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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B5342 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_006 (Abzug)

Alfred Escher an Emil Welti, Zürich, Dienstag, 3. September 1872

Schlagwörter: Bundesrat, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt, Gotthardtunnel, Mont-Cenis-Bahn, Rechtliches, Tunnelbau

Briefe

Zürich, den 3. September 1872.

Hochverehrter Herr und Freund!

Sie wünschen von mir zu erfahren, ob die Direction der Gotthardbahn auf den mir gefälligst mitgetheilten Vorschlag Melegari's einzugehen bereit sei.

Die Direction, der ich erschöpfenden Aufschluß über die Sachlage zu geben mir zur Pflicht machte, hat heute einmüthig beschlossen, mich zu beauftragen, Ihnen rückantwortlich zu eröffnen,

1., daß sie dringend wünsche, es möchte der Bundesrath an dem durchaus correcten Standpunkte festhalten, den er am 23. August eingenommen hat, als er seinen Gesandten in Rom anwies, der Italienischen Regierung zu eröffnen, der Bundesrath beeile sich, de s'acquitter de cet engagement, (vom 26. Mai 1871) en priant le Gouvernement Royal de bien vouloir communiquer la Convention ci-jointe (Favre) aux personnes dans l'intérêt desquelles la déclaration du 26 Mai 1871 a été provoquée et de les informer qu'elles ont la faculté de participer, solidairement avec Mr Favre et pour la moitié des travaux, à la dite Convention;

2., daß die Direction den Vorschlag Melegari's für ganz unannehmbar halte;

3., daß sie übrigens die Ueberzeugung hege, Hr. Favre werde schon vom Standpunkte seiner eigenen Interessen aus bestrebt sein, das bei | der Durchbohrung des Mont Cenis thätig gewesene Personal, weil in dem Tunnelbau besonders erfahren und gewandt, für die Ausführung des Gotthardtunnels in seinen Dienst zu nehmen.

Die Direction ließ sich bei dieser ihrer Schlußnahme von den nachfolgenden Erwägungen leiten:

1. die Direction hält dafür, daß, wenn die Ausführung des Tunnels «en entreprise» Statt findet, die dépositaires des expériences des Mont Cenis nach dem klaren Wortlaute der Erklärung des Bundesrathes an die Italienische Regierung vom 26. Mai 1871 lediglich die Berechtigung haben, falls der Bundesrath sich für eine der «offres faites au concours» ausspricht, für eine «part équitaible» in den «contrat à conclure sur la base de cette offre» einzutreten. Nachdem nun den «dépositaires» das Recht gewahrt ist, zur Hälfte in den Favre 'schen Vertrag einzutreten, ist allen Ansprüchen, die sie bei der Ausführung des Tunnels en entreprise erheben können, ein volles Genüge geleistet.

2. Die Richtigkeit dieser Auffassung ist auch von General Menabrea in der letzten Sitzung des Verwaltungsrathes anerkannt worden, obgleich er eifrig bestrebt war, die Rechte der dépositaires des expériences des Mont Cenis zur Geltung zu bringen. Er hat nämlich in der erwähnten Sitzung den Antrag gestellt, die nachfolgende Schlußnahme der Genehmigung des Vertrages vorangehen zu lassen: «En engageant la Direction à faire leur possible pour que les ingénieurs du Mont-Cenis viennent à un accord avec l'entrepreneur, Mr. Favre, aux termes mêmes de la convention, le Conseil d'adminstration | passe à la votation de la convention.» General Menabrea hat mit diesem Vorschlage anerkannt, daß die dépositaires des expériences des Mont Cenis bei der obwaltenden Sachlage kein anderes Recht haben als auf eine Betheiligung bei der Entreprise Favre aux termes mêmes de la Convention.

3. Würde auf den Melegari'schen Vorschlag eingegangen, so wäre damit gesagt, es sei das den dépositaires des expériences des Mont Cenis in dem Vertrage vorbehaltene Recht, zur Hälfte in denselben einzutreten, für nichts zu rechnen. Man hätte sich somit bis jetzt in einem Kreise bewegt und wäre am Ende wieder genau auf demselben Punkte angelangt, auf welchem man sich anfänglich befunden hat.

