alexander von Sybel

AES B5853 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007 (Abzug)

Alfred Escher an Alexander von Sybel, Zürich, Sonntag, 2. Januar 1870

Schlagwörter: Eisenbahnen Finanzierung, Gotthardbahnprojekt

Briefe

Zürich 2 Januar 1870

Hochverehrter Herr!

Empfangen Sie vor allem meine herzlichen Glückwünsche zum neuen Jahre. Einen freundlichen Lichtpunct in dem verflossenen Jahre bildet für mich die Bekanntschaft, welche ich im letzten Herbste mit Ihnen zu machen das Vergnügen hatte. Mögen die freundschaftlichen Beziehungen, die sich dabei zwischen uns anknüpften, immer enger werden & unaufhörlich sein!

Ich war eben im Begriffe, die Mitglieder des Consortium's für Ausführung der Gotthardbahn zu versammeln, um die Frage der Modification & Erneuerung der Verpflichtungsscheine, welche aus | den Ihnen in meinem Schreiben vom 24 November vorigen Jahres entwickelten Gründen nothwendig ist, zur Verhandlung zu bringen, als ich Ihr Telegramm aus Cöln vom 17 Dez. & sodann Ihre verehrl. Zuschrift aus Düsseldorf von demselben Tage erhielt, wodurch Sie mich benachrichtigten, daß in Berlin (Hansemann & Bleichröder) & am Rheine (Oppenheim & Schaaffhausen ) Geneigtheit vorhanden sei, zu einer Combination für Aufbringung des Gesellschaftscapitales zur Ausführung der Gotthardbahn Hand zu bieten, daß zu diesem Ende hin voraussichtlich ein Finanzplan werde ausgearbeitet & daß er unserm Schweizerischen Consortium werde vorgelegt werden, um sodann vereint mit demselben in Sachen weiter vorzugehen. Sie sprachen schließlich | die Hoffnung aus, «mir in spätestens 8 Tagen weitere detailirte & gute Nachrichten geben zu können».

Ich brauche Ihnen wohl nicht erst zu sagen, daß diese Mittheilungen mir sehr erwünscht kamen: denn ich hatte schon in dem oben erwähnten Briefe die Ehre, hervorzuheben, daß die Erneuerung der Verpflichtungsscheine der Schweizerischen Mitglieder des Consortium's sehr dadurch erleichtert würde, wenn die Finanzinstitute & Bankhäuser in Deutschland & namentlich in Berlin, welche geneigt sind, bei der Bildung der Gesellschaft für Ausführung der Gotthardbahn mitzuwirken, diese Bereitwilligkeit in etwas bestimmterer Weise, als dieß bisanhin der Fall war, Kund geben würden. In Folge Ihrer | Mittheilungen habe ich die Einberufung der Schweizerischen Mitglieder des Consortium's unterlassen, dafür aber ein Circular an dieselben gerichtet, in welchem ich als Grund für diese Unterlassung anführte, es sei mir «Aussicht auf Mittheilungen betreffend Gewinnung auswärtigen Capitales für die Gotthardunternehmung gemacht worden, welche dazu geeignet sein könnten, die von den Schweizerischen Participanten des Consortium's hinsichtlich der Erneuerung der Verpflichtungsscheine zu fassenden Entschlüsse in Maaßgebender Weise zu beeinflussen!» Selbstverständlich habe ich mich in meinem Circulare & auch sonst auf diese ganz allgemeinen Andeutungen beschränkt & weder Personen noch auch nur Länder genannt, von denen die Eröffnung | jener Aussicht ausgegangen sei. Vielmehr hielt ich mich strenge an Ihren Wunsch, daß ich Ihre Mittheilung als bloß für Hrn. Welti & mich geschehen behandeln möge.

Die 8 Tage, binnen welchen Sie mir weitere Nachrichten geben zu können hofften, sind nun mehr als verstrichen, ohne daß ich durch Mittheilungen von Ihrer verehrl. Seite erfreut worden wäre. Ich bin vorab davon überzeugt, daß die Schuld hieran nicht in Ihnen zu suchen ist, kenne ich ja Ihre unermüdliche Thätigkeit für die Verwirklichung der großen Unternehmung. Ich gebe mich auch der Hoffnung hin, daß die Ursache Ihres Stillschweigens nicht in einer Sinnesänderung der Berliner & Rheinischen Financiers, mit welchen Sie in Verbindung stehen, sondern le| diglich in der gegenwärtigen Festzeit (Weihnachten & Neujahr), welche der Behandlung von Geschäften, wie das in Rede stehende, nicht förderlich ist, zu erblicken ist. Gleichwol wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mir Mittheilungen über den gegenwärtigen Stand Ihrer Verhandlungen mit den Financiers von Berlin & vom Rheine zu machen die Güte haben würden. Ich bedarf derselben in hohem Maaße zu meiner Richtschnur für mein Verhalten gegenüber den Schweizerischen Antheilhabern des Consortium's & auch gegenüber den Behörden.

Wir sind hier in der Schweiz mit der Beschaffung der 20 Millionen Subventionen beschäftigt, die uns aufgebürdet worden sind. Kein geringes Stück | Arbeit namentlich auch Angesichts der vielfach zu Tage tretenden Stimmung, als wäre die Ausführung der Gotthardbahn als gesichert zu betrachten & als bedürfte es deshalb hiefür keiner weitern Anstrengungen mehr!!

Aus Italien lauten die Berichte hinsichtlich der Stellung, welche das Ministerium zu der Gotthardunternehmung einzunehmen gedenke, in den letzten Tagen eher ungünstig. Inwiefern diese Nachrichten bloß tendenzioser Natur seien oder auf der Wirklichkeit beruhen, werde ich zweifelsohne morgen von dem Italienischen Gesandten in Bern, wohin ich mich heute Abend zu begeben gedenke, erfahren. Bei der großen Wichtigkeit, welche der Stellung beizumessen ist, die Italien zu unserer | Unternehmung einnimmt, werde ich nicht verfehlen, Sie gleich nach meiner Rückkehr von Bern von dem Ergebnisse meiner Unterredung mit Hrn. Melegari zu unterrichten.

Sehr gespannt auf Ihre weitern gefälligen Mittheilungen verbleibe ich mit herzlichen Grüßen

ganz Ihr

Dr A Escher

Kommentareinträge

Nachträgliche Adresse oben links auf Seite 1 von Eschers Hand mit Bleistift: «Herrn A. v. Sybel | Mitgl. ds K. Preuß. Ageordnetenhss | Berlin