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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B5344 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_006

Emil Welti an Alfred Escher, Bern, Mittwoch, 4. September 1872

Schlagwörter: Bundesrat, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt, Mont-Cenis-Bahn, Personelle Angelegenheiten, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Verehrtester Herr u Freund.

Ich bin mit Ihnen und der Direction ganz einverstanden, dass der Vorschlag in der Redaction wie sie Herr Melegari gemacht hat nicht annehmbar ist. Dagegen ist eine andere Frage für mich die, ob nicht in anderer Form die Sache gleichwol der Erwägung werth wäre. Wenn Hr Favre sich verpflichten würde, bei der Anstellung seines Personals auf diejenigen Individuen in erster Linie Rücksicht zu nehmen welche sich darüber ausweisen bei dem Mt Cenis tüchtige Arbeiter gewesen zu sein | u wenn diese Anstellung nur unter den gewöhnlichen Bedingungen zu geschehen hätte, so sehe ich nicht ein wesshalb er sich einer solchen Verpflichtung nicht unterwerfen sollte. Für ihn und das Unternehmen hätte diess keinen Nachtheil u wir würden uns Italien gegenüber aus einer Situation ziehen, welche wenn auch nicht schwierig doch sehr unangenehm sein kann. In einem gestern eingekommenen Briefe räth uns Herrn Pioda dringend an die sehr | grosse Aufgeregtheit des Ministeriums zu beschwichtigen; er ist überzeugt, dass dasselbe sonst in Bezug auf die Bezahlung der Subventionen Schwierigkeiten machen wird. Auch Herr Maraini hat mir, wie ohne Zweifel Ihnen auch, gesagt, dass man in Italien die Declaration nie so verstanden habe wie wir hier. Bei dem klaren Wortlaut der unzweifelhaft für uns spricht, könnte uns das rechtlich gleichgültig sein und die Gotthardgesellschaft vollends könnte | u kann sich auf die Genehmigung des Vertrages durch den Bundesrath stützen u diesem überlassen, wie er mit Italien fertig wird. Damit wäre aber nicht geholfen und auch dem Interesse der Sache nicht gedient.

Ich werde nun die Vorlage von Hr Melegari dem Bundesrath vorlegen u will sehen, was er dazu sagt.

Wenn Sie eine Form finden die ohne einen Nachtheil in sich zu schliessen die Situation klären könnte, so wäre damit viel gewonnen.

Diesen Augenblick, nachdem die vorige Zeile geschrieben war erhalte ich Ihre Zuschrift. Es lässt sich nichts gegen das Gesagte einwenden, sobald man von der Ansicht ausgeht, es müsse | der Vorschlag Melegari tel quel angenommen werden. Ich bin aber überzeugt Italien würde sich auch mit einer Erklärung genügen, bei welcher alle aufgezählten übeln Consequenzen nicht zu befürchten wären. Man darf nicht verkennen, dass das italienische Ministerium sich auf einen populären Boden stellt, wenn es für die «pauvres ouvriers» wie Hr Melegari stets betont in die Schranken tritt u wenn es sich darauf beruft die Schweiz weigere sich in irgend einer Form die Interessen derselben in Betracht zu ziehen.

Mit herzlichem Grusse

Ihr ergebenster

E Welti

Bern
4 Sept. 1872.

Kommentareinträge

Nachträglicher Stempel oben rechts auf Seite 1 mit von dritter Hand eingetragener Nummer: «Gotthardbahn | 15 OCT. 1872. | No 2871.» – Nachträgliche Inhaltsangabe oben links auf Seite 1 von dritter Hand: «Verhältniß des bei der Durchbohrung des Mont Cenis beschäftigt gewesenen Personals zum Gotth. Bahnbau | I. Dep. » – Nachträgliche Notiz oben rechts auf Seite 1 von dritter Hand mit violetter Farbe: «4. Sept. 72» . – Nachträgliche Notiz unten rechts auf Seite 1 von dritter Hand: «Prot. 6. IX. 72. No 708.»