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Korrespondenz: Alfred Escher – August von Gonzenbach

AES B5313 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_006

August von Gonzenbach an Alfred Escher, Florenz, Mittwoch, 22. Juni 1870

Schlagwörter: Bundesrat, Diplomatische Aktivitäten, Gotthardbahnprojekt, Italienisches Parlament, Mont-Cenis-Bahn, Personelle Angelegenheiten, Regierungsrat TI, Società per le strade ferrate alta Italia (Oberitalienische Eisenbahngesellschaft) (SFAI), Splügenbahnprojekt, Staatsverträge, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Florenz den 22t Junj 1870.

An Herrn Dr Alfred Escher in Zürich

Hochgeachteter Herr!

Am 19t habe ich Ihnen durch Telegramm – meine Ankunft in Florenz angezeigt – und Sie gleichzeitig darauf aufmerksam gemacht – daß rüksichtlich der Vertagungsfrage im italienischen Parlament – Preußen mit uns einig gehen sollte!

Der preußische Gesandte Brassier de St Simon hatte nämlich die Bedeutung der Vertagung so wenig begriffen, daß er auf der diplomatischen Tribüne anwesend, als Lanza seine Erklärung abgab – gegen Pioda äußerte «c'est très bien» – und nachher sich im gleichen Sinn gegen Lanza ausgesprochen haben soll!

Mein Bestreben mußte nun dahin gehen: zu untersuchen 1) woher komt diese veränderte Stimmung im Ministerium 2) welche Minister waren für – und welche gegen die Vertagung? 3) ist Hoffnung vorhanden den Beschluß rükgängig zu machen und 4) durch welche Mittel? |

ad 1. Die veränderte Stimmung im Ministerium – gründet sich eintheils auf die Spanung die eingetreten ist wegen der fortwährenden Anwesenheit Mazzinis in Lugano die von der tessinischen Regierung – jetzt dem BundesRath gegenüber – mit derselben Bestimtheit abgeläugnet wird – wie früher den Vororten gegenüber. Die italienische Regierung aber weiß wie ehemals das östreichische Gubernium in Mayland es wußte – wo Mazzini wohnt – und wie nah die hervorragendsten Mitglieder der tessinischen Regierung (Battaglini ) ihm stehen!

Der RegierungsPräsident Lanza – heftigen Charakters – und ebenso Correnti – sollen sehr verletzt gewesen sein – und erklärt haben – «wenn wir den Gotthard bauen helfen, so führen uns die Waggons nicht eine RevolutionsArmee nach MaylandVisconti-Venosta der dieß Alles nicht ungern sehen möchte sprach sogar von einem Militär-Cordon längs der SchweizerGränze.

Pioda fühlte mehr als Tessiner – und war in der Vertheidigung seiner Landsleute wohl zu heftig was auch seine Depeche an den BundesRath vom 14t Junj beweist – und dadurch kam eine gewiße Kälte in die gegenseitigen Beziehungen. | Diese Auffaßung konte jedoch nur eine sehr vorübergehende sein – und müßte durch die energischen Maaßregeln des Bundes – gegenüber BalagniniNathan und ihren Leuten – wesentlich gemildert werden. –

Die Erklärung ist daher nicht da sondern bei Sella – dem eigentlichen Chef des Ministeriums zu suchen! was konte diesen bestimmen? Scanzi den ich in Mayland sah – als er eben von Florenz zurükkam meinte: Sella besorge die Gotthard Convention – werde ihn zwingen auch rüksichtlich der Ponteba und des Col de Tende weiter gehende Concessionen zu machen, während er, wenn seine Finanz Gesetze angenomen sein werden – wodurch er eine festere Stellung erhalten er dieselben ablehnen könne; ich halte diese Erklärung nicht für richtig!

Stamm glaubt: Sella habe für den zweiten Theil seines Projectes nämlich für den Vertrag mit der Bank – die Splüggisten nöthig – allein da sich Sella laut und unverholen für den Gotthard ausspricht – so ist nicht einzusehen – was die Splüggisten bei der Vertagung bis im Nov. gewonnen mit Ausnahme Rothschilds in der alta Italia die ihre 10 Millionen um so länger behalten. Da Sella mit Rothschild ein Anleihen von 80 Millionen contrahirt, ist ein Einfluß von dieser Seite allerdings möglich. | Der Grund muß aber noch tiefer liegen – nämlich in der Schwierigkeit im Jahr 1851. den durch den Vertrag übernommenen finanziellen Verpflichtungen zu genügen und gleichzeitig an den Mont Cenis und den Gotthard Subventionen zu geben!

