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Korrespondenz: Alfred Escher – Alexander von Sybel

AES B5848 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007

Alexander von Sybel an Alfred Escher, Berlin, Montag, 25. Oktober 1869

Schlagwörter: Gotthardbahnkonferenzen, Gotthardbahnprojekt, Presse (allgemein), Staatsverträge, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Berlin, französische Straße No 11. u 12. am 25. Oct. 69.

Mein hochverehrtester Herr!

Ihr liebenswürdiger Brief vom 16. dMts übermittelte mir die Protocolle und Verhandlungen der GotthardConferenz, für welche Sendung ich zunächst Ihnen meinen herzlichsten Dank sage. Durch Herrn Weisshaupt war ich bereits im wesentlichen unterrichtet worden und freute ich mich sehr, nach einem genauern Studium der Akten bestätigt zu sehen, daß die für die preußischen Conferenzbetheiligten so hoffnungslos und schier verzweiflungsvoll begonnenen Unterhandlungen zu einem so befriedigenden Abschluß geführt haben. Es verdient die Bezeichnung «meisterhaft», daß dieser Abschluß durch den Staatsvertrag zwischen der Schweiz und Italien eine, ich möchte sagen förmliche Unantastbarkeit gewonnen hat. Der Eindruck, welchen dieser Verlauf hier gemacht hat, ist im Ganzen nur als ein günstiger zu bezeichnen, wenngleich die Thatsache des Staatsvertrages in officiellen Kreisen hier einigermaaßen überrascht hat. Das Gefühl ist indessen lebendig, daß die bisherige zuwartende Position nicht lange mehr aufrechterhalten werden kann, und die Entscheidung nahe gerückt ist.

Bei meiner Ankunft hierselbst gewann ich die Überzeugung, daß die deutlichen Briefe, welche Herr v R., W. u. ich hierher gerichtet | hatten, nicht ohne Wirkung geblieben waren. Man erklärte sich mit dem Inhalte der Beschlüsse in ihrem ganzen Umfange einverstanden und trat sofort in Überlegung, wie man gegen Baden vorgehen sollte, und dasselbe zu einer andern Position zur Sache zu bestimmen. Ich habe Grund anzunehmen, daß in dieser Richtung Schritte geschehen sind, und bezweifele ich nicht, daß dieselben von Nutzen sein werden. Da es für die weitere Durchführung der Betheiligung Norddeutschlands sowohl im BundesRath wie in den betreffenden parlamentarischen Körperschaften von größter Erheblichkeit ist, daß Baden u. Würtemberg sich ihrem Interesse entsprechend zur Sache stellen und hierauf die diesseitigen Bemühungen gerichtet sind, so wird man Sorge tragen müssen, daß diesen kein Hinderniß bereitet wird. Das erheblichste Hinderniß aber würde sein, wenn Baden z. B. für sich mit einer Subsidie von 3 Mill frs. dem schweiz-ital. Vertrage beitreten und sich so gewissermaßen aus dem Bereich der preußischen Gesichtspunkte stellen würde. Ich möchte Sie und Herrn BundesPräsidenten Welti hierauf aufmerksam machen, und Ihnen bessere Erwägung unterbreiten, ob es sich nicht im Interesse der Sache empfehle, von Seiten der Schweiz u. Italiens, einen solch isolirten Beitritt Badens einstweilen fern zu halten, und nur den gleichzeitig gesicherten Beitritt, Badens, Würtembergs u Norddeutsch| lands als das allein fördernde u das allein zulässige fest zu halten. Abgesehen hiervon ist meine in Bern bereits geäußerte Ansicht zu bestätigen, daß alle Angelegenheiten von Erheblichkeit heute unter dem Drucke der uns den Finanzfragen erwachsenen politischen Situation und Unsicherheit in der Stellung der Parteien u Personen stehen. Die Stellung des Finanz- und des Handels Ministers sind momentan erschüttert. Bismark hält sich in der Entfernung. Eine gewisse Solidarität und Einheit im Ministerium u. den Bundeskanzleramte ist kaum wahrnehmbar. Ein solcher Zustand ist für richtige u. weittragende Entschließungen höchst ungeeignet, und noch ungeeigneter, etwa gefaßte Entschlüsse mit Energie u Geschick durchzusetzen. Wollen wir nun rebus sic stantibus unsere Gotthardsache weiterverfolgen, so müssen wir vorsichtig sein, um nichts zu verderben u. die Gelegenheit wahrnehmen. Jedenfalls sind die Budgetdebatten abzuwarten, ehe man mit irgend einem Nachdruck weiteragitiren kann.

