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Korrespondenz: Alfred Escher – August von Gonzenbach

AES B5319 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_006

August von Gonzenbach an Alfred Escher, Florenz, Dienstag, 28. Juni 1870

Schlagwörter: Eisenbahnen Verträge, Gotthardbahnprojekt, Mont-Cenis-Bahn, Personelle Angelegenheiten, Splügenbahnprojekt, Staatsverträge, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Florenz den 28t Junj 1870

An Herrn Dr Alfred Escher in Zürich

Hochgeachteter Herr!

In Bestätigung meines Berichtes vom 26t bin ich nunmehr im Falle Ihnen anzuzeigen – daß das Ministerium gegenüber einem so ausgesprochenen Willen der Kammer seinen Verschiebungs Antrag nicht festhalten wird – da einzig noch Zweifel darüber walten könten, ob der Finanz Minister – von welchem der Verschiebungs Antrag ausgegangen war, seinerseits nun auch davon zurükkommen werde – so habe ich eine Audienz durch Pioda verlangen laßen – obschon ich Herrn Sella – außerordentlich beschäftigt wußte. Gestern nun hatte ich auf dem FinanzMinisterium eine lange höchst befriedigende Unterredung mit dem Stellvertreter Herrn Sellas – dem Deputirten Jacomelli. Sella hatte nämlich schriftlich geantwortet: es sei ihm im Laufe dieser Woche unmöglich – mich zu empfangen – hingegen werde er mir durch Herrn Jacomelli seine Ansichten eröffnen laßen, mit dem ich daher als seinem alter ego verkehren möge. –

Herr Jacomelli versicherte aufs Bestimteste der Minister | habe beim Verschiebungs-Antrag keine andere Ansicht gehabt – als die, einer ernsten und gründlichen Berathung des Berner Vertrags, die man dem Lande schuldig sei (da das Veltlin und theilweis auch Venedig sich verletzt glauben) – die aber – gegenwärtig nicht mehr möglich sein werde – bei der Menge von Geschäften – die im Laufe der nächsten 3 Wochen noch abzuwikeln seien, – lange aber werde bei der großen Hitze – die Kammer kaum aushalten. Der nächste Zwek meiner Rükkehr nach Florenz wäre nunmehr erreicht; deßungeachtet glaube ich nun bis zum endlichen Entscheid hier bleiben zu sollen, wie mir von verschiedenen Seiten der Wunsch ausgesprochen wurde. Herr Bavier ist von hier nach Venedig abgereist – wo er – Unterstüzung zu finden hofft; obschon Herr Jacomellj mich versicherte die sonderbare Stellung die Venedig einnehme in der Frage – sei einzig u allein das Werk – der Tyrannei des Präfecten Torrellj – der von Tirano gebürtig – für den Splügen gestimt sei – und die Provinz welcher er mit großer Energie vorstehe – mit sich gerißen habe.

Wollen Sie mich direct oder indirect unterrichtet erhalten – wie die Sachen in Deutschland stehen? Denn wenn der VerschiebungsAntrag auf den Bänken der Kammer noch einige Unterstüzung findet – so geschieht dieß nur unter Hinweisung auf die fehlenden | deutschen Millionen! Ob es klug ist diese nachträglich durch französische Subventionen ersetzen zu laßen mögen Sie entscheiden; jedenfalls könte dieß nicht ohne Zustimmung der übrigen Mitcontrahenten geschehen; so richtig der Gedanke ist: die neutrale Handelsstraße gleichsam unter den Schutz aller europäische Militärstaaten Preußen Oestreich, Frankreich und Italien zu stellen so schwierig dürfte es sein nachträglich Frankreich in den Bund eintreten zu laßen. –

Doch diese Gründe für und gegen werden Sie nun alle abwägen – und Ihren Entscheid Herrn Stamm geben der am Sontag Abend hier abgereist ist, und daher wahrscheinlich am Dienstag Abend bei Ihnen in Constanz eintreffen wird. –

Daß Stamm nach Paris gehen wird, so wie so, steht bei mir fest. Er hat mir zu bestimmt erklärt in Folge der Briefe Gentil's und Vimercatti's – müße er Gramont OlivierRocher und selbst den Kaiser sehen – als daß er auf seine Pläne verzichten könte. –

Baron Schweizer ist nach Wien versetzt – was wir hier an ihm verlieren mögen sie daraus abnehmen daß er ganz unverholen sagte: «Der Gotthard als solcher habe für ihn nicht das Mindeste Intereße – ob er zu Stande kome oder nicht sei ihm gleichgültig» usw. – Baron OW reist in den nächsten Tagen nach der Schweiz – über die Stimmung seiner Regierung dem Gotthard gegenüber wußte er begreiflich – – nichts. –

Hochachtungsvoll

Dr Gonzenbach.

Verte. |

So eben verläßt mich Grattoni – der mir mittheilte Herr St sei dreimal zu ihm gekommen u habe ihn mit seinem Anerbieten verfolgt; St habe ihm gesagt: er wolle eine anonyme Gesellschaft bilden für den Bau – u auf die Frage warum? – habe er die Antwort erhalten: «um die Actien sofort wenn sie hoch stehen zu verkaufen»!!

Darauf habe er, Grattoni geantwortet: er werde an einer anonymen Gesellschaft nie Theil nehmen – auch bei keiner Concurrenz Ausschreibung sich melden! – wolle man ihn so werde man ihn finden! er erkläre dabei offen: die Leitung wolle er ganz allein haben – und auch die Verantwortlichkeit; Controlle gestatte er nur über die Verwendung der Gelder – usw. – diese dann aber auch voll und wahr. Für Ihn handle es sich nicht mehr um Geld – sondern noch um eine kleine Ambition obschon auch diese am Mont Cenis großentheils befriedigt sei.

Grattonj sprach sich aus wie ein EhrenMann und versicherte mich Podesta u Bertonj suchen beide am Gotthard nicht Geld sondern sie wollen beide ein Großes Werk fördern – jede andere Insinuation sei Verläumdung!

Ich bin so froh nicht überall nur GeldInteressen zu sehen! – Grattoni ist ein ganzer Mann – und würde Ihnen den besten Eindruk machen! Sein Wort gäbe mir mehr Gewähr – als die bestimmtesten Versicherungen anderer! Er brachte mir heute die Zusicherung – daß nun der Berner Vertrag zuversichtlich in dieser Sitzung vorgelegt u angenommen werde – er habe den aus 3 Artikeln bestehenden Gesetzes Vorschlag bereits gesehen.

Hochachtungsvoll

Dr G.