Sella wünscht daher wohl geradezu – den Bau des Gotthard um 1 Jahr hinaus zu rüken – und dieß hofft er durch eine Vertagung bis in den Nov zu erreichen – indem dannzumal die Sache sich bis ins Jahr 1872 hinziehen würde bevor man mit dem Bau beginnen – und bevor somit vertragsgemäß Zahlungen zu leisten wären Diese Erklärung – ist die Grattonis der Sella sehr nahe steht – und die mir von allen als die natürlichste erscheint. –

ad 2.) Gegen die Vertagung haben gestimmt – die Minister der öffentlichen Bauten Gadda – des Handels – Castagnola und der Erziehung Correnti für dieselbe hauptsächlich Sella und Lanza – dem sich der Kriegsminister Garone der Marineminister Acton und der Justiz Minister Raellj anschloßen.

ad 3.) Hätte ich die Frage – ob Hoffnung vorhanden sei das Ministerium von seinem Beschluß abzubringen – am ersten Tag meines Hierseins zu beantworten gehabt – so wäre dieselbe wahrscheinlich negativ ausgefallen. – | Herr Pioda war nämlich sehr entmuthigt – und hatte alle möglichen Bedenken mich zu den Ministern zu begleiten –. oder eine Audienz für mich bei Lanza und Sella zu verlangen! Heute hingegen glaube ich Sie versichern zu können daß der Beschluß innerlich schon nicht mehr besteht. Da kein Protocoll des Ministerraths geführt wird sondern die Herrn nur mündlich – über diese oder jene Haltung übereinkommen – beinah wie in Graubünden wo die 3 Regierenden den Hut auf dem Kopf – dem Canzlei Director ins andere Zimmer herüberrufen – was sie beschloßen – so komt es auch dem italienischen Ministerium nicht schwer an – von Beschlüßen – die der eine so – und der andere anders – aufgefaßt hat wiederum abzugehen – da der frühere Beschluß nirgends fixirt ist und das «Scripta manent» daher keine Anwendung finden kann.

Zuerst sagte mir der Director der römischen Bahnen de Martino – «Je puis vous assurer que Sella est disposé de revenir de l'ajournement il s'est trompé, et sait que cet ajournement fait un très mauvais effet; donnant lieu à des interprétations très fausses – comme si le ministère eut plié durant des insinuations de la France ». | Noch bestimmter hat mir Grattoni dieselbe Versicherung gegeben – . Lanza selbst hat ihm gesagt «er werde bei Anlaß der Interpellation – erklären: das Ministerium habe für die Verschiebung keinen andern Grund gehabt, als den, der Kamer nicht eine allzulange Session octroyiren zu wollen wenn die Kamer aber den Wunsch aus spreche daß der Berner Vertrag vorgelegt werde – so sehe das Ministerium darin, die moralische Verpflichtung daß die Kammer denselben auch discutiren wolle und sei daher bereit seinen Bericht der bereits fertig vorliege mit dem Vertrag der Kammer zu unterbreiten».

Ich darf daher die bestimmte Hoffnung aussprechen daß das Ministerium von seinem VerschiebungsBeschluß zurükkommen wird.

ad 4) Was nun die Mittel betrifft die angewendet werden müßen – so sind dieselben bereits in Bereitschaft. Es ist die Interpellation Bertani Fano Podesta – wodurch man die Linke welcher Bertani die Centern denen Fano – und die Rechte denen – Podesta angehört zu gewinnen hofft, Martino den ich zu Rathe zog sagte mir: «Jai écrit à Stamm que ‹son Bertanj› pouvait tout gâter – car c'est un homme violent qui n'a pas de mesure – et qui dira des choses blessantes au ministère. Minghetti ma dit que la droite restera avec le ministère dans une question d'ajournement – et ne les | laissera pas mêner par l'extrême gauche. Il est donc urgent que Fano s'empare du développement de l'interpéllation et que Podesta dise quelques mots à l'appuis.» –

