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Korrespondenz: Alfred Escher – August von Gonzenbach

AES B5302 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_006 (Abzug)

Alfred Escher an August von Gonzenbach, Zürich, Sonntag, 15. Mai 1870

Schlagwörter: Gotthardbahnprojekt, Italienisches Parlament, Splügenbahnprojekt, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Zürich 15 Mai 1870.

Hochgeachteter Herr!

Im Besitze Ihrer drei verehrl. Schreiben vom 8. 10. & 12. dss. Mon. verdanke ich Ihnen den interessanten Inhalt derselben bestens.

Am Schlusse Ihres letzten Briefes wünschen Sie Mittheilungen über die deutschen Subsidien & über den Verlauf der Unterhandlungen mit Stamm. Ich war eben im Begriffe, Ihnen zu schreiben, um Ihnen diese Mittheilungen zukommen zu lassen, als ich Ihren Brief, der dieselben verlangte, empfing.

Was nun vorerst die deutschen Subsidien betrifft, so hat diese Angelegenheit in den letzten Tagen & vollends gestern eine unerwartet unerfreuliche Wendung genommen. Es bleibt indessen hierin noch manches, das bisher nur auf telegraphi| schem Wege hieher gelangte, aufzukären & es ist möglich, daß wenn dieser Briefe in Ihre Hände gelangt, die Situation in einem wesentlich günstigern Lichte erscheint. Während wir, als ich Ihnen das letzte Mal schrieb, gemäß den uns zugekommenen Berichten mit Sicherheit darauf zählen zu können glaubten, daß der Norddeutsche Bund auf die einne oder andere Weise die von Deutschland beizubringenden 20 Millionen Subventionen verheißen werde, scheint nun plötzlich wieder in Berlin das Verfahren eingeschlagen werden zu wollen, daß jeder deutsche Staat gewissermaßen für sich & unbekümmert um den andern handle & daß der Norddeutsche Bund eine Subvention von 12, oder wie die gestrigen Berichte lauten, sogar nur von 10 Millionen leiste. Wie gesagt, wir haben erst telegraphische Berichte, noch keine nähern Explicationen & stehen somit recht eigentlich vor einem Räthsel. Der Norddeutsche Bund hat sich | doch in sehr eingreifender Weise mit der Gotthard angelegenheit befaßt. Er wird dieß zweifelsohne in der Absicht gethan haben, dadurch ein practisches Resultat zu erzielen. Ein practisches Resultat ist aber nur erzielbar, wenn innerhalb der für die Beibringung der deutschen Subventionen anberaumten, bereits bis zum 1 August erstreckten Frist die Zusicherung von 20 Millionen Subventionen Seitens Deutschlands erfolgt. Wenn nun der Norddeutsche Bund bloß 12 oder gar nur 10 Millionen gibt, Baden 3 Millionen zugesichert hat & seine Kammer, ohne deren Zustimmung eine Erhöhung seiner Subvention nicht Statt finden kann, erst im November 1871 wieder zusammentreten, Württemberg bei der precären Stellung Varnbüler's kaum zu einem Subventionsbeschlusse gelangen wird & aus dem Großherzogthum Hessen, obgleich die Presse wiederholt angesetzt wurde, bis zur Stunde noch nichts herausgedrückt werden konnte, so frägt man sich & muß man | sich immer wieder fragen, auf welche Weise die leitenden Staatsmänner Norddeutschlands sich die Beibringung der deutschen Subventionen denken. Vor dieser Frage, die man sich nicht beantworten kann, bleibt man wie vor einem Räthsel stehen! Ich denke, daß die nächsten Tage uns Aufschlüsse bringen werden, & ich will nicht verfehlen, Sie, sobald ich selbst mehr in's Klare gesetzt bin, über diese so wichtige Seite unserer Gotthardangelegenheit zu orientiren.

