Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – August von Gonzenbach

AES B5332 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_006

August von Gonzenbach an Alfred Escher, Florenz, Dienstag, 26. Juli 1870

Schlagwörter: Eisenbahnen Verträge, Staatsverträge

Briefe

Florenz den 26 July 1870 1

An Herrn Dr Alfred Escher in Zürich

Hochgeachteter Herr!

An meinen Brief vom 23t anknüpfend den ich noch nach Bern sandte bin ich heute im Falle Ihnen anzuzeigen – daß unsere Angelegenheit um einen Schritt vorwärts gerükt ist.

In der Comite Sitzung gestern hat Depretis viel Waßer in seinen Wein gethan – deßungeachtet würden alle seine Einwendungen: gegen eine zu starke Betheiligung Italiens, und für eine andere Art der Ueberwachung des Baus – durch Grattoni siegreich bekämpft, obschon auch Correnti, der im übrigen sehr gut gesprochen haben soll auf einen Theil der Anträge Depretis eingieng. Grattoni nahm den allein richtigen Standpunkt ein – indem er sagte: «es handelt sich um einen Vertrag – den ihr in seiner Gesamtheit entweder vortheilhaft genug findet um ihn anzunehmen oder aber ihr findet ihn nicht entsprechend – dann müßt ihr ihn ablehnen». – |

Mit großer Mehrheit – die Genuesen waren mit Ausnahme Bertanjs alle anwesend u Podesta hat sogar wiederholt das Wort ergriffen, ist dann im Comitè secret – der Vertrag angenommen worden. Die Bestellung der Comission wurde dem Präsidenten Peyrolerj überlaßen.

Gestern Abend um 11 Uhr kam Grattoni zu mir – um mir mündlich Bericht zu erstatten – und so den schriftlichen Bericht den mir De Martino aus der Sitzung gesandt hatte zu ergänzen.

Die Comission war noch nicht ernannt – u Peyrolleri hatte ihm gesagt – er werde von verschiedenen Seiten und auch vom Ministerium mit Vorschlägen bestürmt. Er sei entschloßen zwei Mitglieder der Opposition zu ernennen – Depretis und einen andern Gegner – vielleicht Perruzzi ! Dagegen opponirten die Minister – weil so die Opposition zu sehr verstärkt würde – er ernennt statt deßen nun wahrscheinlich einen unbedeutenden Ingenieur von Brescia ( Zanardelli ) der nicht kommen wird! /Zanardelli

Der Mehrheit angehörende Comissions Mitglieder wären: Podesta (als Präsident?) Mordini – der ehemalige Minister der Correnti nach Bern sandte dieser konte als Berichterstatter bezeichnet werden. | Grattoni – und dann noch zwei – die der Präsident noch in Petto behält – wahrscheinlich Fano – da Gadda auf die Ernennung eines Mailänders dringt u eines Calabresen – vielleicht Sebastiani ? So eben erhalte ich die Liste der Comission wie sie ernant ist. Mordini Präsident wahrscheinlich als gewesener Minister vielleicht auch Berichterstatter was ich wünsche. Grattoni, Mongini (ein Advocat von Turin) Speroni (von Varese ) ein Gotthardist Depretis, Podesta und Zanardelli von Brescia ein Splügist Ich bat nun Grattoni sich mit aller Energie dafür zu verwenden daß der Bericht der Comission noch in der gegenwärtigen Sitzung vorgelegt werde da eine Verschiebung einer Verwerfung gleich kommen könnte!

Grattoni erklärte – er halte es nicht für unmöglich und sowie die Comission ernant sei – soll ich die einzelnen Mitglieder namentlich den Berichterstatter und den Präsidenten bearbeiten. –

Leider hat Podesta wie mir so eben Castagnola sagte sich mit der Idee der Verschiebung bereits vertraut gemacht. Ich bitte Sie daher so dringend wie möglich an Podesta zu schreiben – daß die Ratification in dieser Sitzung durchaus nöthig sei – indem man gar nicht wißen könne wie die Situation im Herbst sei!

Den Minister Castagnola habe ich vollkommen für Behandlung in dieser Sitzung als viel würdiger und viel sicherer gewonnen. Ich schreibe nun noch an Correnti. Meine Gründe – die für das Ministerium namentlich entscheidende sein sollten sind folgende: | Falls Italien aus seiner neutralen Stellung heraustreten – und seine Finanzen stark in Anspruch nehmen müßte – so würde man im November den Vertrag vom 15 Oct 69 kaum mehr ratifiziren, in diesem Falle käme also die Vertagung der Verwerfung nahe!

Aber im Fall Italien neutral bleibt – so wird im November die Situation jedenfalls eine sehr veränderte sein. Tritt Preußen siegreich aus dem Kampf so ist die Ratification allerdings möglich und sogar wahrscheinlich – gleicht dann aber einer Ovation dem Sieger gegenüber! Siegt Frankreich – so ist zu besorgen daß danzumal die schönen Erklärungen Grammonts bei Anlaß der Interpellation Mony vergeßen werden – und daß man Alles was einer politischen oder auch nur commerziellen Annäherung zwischen Italien und Preußen ähnlich sieht – sehr ungerne sehen würde! Aus allen den Gründen soll das Ministerium den Vertrag jetzt noch ratifiziren laßen, niemandem zu lieb und niemandem zu leid – einzig die Interessen Italiens im Auge behaltend. Mein nächstes Schreiben wird Ihnen mittheilen ob die Ratification noch gehofft werden darf – oder ob wir uns mit der Ernennung der Comission begnügen mußten.

Hochachtungsvoll

Dr Gonzenbach

Kommentareinträge

1Nachträgliche Notiz von Eschers Hand: «Eingegangen den 28 " "» .