Ich glaube Stamm habe seinem Freund Bertani dieß begreiflich gemacht – einerseits habe ich Fano durch Maraini mit dem er sehr befreundet ist ersuchen laßen – die Rolle des Wortführers zu übernehmen. Ich werde ihn (Fano ) u Podesta so noch vor der Interpellation persönlich zu sprechen trachten. – So viel für heute:

Was meine persönlichen Beziehungen zu Herrn Stamm betrifft – so würde ich darüber lieber schweigen. Er hat mich empfangen wie ein Ambassadeur einen attaché empfängt: «Votre arriveè ne m'a pas eté annoncée» sagte er mir – «Combien de jours est ce que vous comptez rester ici?» Ich bleibe um die Sache nicht zu verderben ruhig, erklärte aber Herrn Stamm – ich sei vor ihm der Bevollmächtigte des GC. gewesen – u brauche ihm daher weder annoncirt zu werden – noch ihm zu sagen wie lange ich bleiben wolle – ich werde bleiben so lange ich es für nützlich halte – indem ich nicht zu meinem Vergnügen hier sei – und nicht wie er mit meiner ganzen Familie in einer schönen Wohnung & & & lebe. – |

Auf meine Frage wie die Sachen stehen – sagte mir Stamm – die Gotthardfrage habe drei Stadien durchlaufen zuerst habe eine wahre «Conspiration» bestanden indem man ihn nirgends habe empfangen wollen – nachdem er aber seine Batterien anders aufgestellt – sei man zum Entschluß der Vertagung gekommen – diesen habe er durch Bertanj und wenn nöthig durch weiter gehende «VolksDemonstrationen» in Genua entgegengewirkt usw – jetzt sei die Lage wieder beßer. An den Minister Grammont habe er einen Brief von 21 Seiten gesandt – und darin von sich aus Frankreich aufgefordert die fehlenden 9 Millionen zu ersetzen – und dabei seine französische Nationalität verwerthet; erklärend: que la preuve la plus potente que le St G n'était pas une entreprise hostile à la France consistant dans le fait – que lui citoyen francais a été nommé «Directeur général de toute l'entreprise». & &.

Ich gestehe Ihnen daß ich meinen Ohren nicht traute, als ich dieß Alles hörte. Noch erstaunter aber war ich als mir Tags darauf Herr Stamm – dem ich mit aller Offenheit gesagt was ich bei Lanza u Sella zu äußern beabsichtige – u dem ich s. z in Mayland die Fäden der ganzen Unterhandlung in die Hand gelegt und ihn bei einflußreichen Deputirten eingeführt hatte – durch Maraini | ein Telegramm an Sie – hochgeachteter Herr vorlegen ließ – also lautend: Au Président Escher à Zurich M. G. est arrivé ici sans que jai été prévenu il parait vouloir agir isolément – c'est une faute. Gleichzeitig hatte er Maraini den Auszug aus seinem Vertrag mit dem GC. mitgetheilt – in welchem gesagt ist: «Nous confions à Mr Stamm la direction générale de tous les Gotthardistes en Italie » & & &.

Daß Maraini darüber herzlich lachte – und mir die wunderbarsten Dinge darüber erzählte – welche Stellung St ihm gegenüber einnehmen wollte u wie er denselben abgewiesen habe – war mir zwar erfreulich – aber dennoch macht mich dieß Alles sehr besorgt – ich wünschte daher sehr eine Abschrift dieses angeblichen Protocolls zu erhalten – denn unter Herrn St bleibe ich keine 24 Stunden in Florenz – dieß erkläre ich Ihnen mit aller Bestimtheit. –

Wie St seine Stellung versteht mögen Sie folgenden zwei Thatsachen entnehmen. Den Präfecten von VeronaAlievi wollte er einfach – mit den Worten «Venez à Florence » hierherberufen. Bis ihm Maraini begreiflich machte – daß ein italienischer Präfect nicht einem Fremden der gar keine öffentliche u auch keine private Stellung im Lande habe – zu Gebot stehe! | Als er gestern bei mir antrat und Grattoni sah – der ihn sehr kalt begrüßte war St außer sich – und sagte als jener sich verabschiedet hatte Comment Grattoni vient chez vous – et pas chez moi – cependant vous ne pouvez rien lui offrir moi seul jai les pouvoirs nécéssaires pour offrir des affaires à ces Messieurs!

