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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B5354 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_006

Emil Welti an Alfred Escher, s.l., [November 1872 ?]

Schlagwörter: Bundesrat, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt, Gotthardtunnel, Mont-Cenis-Bahn, Personelle Angelegenheiten, Tunnelbau

Briefe

Hoch geehrter Herr u Freund

Vor allem wünsche ich, dass Sie wieder hergestellt seien und zwar ganz abgesehen davon, dass Sie in diesem Moment am allerwenigsten krank sein dürfen. Für die Übersendung der beiliegenden Briefe bin ich Ihnen sehr dankbar. Ich muss gestehen, dass ich diese ganze Geschichte nicht mehr begreife. Nachdem wir den favre'schen Vertrag an Italien mitgetheilt hatten, reklamirte Melegari in den bestimmtesten Ausdrücken dagegen, dass sich die italien. Regierung durch die fatale Erklärung vom 26. Mai 1871 habe das Recht sichern wollen für die Mont-Cenis Ingenieure den | Beitritt zum Vertrage zu verlangen. Es sei mir darum zu thun gewesen dieselben, vor allem aber die Arbeiter zu beschäftigen und ihnen Anstellungen zu geben. Darauf Abgabe der Erklärung über die Anstellung der Arbeiter, wobei mir Herr Melegari wörtlich sagte: «maitenant la question du personel est reglée, reste celle du materiel.» Nun ist die letztere auch geregelt u auf die Erste kommt man wieder zurück u zwar in einer Weise die, es gar nicht einmal zu verbergen sucht, dass die persönlichen Interessen weit hinauf ihre Vertreter finden.

Aber die einfältigen Berichte die Melegari an das Ministerium geschickt hat habe ich Ihnen schon berichtet und ich werde mich über diese Sache | sobald es nötig ist in der rücksichtslosesten Weise aussprechen. Ich bin überzeugt, dass Herr Melegari nichts Unrichtiges sagen wollte; ich weiss aber ebenso gut, dass ich ihm dazu keine Veranlassung gegeben habe und es ist geradezu unwahr, wenn er gesagt hat, er hätte mich ersucht es möchte der Bundesrath die Genehmigung des Vertrages verschieben bis die ital: Regierung sich darüber geäussert haben werde. Er sprach stetsfort nur von der Mittheilung des Vertrages an das Ministerium und ich erklärte ihm consequent und unzweideutig dass diese Mittheilung nach der Bestimmung der Erklärung vom 26. Mai zu erfolgen habe und erfolgen werde. Ich habe ihm diese Erklärung zu allem Überfluss noch schriftlich bei Anlass von Übersendung von Karten (oder Acten) in einem Billet mitgetheilt, von dem ich aber leider, weil es | einen bloss privaten Character hatte keine Abschrift behielt. Das alles weiss nun das Ministerium durch Herrn Pioda und trotzdem braucht man diesen miserabeln Vorwand um Privatinteressen zu dienen. Ich habe wirklich allen Massstab verloren um eine Vermuthung zu wagen, wie weit man in Rom gehen wird.

Dass nun zu all dem noch unsere innern Conflickte kommen ist mehr als unangenehm. Ich kann aber nicht anders als wiederholen, dass nach meiner Überzeugung, bei der jetzigen Sachlage in der Frage des Baubeginns der Bundesrath nicht anders handeln konnte. Wenn Sie wie ich hoffe wohl genug sind um mich zu empfangen würde ich Morgen oder Samstag gern zu Ihnen kommen um alle diese Puncte mündlich mit Ihnen zu besprechen. Wenn es Ihnen wünschenswert scheint so telegraphiren Sie mir.

Mit freundschaftlichem Grusse

Ihr

E Welti

Kommentareinträge

Datierung gemäss Archivnotiz. – Nachträglicher Stempel oben rechts auf Seite 1 mit von dritter Hand eingetragener Nummer: «Gotthardbahn | 25 NOV. 1872. | No 3171.» – Nachträgliche Inhaltsangabe oben links auf Seite 1 von dritter Hand: «Conferenz zwischen Bundespräsident Welti u Herrn Präsident Dr Escher zur Besprechung der Situation in Italien u der Sorge betr. den Beginn des ersten Tunnelbaujahres. | Präsidium.» – Nachträgliche Notiz oben rechts auf Seite 1 von dritter Hand: «13. XI. 72.» – Nachträgliche Notiz unten rechts auf Seite 1 von dritter Hand: «Prot. 15. XI. 72. N. 856.»

Kontexte

  • [November 1872 ?]