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Korrespondenz: Alfred Escher – August von Gonzenbach

AES B5321 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_006 (Abzug)

Alfred Escher an August von Gonzenbach, Zürich, Sonntag, 3. Juli 1870

Schlagwörter: Bankinstitute, Bundesrat, Eisenbahnen Finanzierung, Eisenbahnen Verträge, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt, Italienisches Parlament, Kommissionen (eidgenössische), Nationalrat, Personelle Angelegenheiten, Simplonbahnprojekt, Staatsverträge, Ständerat, Vereinigte Bundesversammlung, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochgeachteter Herr!

Im Besitze der verschiedenen Schreiben, mit denen Sie mich in letzter Zeit beehrt & auch desjenigen, für dessen Empfang Sie eine besondere Bescheinigung von mir zu erhalten wünschen, berühre ich vor allem die Anstände, die zwischen Ihnen & Hrn. Stamm sich ergeben haben. Diese Anstände sind nunmehr als beseitigt zu betrachten. Im Anschlusse an Ihre vorläufigen Verabredungen mit Hrn. Stamm habe ich bei der mündlichen Unterredung, die ich mit ihm hielt, seine Stellung Ihnen gegenüber dahin präcisirt, daß er den Verkehr mit der offiziellen Welt Ihnen zu überlassen habe, während er sich mit der | geschäftlichen Thätigkeit im engern Sinne des Wortes befassen möge. Ich habe bei Stamm sehr insistirt, daß er sich genau innerhalb dieser Schranken halte: ich habe auch nicht verfehlt, ihm die nöthigen Bemerkungen hinsichtlich Ihrer öffentlichen & sozialen Stellung zu machen & daran die erforderlichen practischen Nutzanwendungen in Betreff der Stellung zu knüpfen, die er Ihnen gegenüber einzunehmen habe. Ich zweifle nicht daran, daß er, was ich ihm sagte, sich gesagt sein lassen wird & daß damit eine Fehde zu Ende gelangt sein dürfte, die an & für sich keinen rechten Sinn hat & noch weniger Angesichts der großen Schwierigkeiten, die nach außen zu überwinden sind. Ich brauche Ihnen wohl nicht erst zu sagen, daß ich keinerlei besonderes Wohlgefallen an St. empfinde. Ich weiß ganz gut, wen | ich in ihm vor mir habe. Ich & der ganze Gotthardausschuß, wir betrachten ihn als ein nothwendiges Übel. Daß ich der letzte bin, der an seine Zuverlässigkeit glaubt, dürfen Sie als feststehend annehmen. Ich bin so vollständig ihm gegenüber orientirt, daß ich mich gar nicht wundern würde, wenn er in den letzten Tagen in Paris alle Intriguen in Szene gesetzt hätte, um das Zustandekommen des Simplon vermittelst einer französischen Subvention zu bewirken.

Was die Idee der Subventionirung des Gotthard durch Frankreich anlangt, welche um den 20 Juni herum aufgetaucht ist, so kann sie als vollkommen beseitigt angesehen werden. Die Stellung, welche unser Gotthardausschuß zu derselben einnahm, wollen Sie aus der beiliegenden Abschrift ei| nes Briefes entnehmen, den ich in Sachen an Scanzi richtete, der an mich geschrieben hatte, um mich in sehr dringender Weise um eine Reise nach Paris Behufs pourparler's mit dem französischen Ministerium anzugehen. Diese ganze Episode hat den erfreulichen Erfolg gehabt, daß der Nordteutsche Bund nunmehr gar nicht anders kann, als die an der deutschen Subvention fehlenden Millionen, so weit er sie nicht von andern deutschen Staaten erhältlich zu machen im Falle ist, selbst zu beschaffen. Unter diesen Umständen braucht die Schweiz, wie mir scheinen will, für die Vervollständigung der deutschen Subventionen keine besondern Anstrengungen mehr zu machen!

Gemäß Ihrer mir gestern Abend zugekommenen verehrl. Zuschrift vom 30 v. M. wird nun also das Ministerium den Gotthardvertrag den Kammern noch während ihrer gegen| wärtigen Session vorlegen. Ich denke, es sei darunter verstanden, daß dieß so beförderlich geschehen werde, um auch die Behandlung des Vertrages im Laufe dieser Session noch möglich zu machen.