Noch betroffener war St als ich ihm sagte: «Ich habe Grattoni – in Ihrem Auftrag versichert daß mit den Mayländer Ingenieuren keinerlei engagement bestehe, – sondern das Comite ganz freie Hand habe».

St meinte dieß sei nicht so, und Maraini hat er gesagt:«Sie hätten die Verpflichtung eingegangen jede Offerte zuerst den Mailändern mitzutheilen – welchen dann der Zuschlag gemacht werde wenn sie um einen Franken tiefer gehen». Maraini bemerkte mir dabei – wenn dieß mehr ist so wird niemand eine Offerte machen!!

Ich schließe dieß unangenehme Capitel mit der Versicherung, daß ich wenn Sie es wünschen mit Herrn St am Gotthard Unternehmen arbeiten will, und ihm meine Unterredungen usw mittheilen werde – ich will aber nicht unter ihm stehen u habe ihm gestern erklärt – ich sei SchweizerMitglied des NR. und glaube in solchen Geschäften mehr Erfahrung zu | haben als er – so lange sie auf dem politischen Gebiet bleiben – Geschäfte wie er sie verstehe wolle und werde ich keine machen. –

Maraini der wie Scanzi u Tatti sich durch St sehr verletzt fühlt sagte mir gestern: «vous êtes perdu si vous ne manquez pas les limites entre votre action et la sienne, et si vous ne lui déclarez pas – que toute la géstion politique vis-a vis de Ministres des Sénateurs et des députés doit vous appartenir, je puis vous assurer du reste que les ministres n'ont pas recu M St. et que son outrecuidance a fait partout le plus mauvais effet. –»

Grattoni aber sagte mir – «je ne veux pas voir – M St. il m'a proposé il y a 8 mois à Turin des affaires concernant le St G et je lui répondis alors – Le tems pour former une société de construction n'est pas encore là – et s'il est la ce nest pas par votre entremise, que je veux me mettre sur les rangs – je connais personellement Mr Feer-HerzogMr Schmidlin et Mr Stehlin c'est a eux, à Mr Escher et à Mr Zingg que je madresserai». –

Grattoni bat mich dann inständig zu bleiben in Florenz bis der Entscheid gefaßt sei. Ich theile Ihnen dieß mit – weil [...?] | ich nicht recht begriff – warum der Mann der mir einen sehr guten Eindruk gemacht hat einen solchen Werth auf mein Bleiben legte!

Zum Schluß füge ich bei – daß Grattoni mich versichert er habe den Gotthard genau studiert u mehrere Blöke auf seine Kosten transportiren u perforiren laßen.

Der Gneiß bei Airolo sei so hart, daß er sogar eine kleine Deviation des Tunnels ja selbst eine etwelche unbedeutende Verlängerung anrathen würde usw.

Mit der Bitte mir meine Stellung St gegenüber genau zu normiren – ungefähr in der von Maraini bezeichneten Weise – füge ich bei – daß ich weit lieber zurükkehre als hier bleibe – so daß Sie mir gegenüber ganz frei Hand haben – aber ich bleibe nicht unter Herrn St.

Das einzige factum der an ihn gerichteten Telegramme – genügt bei einem Charakter wie St. um anzunehmen – er sei wirklich «le directeur général»: Ich will ihn neben mir als Gleichberechtigten vollkomen anerkennen. Aber weder meine Jahre noch meine öffentliche Stellung sind vereinbar mit einer Stellung wie Herr Stamm sie mir machen möchte. Ihrer Erwiederung entgegensehend verbleibe ich

Ihr

hochachtungsvoll ergebener

Dr Gonzenbach.

PS. Von einem Besuch beim Minister Castagnola zurükkommend – kann ich es bestätigen daß das Ministerium bereit ist den Vertrag jetzt vorzulegen u daß es einsieht durch die Vertagung einen Fehler begangen zu haben er sagte bei la résponsabilité appartient à Mr Sella et à Mr Brassier de St Simon ce dernier ayant dit à Mr Sella quil ne voyait aucun inconvenient dans un ajournement jusquau mois de decembre. Der Minister Gadda bestätigte wenn auch weniger bestimt die Aussage seines Collegen. –