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Korrespondenz: Alfred Escher – August von Gonzenbach

AES B5297 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_006

August von Gonzenbach an Alfred Escher, Florenz, Montag, 2. Mai 1870

Schlagwörter: Brennerbahn, Deutscher Reichstag, Gotthardbahnprojekt, Italienisches Parlament, Lukmanierbahnprojekt, Mont-Cenis-Bahn, Presse (allgemein), Splügenbahnprojekt, Staatsverträge, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Florenz d 2t Mai 1870.

An Herrn Dr Alfred Escher in Zürich

Hochgeachteter Herr!

Ihr geehrtes Schreiben vom 29t dMts beweist mir, daß man in der Schweiz den Entscheidungen der verschiedenen ProvinzialRäthe, die alle eine Gotthard-Subvention ablehnten, ein größeres Gewicht beilegt, als dieß hier der Fall ist. Offenbar war es ein Fehler von Seite des Ministeriums sich dießfalls an alle Provinzen zu wenden, von denen die einen kein directes Intereße am Gotthard haben und andere sogar ein negatives. –

Daß Turin z. B. nichts für den Gotthard geben wollte, ist doch wohl eben so einleuchtend, als wenn Graubünden nichts dafür beiträgt. Der ProvinzialRath von Turin aber hat zuerst eine Subvention abgelehnt.

Der Entscheid von Florenz, ist, wenn ich richtig unterrichtet bin, so aufzufaßen, daß Florenz kein spezielles Interesse am Gotthard habe, ich werde trachten Ihnen den Beschluß textuell mitzutheilen. Die für den Septimer votirte Milion wurde zurükgenommen und im übrigen einfach zur Tagesordnung geschritten.

Daß die Provinzen, denen durch die Vorschläge Sella's die Einnahmen der Centimes additonels entzogen wird, sich für eine Bahn auf fremdem Gebiet nicht zu Beiträgen verpflichten wollen, während solche für die inländischen | Bahnen nicht gefordert wurden, ist so natürlich, daß uns nur unerklärlich scheint, wie man im gegenwärtigen Zeitpunkt solche von ihnen erwarten konnte.

Was nun die Million von Bergamo betrifft, die wohl durch Herrn Nationalrath Bavier bei seinem letzten Besuch und unter dem Beistand der vielen in Bergamo wohnenden Bündtner, flüßig gemcht worden ist, so hofft man hier, es werde dieß eher günstig auf Mailand wirken. –

Meine Berichte aus Mayland lauten günstig, obschon Pirosano den Splügen in der Comission mit Talent vertrete. Der Minister Gadda sagte mir am Samstag: er erwarte jeden Augenblick den Bericht Salas mit dem Schluß auf eine Gotthard Subvention zu erhalten. Die Comission hier im Parlament ist noch nicht ernannt und bevor ich einen Schritt thue, um den Vertrag v 15 Oct vJ. derselben überweisen zu laßen, will ich die Stimmung jedes einzelnen und namentlich auch Rattazis genau kennen. –

In dieser Bezieung kann ich nur wiederholen, daß Correnti Gadda, Sella und Castagnola sowie der KammerPräsident der ein entschiedener Freund des Gotthard ist, der Hoffnung sind die Ratification des Vertrags durchzusetzen. Unzweifelhaft ist indeßen eine sehr lebhafte Discussion. Der Hauptgegner ist Torelli der Präfect von Venedig, der erklärt hat: im Fall der Annahme des Vertrags, werde er von seiner Stelle als Präfect von Venedig zurücktreten, um im Senat den Vertrag zu bekämpfen. – |

Noch habe ich auf den Theil Ihres Schreibens zu antworten, der meinen Vortrag in der association constitutionelle berührt.

Ich habe wahrgenommen, daß meine Äußerung in Betreff des Grafen Bissmark von den italienischen Journalen so «gedräht» wurde, als sei Hoffnung vorhanden, den Herrn von Bissmark zu andern Gesinnungen zu bringen, und doch habe ich gerade die gegentheilige Ueberzeugung ausgesprochen.

Solche öffentliche Discussionen haben immer ihre Gefahr und ich habe mich nur sehr ungern zu jenem Vortrag verstanden. Dennoch glaube ich kein Wort zurükzunehmen zu haben indem was ich äußerte buchstäblich wahr ist, zumal mir Aepli seine Conversation mit Bissmark bei seiner Rükkehr von Berlin anno 65 oder 66. mittheilte. –

Daß ich diese Conversation für und nicht gegen den Gotthard benutzen wollte, ist klar, daß sie von den Freunden des Splügen in Mailand anders gedeutet wird als von dem (Aepli ) mit dem sie gepflogen wurde, beweisen die Zeitungen. Ob es klug ist auf jene Äußerung zurükzukommen, da man bei derartigen Berichtigungen selten viel gewinnt wage ich nicht zu entscheiden. –

Die Berichtigung könnte begreiflich nur in der Reproduction meiner Äußerungen bestehen, wie ich dieselben ausgesprochen habe. Dieselben lauteten beiläufig wie folgt. «In jedem andern Lande könnte ich Zweifel über den Vorzug der GotthardLinie vor den übrigen schweizerischen Alpenpäßen eher begreifen, als in Italien. Denn die Vorzüglichkeit der Gotthard-Linie ist ein italienischer Gedanke gewesen, bevor sie zu einer schweizerischen und deutschen Ueberzeugung geworden ist.» |