Stamm hat mir gesagt, es werde namentlich von Seite Grattoni's beabsichtigt, ein Amendement zu der Genehmigung des Vertrages vorzuschlagen, gemäß welchem ein Syndicat der subventionirenden Staate – zum Behufe der Überwachung des Baues der Gotthardbahn aufzustellen wäre. Ob diese Mittheilung auf zuverlässiger Grundlage beruht, weiß ich nicht. Ich möchte es fast bezweifeln. Grattoni ist ja für den Gotthard & überdieß einsichtig genug, um einzusehen, daß ein derartiges Amendement eine Veränderung des Vertrages in sich schlösse & daß ein solches Syndicat auf unüber| windliche Hindernisse in der Schweiz stoßen müßte. Ich habe wohl nicht nöthig, Sie zu bitten, wenn wirklich Absichten der angegebenen Art obwalten sollten, denselben mit allem Nachdrucke entgegen treten zu wollen.

Maraini wird Ihnen von dem Schritte gesprochen haben, den das Bankhaus Weill-Schott in Sachen der Bildung einer Gesellschaft zur Ausführung der Gotthardbahn ihm gegenüber gethan hat, & ebenso wird er Ihnen zweifelsohne von der Antwort Kenntniß gegeben haben, welche ich ihm auf seine dießfällige Mittheilung ertheilte. Mein Wunsch war von jeher, daß auch Italienisches Capital sich bei der Bildung der Gesellschaft betheiligen möchte. Dabei ging ich hinwieder von der Ansicht aus, daß das Teutsche Capital präsentablere Bedingungen stellen dürfte als das | Italienische & daß es darum angezeigt sein dürfte, zunächst eine Combination mit der Deutschen Finanz zu Wege zu bringen & in derselben der Italienischen Finanz Platz zum Beitritte offen zu behalten. Sie wissen von unserm Consortium her, dem Sie ja auch angehören, daß nach diesem Programme verfahren worden ist. Mit der Deutschen Finanz & zwar mit der Deutschen Finanz ersten Ranges ist eine Grundlage gewonnen. Auf Begehren derselben habe ich die Statuten für die Gesellschaft ausgearbeitet. Der Ausschuß unsers Consortium's hat sie durchberathen. Sie sind sodann auch mit der Gotthardcommission des Bundesrathes vereinbart worden, da der letztern Behörde das Recht der Genehmigung der Statuten zusteht. Schließlich wurde der Entwurf der Deutschen Finanz mitgetheilt | welche sich einverstanden mit demselben erklärte. Es handelt sich nun um förmliche Abschlüsse mit den Deutschen Bankhäusern & Bankinstituten, Abschlüsse, die übrigens der Natur der Sache nach noch einen eventuellen Character an sich tragen müssen. Sobald auf diese Weise eine festere Grundlage gewonnen wäre, dachte ich mich dann an die Italienische Finanz zu wenden. Ich will nun gewärtigen, ob die Italienischen Bankhäuser, welche bei Maraini vorgesprochen, verständigt durch denselben, an mich gelangen werden. Erlanger befindet sich unter denselben. Bekanntlich lehnen es aber die meisten & gerade auch die solidesten Deutschen Bankinstitute & Bankhäuser ab, gemeinschaftlich mit ihm Geschäfte zu machen. Es kann da Verlegenheiten geben. So viel zu Ihrer Orientirung. Ich habe nicht nöthig, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß wir uns hier auf einem | sehr heikeln Boden befinden & daß es in hohem Grade angezeigt wäre, keinen Schritt auf demselben vorwärts zu thun, sondern eine rein beobachtende Stellung einzunehmen, wenn durch ein Vorgehen auf diesem Gebiete die Genehmigung des Vertrages im Italienischen Parlamente compromittirt werden könnte.

In ein Paar Stunden reise ich nach Bern in die Bundesversammlung. Die Botschaft des Bundesrathes in der Alpenbahnfrage werde ich Ihnen schicken, sobald sie erschienen sein wird. Ich erwarte sehr stürmische Debatten in den Räthen. Sie wissen, daß der Ständerath die Priorität hat. Eine entschiedene Mehrheit für Genehmigung des Vertrages scheint in demselben gesichert. Auch im Nationalrathe werden wir zweifelsohne die Mehrheit haben. Vielleicht wird es Ihnen, bis die Reihe an diesen Rath kommt, möglich, nach der | Schweiz zurückzukehren & Ihren Sitz in demselben einzunehmen. Es wäre mir sehr erwünscht, wenn Sie an der Debatte über die so wichtige & Ihnen so vertraute Frage Theil nehmen könnten.

Mit volkommener Hochachtung

Dr A Escher

Zürich
3 Juli 1870.

Kommentareinträge

Nachträgliche Notiz oben links auf Seite 1 von Eschers Hand mit Bleistift: «Herrn v. Gonzenbach – – | Florenz» .

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