Mit Stamm & dem «groupe Milanais», wie man sich ausdrückt, habe ich nach sehr langen & unerquicklichen Verhandlungen abgeschlossen & zwar in einer Weise, mit welcher der Ausschuß der Gotthardvereinigung & Hr. Bundesrath Welti, dem ich von der Sachlage vertrauliche Mittheilung machen zu sollen glaubte, sich vollkommen einverstanden erklärt haben. Stamm ist nun unser Agent mit der Aufgabe, die vielen & verschiedenar| tigen Factoren in Italien, mit denen er in Verbindung steht, zu einer gemeinschaftlichen Action im Interesse des Gotthard zu vereinigen. Er wird sich fortwährend mit Ihnen in das geeignete Benehmen setzen. Die ökonomische Seite des Arrangements mit St. anlangend, so wurde das Ihnen früher in Betreff dieser Materie mitgetheilte Programm strenge eingehalten. Ersatz von «gehörig gerechtfertigten» Baarauslagen, sowie Entschädigung für Zeitverlust & Mühwalt, aber keine Bestechung. Tatti, Scanzi u. s. f. gegenüber ist keine weitere Verpflichtung eingegangen worden, als daß sie jedenfalls auf – dem gleichen Fuße behandelt werden sollen, wie jeder andere Bauunternehmer. Weniger konnte man, wie mir scheinen will, gegenüber von Personen, welche sich, wie Tatti & Scanzi so sehr für den Gotthard bethätigt haben, in der That nicht thun. Es ist also auch nicht | der Schatten einer Verpflichtung, Tatti u. s. f. die Ausführung des Gotthardbahnnetzes oder eines Theiles desselben zu übertragen, eingegangen worden. Ich habe mir von Stamm eine Erklärung geben lassen, in der er dieß ausdrücklich anerkennt & die nöthigenfalls auch Grattoni vorgewiesen werden könnte. Ich theile Ihnen all' dieß mit, weil Sie in Ihrer Stellung es wissen müssen; ich bitte Sie aber, von meinen Mittheilungen nur, wenn nöthig, & vorsichtigen Gebrauch zu machen. – Nach allem, was ich aus Italien erfahren habe, & auch nach Ihren Berichten wäre es, wenn es möglich war, mit Stamm & Cons. ein ehrenhaftes Arrangement zu treffen, nicht zu rechtfertigen gewesen, es zu unterlassen. Sie, hochverehrter Herr! werden nun – ich zweifle nicht daran – an diesen Herren eine wirksame Unterstützung für Ihre Bestrebungen finden. |

Daß sie bei Correnti, der, obgleich Unterzeichner des Bernervertrages, doch nicht die wünschbare Energie entwickelt, um die beförderliche Ratification desselben herbeizuführen, energisch remonstrirt haben, war gewiß sehr angezeigt. Wenn Mailand einmal gesprochen haben wird, so sollte mit allem Nachdrucke auf Genehmigung des Vertrages durch das Parlament hingewirkt werden. Verzögerungen werden nur dazu angethan sein, Machinationen der unlautersten Art, die ja in Italien einen so empfänglichen Boden finden, zu begünstigen. Ich befürchte ohnehin schon, daß Rothschild im letzten Augenblicke mit einem Splügenprojecte vor das Italienische Parlament treten & dadurch wenigstens eine neue Verzögerung herbeiführen wird. Es ist Ihnen ohne Zweifel bekannt, daß dies HH. Wirth- |Sand & Köllreuter schon seit einiger Zeit in Paris & für die technische & finanzielle Formirung des Splügenprojectes thätig sind.

Hr. Schultheiß Zingg hat mich ersucht, Ihnen die Aufschlüsse, die Sie von ihm verlangt haben, geben zu wollen. Da dieß nun vermittelst der gegenwärtigen Zeilen geschehen ist, so betrachtet sich Hr. Zingg Ihnen gegenüber als entlastet.

Damit dieser Brief Ihnen baldmöglichst zu Handen komme, glaube ich ihn nach Mailand adressiren zu sollen.

In hochachtungsvoller Ergebenheit

Ihr

Dr A Escher