Meine Unterhaltungen mit Herrn Hansemann sind bis jetzt an sich befriedigender Natur. Bleichröder u Oppenheim sind in Paris und wollen wir deren Rückkehr abwarten, um alsdann gemeinschaftlich zu überlegen. H. fand in den Conferenzbeschlüssen bis jezt nichts, was Bedenken erregen könnte, wohl aber theilte er meine Ansicht, daß die Banquiers (Schweizer wie Deutsche) vor allem darauf bestehen müßten, daß zunächst Nddeutschland, Baden u Würtemberg 20 Mill Subsidien zusichern und dem Staatsvertrag beitreten müßten u. daß Hrn Delbrück, Itzenplitz u v. d. Heydt darüber jeden Zweifel benommen werde, wie ohne dies die Finanzwelt nicht zu haben sei. |

Ich halte es für nützlich, wenn hier die Ansicht in officiellen Kreisen, welche mir wiederholt begegnet ist, daß die Schweizer haute finance im Bunde mit den schweiz. Eisenbahnen, das Capital allein beschaffen werde – ohne deutsche Subsidien u ohne deutsches Capital – einmal eine Widerlegung oder Zurückweisung von der Schweiz her erfahre. Vielleicht ist der Herr v. Roeder nah stehende Correspondent Hr. Kohlrusch? der Cölnischen Zeitung in Bern das richtige medium, um derartige Notizen in die deutsche Presse zu bringen, um auch von dieser Seite her eine geeignete Pression auszuüben. Wir müssen eben stets beweisen, daß es nur so, wie es bis jezt überlegt ist, gehen kann und anders eben nicht.

Hr. Hansemann u. ebenso ich, sind ferner der Meinung, daß es an der Zeit sei, den Abschluß des Staatsvertrags vorausgesetzt, auch die Statuten der künftigen Gesellschaft zu entwerfen. Wahrscheinlich sind Sie wohl schon mit dieser Arbeit beschäftigt und habe ich von Ihrer Güte wohl die Mittheilung s. Z. zu erwarten. – Vorwärts müssen wir, trotz aller Schwierigkeiten. Die öffentliche Meinung ist uns günstig. Sie fühlt, daß es schimpflich wäre, heute die erhobene Fahne aus der Hand zu legen. Und dies Gefühl muß u. wird durchschlagen. Es wird Sie interessiren, als schätzbares Detail zu erfahren, daß die Rheinische Eisenbahngesellschaft indirekt sich bei der Aktien Emission betheiligen wird.

Für heute muß ich abbrechen, haben Sie den dankbarsten Händedruck für Ihr Wohlwollen u. für die Nachsicht, die Sie mir fortfahren zu beweisen und seien Sie überzeugt, daß es ein Stolz meines Lebens sein wird, mit Ihnen gemeinschaftlich ein wahrhaft großes Ziel verfolgen zu dürfen. Empfehlen Sie mich, ich bitte darum, Herrn Welti, Herrn Stoll u. wer sich sonst meiner erinnert.

Ganz der Ihrige

A v Sybel|

Ich bitte wiederholt, mich von allem wissenswerthen unterrichtet zu halten. Es kann nicht schaden, wenn Hr v. Roeder einen außeramtlichen Secundanten hat; der hiesige Boden ist jezt eigenthümlicher Natur.