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Korrespondenz: Alfred Escher – Alexander von Sybel

AES B5850 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007 (Abzug)

Alfred Escher an Alexander von Sybel, Zürich, Mittwoch, 24. November 1869

Schlagwörter: Eisenbahnen Finanzierung, Gotthardbahnkonferenzen, Gotthardbahnprojekt, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Zürich 24 November 1869.

Mein hochverehrtester Herr!

Indem ich Ihnen Ihre geschätzte Zuschrift vom 15 dss. Mon. bestens verdanke, habe ich derselben mit Vergnügen entnommen, daß Sie mit dem Gedanken einig gehen, in Italien, Deutschland, der Schweiz & vielleicht auch in Frankreich (Elsaß), Belgien & Holland an die bei der Ausführung der Gotthardbahn interessirten & nicht bereits anderweitig für diesen Zweck in Anspruch genommenen öffentlichen Corporationen (Städte, Provinzen u. s. f.), Eisenbahngesellschaften, Kohlenbergwerke, großen industriellen Etablissements u. s. f. zu gelangen, um sie zur Übernahme einer möglichst großen Zahl von Actien zum Paricurse & mit der | Verpflichtung zu veranlassen, diese Actien binnen 3 Jahren, von der Constituirung der Gesellschaft an gerechnet, nicht zu veräußern. Aus Ihrer Zuschrift an Herrn Landesrath Rennen in Cöln, von welcher Sie mir eine Abschrift zu übermitteln die Güte hatten, habe ich überdieß gerne ersehen, daß Sie bereits in diesem Sinne in Deutschland zu wirken & namentlich auch Schritte Delbbrücks zu paralysiren begonnen haben, welche die Unterbringung von Actien zu den oben angegebenen Bedingungen in Deutschland in außerordentlichem Maaße zu erschweren geeignet sind. Ich habe eben heute wieder ein Schreiben an Herrn Correnti in Antwort auf 1 einen mir gestern von ihm zugekommenen 2 Brief abgehen lassen, in welchem ich Herrn3 Corren| ti dringend ersuchte, in Italien für Uebernahme von Actien der bezeichneten Art durch Städte, Provinzen u. s. f. wirken zu wollen. Dabei habe ich ihm natürlich mitgetheilt, daß wir in gleichem Sinne in den andern betheiligten Ländern thätig seien. Es liegt auf flacher Hand, daß, wenn in Deutschland keine solche Actien übernommen würden oder wenn dieß nur in beschränktem Maaße der Fall wäre, dieß auch eine Enthaltung Italien's zur Folge haben müßte. Wenn dann aber hieraus die Nothwendigkeit hervor ginge, auf dieses außerordentlich wirksame Mittel zur Herbeiziehung des Privatkapitales für Bildung der Gotthardbahngesellschaft zu verzichten, so wäre dieß im Interesse der Sache sehr zu beklagen. Ich gestehe, daß es mir völlig unverständ4 | lich ist, wie ein so practischer Staatsmann, als welcher Delbrück ohne Zweifel anzusehen ist, erklären kann, er kümmere sich um die Bildung der Gesellschaft für Ausführung der Gotthardbahn nicht. Ohne eine solche Gesellschaft wird der Gotthard eben ungebaut bleiben & alle Weisheit, welche die Staatsbehörden für denselben in Thätigkeit gesetzt haben, wäre dann als unnütze Vergeudung zu betrachen! Ich sehe hier eine entschiedene Gefahr & möchte Sie daher dringend bitten überall, wo es nothwendig ist, auf das nachdrucksamste darauf hinwirken zu wollen, daß Deutschland eine erhebliche Actienbetheiligung der verstandenen Art eintreten lasse.