Zuerst hat Cattaneo in seinem Brief an die Genuesen, die Vorzüge des Gotthard gegenüber dem Lukmanier hervorgehoben. Der ausgezeichnete Bericht Jaccinis aber, der als ein Ruhm des regenerirten Italiens gelten kann, zumal kein anderes Land in einer so wichtigen Angelegenheit einen, gründlichern, umfaßendern und überzeugendern Bericht aufzuweisen hat. – konnte keine Zweifel mehr darüber bestehen laßen welchem von den drei Pässen, des Lukmanier, des Splügen, oder des Gotthard, der Vorzug zu geben sei. Dieser Bericht deßen reiches Material die Nachweisung enthält, daß der Gotthard, in der Mitte zwischen dem Brenner und dem Mont Cenis liegend und direct auf die wichtigste Handelsstraße, den Rhein fallend, das größte AspirationsGebiet für den Waaren- und PersonenVerkehr darbietet hat die Ueberzeugung in der Schweiz wie in Deutschland festgestellt daß der Gotthard die allein rentable linie sei. –

Vor diesem Bericht war man in Deutschland, wie in der Schweiz nicht entschieden! Herr Escher der jetzt an der Spitze der GotthardUnternehmung steht, hat lange geprüft bevor er sich entschieden, und Graf Bissmark der jetzt mit solcher Bestimmtheit erklärt hat: daß die Subventionen der norddeutschen Länder ausschließlich dem Gotthard zukommen werden, hatte vor dem Jahr 1866 einem schweizerischen Abgeordneten bemerkt: «er habe eine Alpenbahn zunächst vom politischen Standpunkt aus zu beurtheilen», und von diesem Standpunkt aus erkläre er, «er wünsche Italien angenehm zu sein» vom Handelspolitischen und nationalöconomischen habe er noch nicht die nöthige Muße gehabt die Vortheile und Nachtheile der in Frage kommenden Pässe zu | prüfen, er sei aber davon überzeugt, daß dießfalls die deutschen Intereßen mit denjenigen Italiens zusammenfallen daher er jetzt schon erklären könne, er werde sich für denjenigen Paß aussprechen für welchen sich die italienische Regierung nach gründlicher Prüfung aller Verhältniße aussprechen werde. –

Diese gründliche Untersuchung hat nun seither wirklich stattgefunden, und ist in dem Bericht Jaccinis niedergelegt und dieser Bericht, durch schweizerische und deutsche FachMänner geprüft, und bestätigt hat dann sowohl dem Entschluß einer Anzahl schweizerischer StaatsMänner als demjenigen des Kanzlers der Norddeutschen Länder zur Unterlage gedient, dem Gotthard, und nur dem Gotthard, eine Staats Unterstüzung zukommen zu lassen.

Bei dieser Sachlage aber zu vermuthen Graf Bissmark könnte von diesem Entschluß wieder abgebracht werden scheint mir eben so unbegründet, als wenn man die Hoffnung aussprechen würde, das Volk des Kantons Bern das soeben mit großer Majorität sich für Subventionirung des Gotthard ausgesprochen habe, demnächst dieselbe Summe für den Splügen votiren zu sehen.»

Dieß hochgeachteter Herr ist, wohl beinahe wörtlich, was ich in der association constitutionelle ausgesprochen habe. Wünschen Sie daß ich die Uebersetzung als Berichtigung in den Corriere di Milano oder in irgend ein anderes Blatt einrüken laße, so bin ich dazu ganz bereit, hoffe aber daß der Entscheid des ProvinzialRaths von Mayland, und derjenige des nordeutschen Parlaments dieser ganzen Polemik demnächst ein Ende machen werde. Die hießige Ratification des Vertrags vom 15 Oct vJ wird dann auch nicht mehr lange auf sich warten laßen. – |

Die Anstellung Stamms als in Italien residirender Agent wäre gewiß den Intereßen des Gotthards sehr förderlich Mir persönlich könte niemand angenehmer sein, um mit einem einsichtigen Fachmann, unsere Interessen zu besprechen; wenn aber der mailänder ProvinzialRath seinen Entscheid gefaßt haben wird, was nach getrigen Berichten sich immerhin noch bis Mitte des Monats verzögern dürfte, so werden Sie dann wohl mein längeres Verweilen in Florenz kaum mehr für nöthig halten.

Die Stellung welche Rattazzi einnehmen wird, hoffe ich Ihnen demnächst andeuten zu können, in allen meinen Besprechungen mit den Parlaments Mitgliedern halte ich an dem Standpunkt fest, daß der Vertrag so angenommen werden müße, unverändert wie er abgeschloßen worden ist. –

Der Entscheid hängt von den Neapolitanern ab, die gegenwärtig, durch Mancini und de Martino bestimmt, günstig sind, allein die Constellationen bei desen so äußerst mobilen Menschen, ändern so schnell als in einem Caleidoscop; die ganz unnöthigen Zögerungen in Mailand sind mir daher sehr unangenehm.

Ihrem Entscheid in Betreff der zu machenden Berichtigung entgegensehend verbleibe ich

Ihr
hochachtungsvoll ergebener

Dr Gonzenbach.

PS. Seit einigen Tagen ist Oberst Lanika hier sein Project Lukmanier-Gotthard zu empfehlen, ich habe ihn in dem Vorzimmer bei Gadda angetroffen. – Wenn auch nicht direct für den Splügen wirkend, wird er gegen die Ratification des Vertrags v 15 Oct 1869 wirken!! Welch ein trauriges Schauspiel, alle die Schweizer die sich im Ausland bekämpfen!