4. Würde es sich nicht um den Eintritt der «dépositaires» in den Vertrag, sondern um ein Recht derselben auf Anstellung handeln, so könnte eine solche Anstellung nur entweder von Herrn Favre oder von der Direction der Gotthardbahn ausgehen. Herrn Favre ist in dem mit ihm abgeschlossenen, von dem Verwaltungsrathe ratifizirten und von dem Bundesrathe genehmigten Vertrage keine Verpflichtung mit Bezug auf Anstellungen aufgelegt worden. Wir hätten also keinerlei rechtliche Handhabe für daherige Zumuthungen an Herrn Favre. Bei der Direction der Gotthardbahn hinwieder könnte es sich nur um Anstellungen für die Bauleitung handeln, da die Ausführung des Tunnels einem Bauunternehmer übertragen worden ist. Welche Rechte wolen nun aber | in dieser Richtung für die «dépositaires» in Anspruch genommen werden? Sollen sie vielleicht ein Recht auf eine billige Betheiligung (part équitable) bei den Verrichtungen des Oberingenieurs haben oder handelt es sich um Sectionsingenieursstellen un in diesem Falle um wie viele und um welche? Welche Befugnisse müßten ihnen eingeräumt werden? Welches Einkommen sind sie zu fordern berechtigt? Haben sie Anspruch auf Anstellung für die ganze Dauer der Bauzeit des großen Tunnels oder soll ihnen auch gekündet werden dürfen? Man braucht nur alle diese Fragen, die noch bedeutend vermehrt werden könnten, zu stellen, um sich sogleich davon zu überzeugen, daß es gänzlich unthunlich ist, von einem Rechte der «dépositaires» auf Anstellung bei der Bauleitung zu sprechen.

5. Unter so bewandten Umständen hat der Bundesrath gewiß keine Veranlaßung, die von ihm gemäß seinem Beschlusse vom 23. August der Italienischen Regierung kund gegebene Auslegung seiner Erklärung vom 26. Mai 1871 aufzugeben und damit sich selbst ohne allen Grund gewissermaßen ein dementi zu ertheilen.

Wollte aber etwa daran gedacht werden, der Italienischen Regierung die Zusicherung zu geben, daß das bei der Durchbohrung des Mont Cenis thätig gewesene Personal bei der Ausführung des Gotthardtunnels vorzugsweise in Mitwirkung | gezogen werden solle, so könnte eine solche Zusicherung der Natur der Dinge nach nur von Herrn Favre ertheilt werden. Es ist nun aber für's erste sehr fraglich, ob Hr. Favre sich hiezu entschließen würde. Denn, wie sehr er auch zweifelsohne geneigt ist, sich die Erfahrungen und die Gewandtheit des beim Baue des Mont Cenis- Tunnels thätig gewesenen Personales durch Anstellung desselben zu Nutzen zu machen, ebenso gewiß wird er hinwieder nicht außer Acht lassen, daß dieses Personal ganz andere Bedingungen für den Eintritt in seinen Dienst stellen wird, wenn es ein Recht auf Anstellung hat, als wenn Herrn Favre in dieser Beziehung freie Hand gelassen ist. Würde sich aber auch Herr Favre noch über diese Bedenken hinwegsetzen können, so käme im Weitern in Frage, ob er nicht davor zurückschrecken würde, sich durch Ertheilung einer Zusicherung der erwähnten Art bei der außerordentlichen Unbestimmtheit derselben für eine längere Reihe von Jahren beständigen Reklamationen und daraus hervorgehenden Widerwärtigkeiten ausgesetzt zu sehen.

Mit freundschaftlichem Gruße

Ihr 1

Kommentareinträge

Nachträgliche Notiz unten in der Mitte auf Seite 1 von dritter Hand mit Bleistift: «Prot 3. IX. 78 N. 697» – Nachträgliche Notiz unten in der Mitte auf Seite 1 von dritter Hand mit Bleistift: «Prot. 6. IX. 72. No 708» .

1Brieftext von dritter Hand mit nachträglicher Unterschrift von Eschers Hand mit Bleistift. «Dr. A. Escher» .