Was die von Ihnen aufgeworfene Frage betrifft, ob die Pariübernahme einer Quote des Actiencapitales der zukünftigen | Gesellschaft oder dem Consortium zu gute kommen solle, so scheint mir dieselbe einstweilen noch eine offene bleiben zu können & überdieß vermag ich ihr eine große practische Bedeutung nicht abzugewinnen. Handelt es sich aber bloß um die beste in Anwendung zu bringende Form, so wird diese wohl in demjenigen Verfahhren zu finden sein, welche den bekannten Vorwürfen von Plusmacherei u. s. w. am wenigsten Nahrung gibt.

Ich komme nun einen Punct bei Ihnen zur Sprache zu bringen, der für unser Gotthardconsortium von großer Bedeutung ist. Die Zeichnung von ca 30 Millionen Franken in Actien der Gotthardbahn, welche wir in der Schweiz zu Wege gebracht haben, erfolgte, wie Ihnen ohne Zweifel bekannt ist, unter der Beding| ung, «daß die Zusicherung von Subventionen in Betrage von 80–90 Millionen Franken bis längstens Ende dieses Jahres in verbindlicher Weise erfolge.» Von einer Erfüllung dieser Bedingung kann selbstverständlich keine Rede sein. Es wird also gewissermaßen eine Erneuerung der Zeichnungen erfolgen müssen. Nach der Ansicht mehrerer Mitlieder des Ausschusses unsers Consortium's würde nun diese Erneuerung sehr dadurch erleichtert werden, daß die Finanzinstitute & Bankhäuser in Deutschland & namentlich in Berlin, welche geneigt sind, bei der Bildung der Gesellschaft für Ausführung der Gotthardbahn mitzuwirken, diese Bereitwilligkeit in etwas bestimmterer Weise, als dieß bisanhin der Fall war, Kund geben würden. Wenn | diese Banken & Financier's vor der internationalen Conferenz Bedenken trugen mehr hervorzutreten, als sie es gethan, so hat sich dieß begreifen lassen. Nachdem nun aber mittlerweile die internatinale Conferenz statt gefunden & einen Verlauf genommen hat, der an der Handbietung der betheiligten Staaten für Verwirklichung des Gotthardprojectes nicht zu zweifeln gestattet, dürfte die in solcher Weise geschaffene Sachlage es auch den vorsichtigsten Financiers gestatten, nun etwas deutlicher mit der Sprache herauszurücken, namentlich da es ja selbstverständlich unbenommen ist, Bedingungen, bez.weise Voraussetzungen einer allfälligen Erklärung vorausgehen zu lassen. Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie darauf hinzuwirken | die Gefälligkeit haben wollten, daß die Berliner & Rheinländischen Bankinstitute & Bankhäuser ihre Absicht, zu der Bildung der Gotthardbahngesellschaft Hand zu bieten, in bestimmterer Weise, als dieß bisanhin der Fall war, Kund geben. Ob dieß in der einen oder in der andern Form geschehe, so würde es mir die Erfüllung der Aufgabe, die Erneuerung der Zeichnungen des Schweizerischen Theiles des Consortiums zu erwirken, in sehr bedeutendem Maaße erleichtern.

Noch interessirt es Sie wohl zu vernehmen, daß wir für die Vervollständigung der Schweizerischen Subventionen auf 20 Millionen in voller & wie wir hoffen, erfolgreicher Thätigkeit sind, & daß nach der Ansicht Melegari's die gegenwärtige Ministerkrise in Italien keinen ungünstigen Einfluß auf die Gotthardangelegenheit ausüben wird.

Mit Spannung Ihrer Rückäußerung entgegensehend

herzlichst

Ihr

Dr A Escher

Kommentareinträge

Nachträgliche Adresse oben links auf Seite 1 von Eschers Hand mit Bleistift: «H A. von Sybel | Mitgl. des Abgeordnetenhauses | Berlin» .

1Nachträgliche Notiz von Eschers Hand mit Bleistift: «einen mir» .

2Nachträgliche Notiz von Eschers Hand mit Bleistift: «kommenen» .

3Nachträgliche Notiz von Eschers Hand mit Bleistift: «welchem ich Herrn Correnti» .

4Seite 3 von Eschers Hand mit Bleistift geschrieben.