Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – August von Gonzenbach

AES B5314 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_006

August von Gonzenbach an Alfred Escher, Florenz, Freitag, 24. Juni 1870

Schlagwörter: Eisenbahnen Verträge, Gotthardbahnprojekt, Italienisches Parlament, Simplonbahnprojekt, Staatsverträge

Briefe

Florenz d. 24 Junj 1870.

An Herrn Dr Alfred Escher in Zürich

Hochgeachteter Herr!

Im öffentlichen Leben – wie im privaten giebt es gute und schlimme Phasen! Mein Telegramm von gestern hat Ihnen bereits gemeldet – daß wir wieder in ein beßeres Fahrwaßer gekommen, allein dieß ist nicht Alles. Als ich mit meiner guten Nachricht die ich von Fano und Grattonj erhalten – und durch Podesta bestätigt bekommen hatte – zu Stamm gieng fand ich diesen ganz verändert!

Er empfieng mich so zuvorkommend als möglich sagte mir gleich –: «er habe nun über seine und meine Stellung nachgedacht u wolle mir die politische Leitung laßen – und für sich die Geschäfte behalten! auch sei er jetzt sehr froh daß ich hier sei – indem ihm dieß die Möglichkeit gebe nach Genua zu gehen nach Zürich und nach Paris!!!» Dieß Alles sagte Herr St mit so freudestrahlendem | Gesicht – daß ich darüber keinen Augenblik zweifelhaft sein konte – daß – in seiner Stellung eine Wendung eingetreten sei – und zwar eine für ihn sehr vortheilhafte! Endlich sagte er: sein Brief an [Bérit ?] sei am 20t dem Kaiser Napoleon Grammont u Olivier vorgelegt worden – und habe zum Entschluß geführt sich dem Gotthard nicht zu widersetzen – aber französischerseits den Simplon zu bauen oder doch zu unterstüzen. Er fügte ferner bei – er habe zwei Briefe an Emil Ollivier geschrieben und frug mich ob ich dieselben schon wolle, was ich begreiflich bejahte.

Den ersten indeßen habe ich nicht gesehen da Herr St während er darnach suchte – Zweifel darüber bekam ob er denselben zeigen solle, – so glaubte ich auf seinen Zügen zu lesen! Der zweite beginnt mit den Worten: Il ne faut pas aller d'un éxtrème à l'autre et envisager le St G tantot comme hostile aux interets de la France et tantot comme parfaitement indifferent!

Les etats contractans s'étant réservés des faveurs speciales et des droits différentiels il est évident que voyageurs et marchandeurs | arrivant à Bâle prendront la ligne badoise traversant le Rhin sur un pont en ammont de Bâle. La ligne de l'Est souffrira par ce fait! Quiconque connaissant la Suisse sait que tout y est arrangé pour forcer les voyageurs d'y passer la nuit! Les voyageurs avec déstination pour l'angleterre y arriveront donc plus vite par Cologne que par Calais – parceque il y aura des trains correspondants [...?] allemands – tandis que cela n'aura pas lieu vis a vis de lignes françaises – Il y a deux moyens d'y rémédier ou la France entre dans la convention, c'est à dire se charge de verser les 7 millions qui manquent où elle le décide à bâtir le Simplon. La direction générale en Italie du St G m'ayant été confié je suis à même Monsieur le ministre de vous donner tous les renseignements que vous pouvez désirer – et je suis prêt à me rendre à Paris si vous le désiriez.

Dieß ist ungefähr der Inhalt des Briefs soweit ich denselben bei einmaligem schnellen Vorlesen behalten konte – ich zweifle übrigens nicht daran daß Sie Herrn St von dieser seiner Correspondenz mit dem französischen Ministerium unterrichtet u Ihnen davon abschriftlich Mittheilung gemacht haben wird. |

Das neuste ist nun daß Herr St ein Telegramm erhalten das ihn nach Paris beruft; u daß meine Anwesenheit hier – ihm nun ganz angenehm ist – da er dadurch seine Hand behält, ist ganz klar! – Er hat seine Direction Générale des Gotthardistes en Italie vortrefflich verwerthet – denn daß er nun in Frankreich sich seine Mittheilungen schön bezahlen laßen wird unterliegt keinem Zweifel; er selbst ist überzeugt daß ihm dort eine große Laufbahn offen steht. –

Die Hauptsache aber ist die – daß in Folge deßen vielleicht die Streke Magadino aus unserm Netz wegfallen könte wodurch 20 Millionen u mehr erspart würden! Herr Podesta und Bertanj scheinen mit dem Gedanken sich vertraut zu machen und so wäre denn das Glük Herrn Sts gleichzeitig auch ein Glük für die Gotthard Linie vorausgesetzt daß die Erbauung der Simplon Linie – ihm jener nicht einen bedeutenden Zufluß an Waaren und Personen entzieht. –

So viel rüber diese Verhältniße.

Um 11 Uhr habe ich eine Audienz beim Präsident Lanza deren Verlauf ich Ihnen sofort mitzutheilen beabsichtige. |

4½ Uhr Abends.

Ich komme so eben von einer Audienz beim Präsidenten Lanza und von einem Besuch bei Minghetti zurük. – Ersterer versicherte mich: das Ministerium habe bei seinen VerschiebungsAntrag keinerlei Hintergedanken gehabt, sondern sich einzig durch die Rüksicht leiten laßen, daß eine gründliche Berathung des Vertrags in dieser Seßion nicht mehr möglich sei eine Verschiebung aber um so weniger auf sich habe als Deutschland mit seinen Subventionen noch sehr im Rükstand sei. Dabei bemerkte Lanza daß das Ministerium bereit sei den Vertrag jetzt vorzulegen – wenn die Kammer es wünsche; um nicht mit der Interpellation unnöthig Zeit zu verlieren erklärte Lanza – das Ministerium könte wenn der Antrag zahlreiche Unterschriften von allen politischen Parteien erhalte – sich entschließen – der Interpellation zuvor zu kommen – und bei deren Vorlegung erklären: es mache nicht Opposition den Wünschen der Kammer!

Da Lanza wie Castagnola andeuteten – es dürfe diese Interpellation keine Partei Demonstration sein – so gieng ich zu Minghetti – der dieselbe noch nicht unterschrieben hatte. Minghetti glaubt aber es sei materiell beinah unmöglich, daß der Vertrag noch berathen werde – und wollte die Interpellation | deßhalb nicht unterschreiben um dadurch nicht unnöthig Zeit zu verlieren. Er glaubt man könte den Vertrag höchstens noch vorlegen und an eine Comission weisen – welche dann im Nov Bericht zu erstatten hätte. Auf meine Bemerkung Bonghi – welcher alle andern EisenbahnVerträge geprüft, hätte bald einen Bericht gemacht – erwiederte Minghetti – er zweifle daß der Berner Vertrag an dieselbe Comission gewiesen werden könne – welche Bonghi präsidirte – und welche ihren Bericht nun schon erstattet habe!! –

So liegen die Sachen heute. Ich hoffe im Laufe des Tages noch Herrn Bavier zu treffen und werde trachten durch ihn den PariserVertrag zu erhalten der in Mayland nicht erhältlich war. –

Mit vollkommener Hochachtung

Dr Gonzenbach.