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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B5538 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_008

Alfred Escher an Josef Zingg, Bern, Dienstag, 4. Dezember 1866

Schlagwörter: Eisenbahnen Gutachten und Expertisen, Gotthardbahnprojekt, Gotthardtunnel, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochgeachteter Herr Schultheiß!

Ihre verehrl. Zuschrift vom 28 v. M. ist mir zu einer Zeit zugekommen, da ein Zusammentritt des Gotthard Ausschusses nicht wohl anderswohin als nach Bern hätte ausgeschrieben werden können. Es schien mir aber wünschbar zu sein, daß gerade in diesen Tagen & Wochen eine Sitzung des Gotthardausschusses in der Bundesstadt unterbleiben könne. Die Gründe, auf welchen diese Anschauungsweise beruht, habe ich Ihnen gegenüber näher auseinanderzusetzen nicht nöthig. Ich glaubte daher in Übereinstimmung mit Ihren Wünschen zu handeln, indem ich die Ansichten der in Bern weilenden Mitglieder des Gotthardausschusses über die Hrn. Fowler auf seine Zuschrift vom 23 v. M. zu ertheilende Antwort, sowie die daherigen Ansichten des Hrn. Director Schmiedlin kennen zu lernen suchte & dieselben Ihnen mittheile, damit Sie sodann nach genommener Rücksprache mit Hrn Landammann Müller durch Präsidialverfügung die Antwort an Hrn. Fowler feststellen können.

Die übereinstimmende Meinung der erwähnten Mitglieder des Gotthard Ausschusses geht nun dahin, es sollte Hrn. Fowler erwiedert werden, «der Ausschuß verwerfe die von Hrn. Fowler in seiner Zuschrift vom 23 v. M. ausgesprochenen Ansichten nicht von vornherein & sei daher bereit, auf eine nähere | Prüfung derselben auf Grundlage der zu gewärtigenden einläßlichen Vorlagen einzutreten; unter allen Umständen werde aber der Ausschuß sein Votum in Sachen erst abgeben können, nachdem diejenigen Staaten, von welchen der größte Theil der Subventionen zu erwarten sei, ihre einschlägige Willensmeinung Kund gethan haben werden; der Ausschuß glaube durch diese Rückäußerung Hrn Fowler soweit Auskunft ertheilt zu haben, als es zur Zeit möglich sei, & er sehe nun den von Hrn. Fowler in Aussicht gestellten weitern Vorlagen entgegen.»

Die Mitglieder des Ausschusses, mit denen ich über die Hrn. F. zu ertheilende Antwort verhandelt habe, halten übereinstimmend dafür, daß wir die Prüfung der Fow ler'schen Ideen nicht ablehnen dürfen, daß wir aber, nachdem sie uns in der klarern & bestimmtern Form von Planvorlagen & Kostenberechnungen werden unterbreitet worden sein, vor allem uns vergewissern müssen, welche Stellung Italien & Preußen zu denselben einnehmen, woraufhin wir erst im Falle sein werden, uns über das Fowler'sche Project auszusprechen. Es ist eben nicht zu vergessen, daß wir, wenn wir auf die Fowlerschen Ideen eingehen, Hauptgrundlagen verlassen, auf welchen die von uns publizirten technischen Gutachten beruhen.

Indem ich mich beehre, Ihnen diese Mittheilungen zu machen, sollen die nunmehr zu fassenden Schlußnahmen | Ihrer Willensmeinung gänzlich anheim gegeben sein.

Genehmigen Sie die erneuerte Versicherung ausgezeichneter Hochachtung von

Ihrem freundschaftlich ergebenen

Dr A Escher

Bern
4 Dezber 1866.

Hr. Dir. Schmiedlin wünscht den Fowler'schen Brief, nachdem Sie davon Gebrauch gemacht, einzusehen. Wollen Sie die Güte haben, ihn demselben dannzumal zu übersenden.

Hr. Ingr Koller, dem ich den Brief F's mitgetheilt habe, machte die Anregung, es dürfte zweckmäßig sein, Hrn. F. nochmals schriftlich zu erkennen zu geben, daß diejenige Lösung für das Comité die erwünschteste wäre, welche die Ausführung des großen Tunnels, wenn auch vielleicht erst später, nicht in Frage stellen würde, mit andern Worten, daß die obere Linie nun so viel Subsidien in Anspruch nähme, daß von den gehofften & berechneten 90 Millionen noch mindestens 60 zur Verwendung für den Tunnel übrig blieben. Ich habe Hrn. Koller hierauf wörtlich folgendes erwiedert: «Materiell bin ich mit Ihrer Ansicht ganz einverstanden. Formell dagegen gehe ich von der Anschauungsweise aus, daß Sie in einem keinen offi ziellen, sondern mehr einen persönlichen Character tragender Schreiben F. jener Standpunct als einen, der dem Comité genehm wäre, ja vielleicht allein von dem letztern adoptirt werden dürfte, zu Gemüthe führen sollten, daß aber das Comité sich nicht in dieser Weise offiziell gegen Hrn. F. aussprechen könnte. Es wür| de dieß nämlich nicht zu dem Standpuncte passen, der in dem bereits durch Vereinbarung der Mitglieder des Gotthardausschusses, immerhin unter Vorbehalt der Zustimmung des Tit. Präsidiums, beschlossenen Antwortschreiben an F. eingenommen wird. Das letztere läßt sich noch gar nicht auf die Materie der Sache ein, während die von Ihnen in Anregung gebrachte Ansichtsäußerung ein solches Eintreten auf die Materie enthalten würde. Ich möchte Sie daher sehr ermuntern, von Ihnen aus in der angegeben Weise an F. zu schreiben.» Ich glaube annehmen zu dürfen, daß Sie mit dieser Rückäußerung an Koller einverstanden seien. Sollte dem wider Erwarten nicht so sein, so wollen Sie Hrn. K. gef. telegraphisch anders instruiren.

Nochmals ganz der Ihrige

Dr A Escher

Kommentareinträge

Nachträgliche Notiz oben rechts auf Seite 1 von dritter Hand mit Bleistift: «4 Dec. 1866. » – Nachträgliche Notiz unten in der Mitte auf Seite 4 von dritter Hand mit Bleistift: «Den 8 Dec. im angegebenen Sinn an Fowler geschrieben» .