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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B5348 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_006 (Abzug)

Alfred Escher an Emil Welti, Zürich, Freitag, 6. September 1872

Schlagwörter: Bundesrat, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt, Gotthardtunnel, Mont-Cenis-Bahn, Rechtliches

Briefe

Zürich, den 6. September 1872.

Hochverehrter Herr und Freund!

Ihrem geschätzten Schreiben vom 4. dss. Mon. habe ich entnommen, daß, obgleich durch Art. 13 des Vertrages mit Favre allen berechtigten Ansprüchen Italiens hinsichtlich der dépositaires des expériences du Mont Cenis ein volles Genüge geleistet ist, Sie gleichwohl gewissermaßen um des lieben Friedens willen für den Fall des Nichteintrittes der dépositaires in den Vertrag eine beruhigende Erklärung Favre's zu Gunsten derselben ausgewählt zu sehen wünschen. Wie sehr es mir auch – ich muss es offen bekennen – widerstrebte, Herrn Favre eine solche Zumuthung zu machen, so bin ich gleichwohl, mich Ihrer Anschauungsweise anbequemend, an denselben gelangt und es ist mir gelungen, eine Erklärung von ihm auszuwirken, welche wohl auch Ihre Erwartungen übertreffen dürfte, wie sie die meinigen weit hinter sich zurückgelassen hat. Ich beehre mich, Ihnen eine Abschrift dieser Erklärung in Beilage zu übermitteln.

Die Direktion der Gotthardbahn, welche heute Morgen versammelt war, hat sich bereit erklärt, wenn ihr dazu Veranlaßung geboten werde, dem Bundesrathe von der Favre'schen Zuschrift offizielle Kenntniß zu geben und wenn der Bundesrath rückantwortlich die Direction | dazu verpflichten wollte, Herrn Favre zur Erfüllung der in seiner Zuschrift enthaltenen Versprechen anzuhalten, hierorts gegen die Uebernahme einer solchen Verpflichtung keine Einsprache zu erheben.

Ich wollte Ihnen eben von dieser Gestaltung der Dinge, welche mir den in Ihrer verehrlichen Zuschrift vom 4. dss Mon. enthaltenen Wünschen vollkommen zu entsprechen scheint, Kenntniß geben, als ich Ihr geschätztes Schreiben von heute erhielt. Ich nehme an, daß Sie dasselbe nicht an mich hätten abgehen lassen, wenn Ihnen die Wendung, welche die vorwürfige Angelegenheit in Folge der Erklärung Favre's vom gestrigen Tage genommen hat, bekannt gewesen wäre. Unter diesen Umständen glaube ich von einer eingehendern Erörterung des in ihrer heutigen verehrlichen Zuschrift enthaltenen Vorschlages absehen und mich darauf beschränken zu sollen, hervorzuheben, wie bedenklich mir eine Reduction wäre, gemäß welcher Italien gegenüber die Verpflichtung eingegangen würde, d'admettre (nicht etwa mit Vorzugsrecht bei gleichen Bedingungen, wie sie von andern Bewerbern gestellt wurden, sondern in ganz absoluter Weise) dans une proportion équitable (also wohl zur Hälfte) le personnel du Mont Cenis (also vielleicht auch die Kreaturen Grattoni's, welche der Bauleitung und Favre unter der Hand absichtlich Verlegenheiten zu bereiten im Stande wären) comme employés aux traveaux du grand tunnel (also auch als employés der Bauleitung und ohne auf die «pauvres ouvriers» Rücksicht zu nehmen, die ja nicht als employés betrachtet werden | können.)

Ich sehe nun Ihren gefälligen weitern Mittheilungen entgegen. Bis künftigen Dienstag Abend werde ich, durch Familienangelegenheiten in's Ausland geführt, von Zürich abwesend sein.

Mit herzlichem Gruße

Ihr 1

Kommentareinträge

Nachträgliche Notiz unten in der Mitte auf Seite 1 von dritter Hand mit Bleistift: «Prot. 14. IX.72. N 716» .

1Brieftext von dritter Hand ohne Unterschrift. – Nachträgliche Notiz von Eschers Hand mit Bleistift: «Dr. A. Escher» .