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Korrespondenz: Alfred Escher – August von Gonzenbach

AES B5331 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_006

August von Gonzenbach an Alfred Escher, Florenz, Samstag, 23. Juli 1870

Schlagwörter: Eisenbahnen Verträge, Gotthardbahnprojekt, Italienisches Parlament, Personelle Angelegenheiten, Splügenbahnprojekt, Staatsverträge

Briefe

Florenz den 23t July 1870.

An Herrn Dr Alfred Escher in Bern.

Hochgeachteter Herr!

Seit meinem letzten Schreiben vom 20t dMts hatte ich Gelegenheit mich von der Wahrheit des italienischen Sprichworts: «préservez moi de mes amis – je me garderai bien de mes énémis» zu überzeugen!

Am 21. nämlich, als die Gotthardfrage als zweiter Gegenstand auf der TagesOrdnung stand – kamen in die ComiteSitzung von 300 Mitgliedern 35.!! und unter diesen mehrere Splügisten – so daß Fano der gegenwärtig war vorzog – die Verhandlung auf Samstag den 23t vertagen zu laßen! Bertanj u Podesta die beiden Interpellanten waren beide abwesend! Von solcher Nachläßigkeit, Liederlichkeit, kann sich nur einen Begriff machen, wer dieß bei nahem gesehen hat!

Ich schrieb nun gleich ausführlich an Grattoni – der glüklicherweise Mittwochs den 20t zurükkam – und gestern habe ich eine lange Conferenz mit ihm und Martino gehabt. Beide ließen mich hoffen daß nun heute endlich die Comission ernannt werden würde. – |

Beide sind im weitern der Ueberzeugung – daß der Vertrag vom 15 Oct. 69 im Laufe der nächsten Woche durch das Parlament ratifizirt werden kann, was ganz vom Rapporteur abhängt, den die Comission ernennen wird. Bevor ich diesen Brief schließe hoffe ich Ihnen noch den Berichterstatter bezeichnen und beifügen zu können, was von demselben zu erwarten ist.

Stamm der am 19t Morgens in Florenz angekommen war hat uns schon Mitwoch Abends des 20t wieder verlaßen um mit seiner Frau u Familie u der Frau seines Secretärs Giussani zu größerer Prosperität des Gotthard in La Spezzia Meerbäder zu nehmen!

Ich bedaure seine Abreise um so weniger als er durch die Verbreitung der Nachricht: «Frankreich sei bereit 10 Millionen von den 45 zu übernehmen für welche sich Italien verpflichtet habe», ein sonderbares Schwanken in die Sache gebracht hat. Glüklicherweise ist die Linke – mit welcher Stamm allein verkehrt, so sehr gegen Frankreich eingenommen, daß diese Herrn von dorther keine Hülfe wollen!

Scanzi – der gleichzeitig hier war um mit Vimercatti zusammen zu treffen – widersprach überdieß der Behauptung Stamms sich auf einen Ausspruch Vimercattis | stüzend, der dahin gieng: «Gramont habe geäußert – er würde sich unter Umständen beim Gotthard betheiligen um so die Ansprünge zu Gunsten des Simplon abzuschlagen.» –

Zwischen Stamm und Scanzi scheint der Bruch offen zu sein sie haben sich hier ausgewichen und am 20t kam Scanzi zu mir u Pioda sagend: «il est tems que Stamm parte car il ne fait rien de bon ici» – worauf ich nichts erwiedert habe – indem ich mich dans ces quérèlles de famille nicht mischen mag! –

Ueber Alles was Sie mit Stamm verkehrt haben mögen, beobachtete er das tiefste Stillschweigen. Er beschränkte sich darauf mir am 20t zu erklären: «– er laße seinen Secretär Giussani hier – mit dem ich – wenn ich ihm etwas mitzutheilen habe verkehren möge – übrigens sei jetzt hier nichts mehr zu machen, indem die Kammer demnächst werde heimgeschikt werden; jedenfalls werde die zu ernennende Comission ihren Bericht erst im November erstatten – dieß sei auch die Ansicht Bertanis bei dem er drei Tage in Genua verweilt habe».

Daß Grattoni und Martino diese Ansicht nicht theilen habe ich Ihnen eben schon bemerkt: Hoffentlich kann ich Ihnen bevor ich diesen Brief schließe – dießfalls noch etwas Bestimteres melden – wenn es mir gelingt in der Kammer wohin ich um 2 Uhr zu gehen gedenke – den einen oder andern der Deputirten zu sprechen. – |

Während ich mich darauf freute Ihnen noch eine gute Nachricht schreiben – oder die Besetzung der Comission telegraphiren zu können, erhalte ich so eben aus der Sitzung des Comite folgendes Billet De Martinos:

«Déprétis nous a attaqué avec une violence éxtrême Grattoni nous a défendu. Fano et Bertanj etaient absents. La discussion a été renvoyée à lundi !»

Wer nicht einen Geduldsfaden hat, so stark wie ein Schiffstau – dem reißt er hundert Mal mit diesen Italienern! Auf Fano's Antrag war die Sache heute an der Tages Ordnung! und er komt nicht! er einer der Interpellanten mit Bertanj!! Der Gotthard wird wenn möglich durch seine Freunde und nicht durch seine Feinde unmöglich!

Mit Depretis hatte ich lange gesprochen – er will einen Splügen – der über Ragatz nach Zürich débouchirt da er immer Opposition macht – selbst wenn er im Ministerium ist – so gilt sein votum doch nicht sehr viel. Bis nächsten Montag will ich nun unsere Leute wieder zu sammeln trachten.

Mit vollkommenster Hochachtung und voller Ingrimm

Ihr ergebenster

Dr Gonzenbach.