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Korrespondenz: Alfred Escher – August von Gonzenbach

AES B5280 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_006 (Abzug)

In: Jung, Escher Briefe, Band 6, Nr. 13

Alfred Escher an August von Gonzenbach, Zürich, Freitag, 18. März 1870

Schlagwörter: Deutscher Reichstag, Gotthardbahnprojekt, Splügenbahnprojekt, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Zürich 18 März 1870.

Hochgeachteter Herr! 1

Ihr verehrl. Schreiben vom 15 dß.2 ist mir diesen Morgen zugekommen & hat mir im wesentlichen die Nachricht gebracht, daß der Provinzialrath von Mailand die Behandlung der Gotthardsubventionsfrage verschoben hat & daß in Mailand ein Gotthardcomité in Bildung begriffen ist. Ich will mit Jacini3, der das Terrain am besten kennen muß, annehmen, daß die Verschiebung dem Gottharde günstig sei & was das Comité anbetrifft, so ist die Aufstellung eines solchen gewiß von der größten Dringlichkeit. Von besonderer Wichtigkeit ist aber, daß die rechten Leute demselben beitreten & darauf nach Kräften hinzuwirken, ist gewiß eine Aufgabe, | welche aller Ihrer Anstrengungen werth ist.

In Italien scheint man anzunehmen, es sei an Deutschland, die Initiative in der Subventionsfrage zu ergreifen.4 In Deutschland hört man viele Stimmen, welche, wie mir scheint, mit mehr Recht das Gegentheil behaupten. Wenn man sagt, Italien & die Schweiz als die zunächst interessirten Staaten seien auch vorab in der Stellung, die Subventionsbeschlüsse zu fassen, so dürfte sich dagegen nicht viel einwenden lassen. Dessen ungeachtet hat mir Hr. von Bismark5 versprochen, das möglichste zu thun, damit der Norddeutsche Bund sich thunlichst bald schlüssig mache. 6 Die bisherige Zögerung erklärt sich einzig daraus, daß der Norddeutsche Bund Preußen um eine sogenannte Präcipualleistung7 angegangen hat & daß Preußen an eine | Reihe von Privatbahnen am Rheine mit dem Begehren gelangt ist, daß sie sich an der Subventionsleistung betheiligen. Diese Privatbahnen, ungehalten über die Regierung um anderer Dinge willen, haben sich lange geweigert & an diesem Haken blieb die ganze Sache hängen. Gemäß Berichten8, die ich gestern Abend erhalten habe, steht nun aber in Aussicht, daß eine Verständigung zu Stande kommen wird, & dann dürfte die Subventionsfrage ohne Verzug an den Bundesrath & Reichsrath gebracht werden. In diesen Staatskörpern soll die Stimmung, wie mir von vielen Seiten versichert wurde, eine der Sache sehr günstige sein. Auch der König9 & die Königinn10 , der Kronprinz11 us. f. sprechen sich sogar mit Wärme für das Gotthardproject aus. |

Bismark hat mir versprochen, Italien gegenüber sofort einen Schritt zu thun, um dasselbe zu entschlossenem Vorgehen zu veranlassen. Er hat sein Wort gehalten & unter anderen der Italienischen Regierung neuerdings erklärt, daß der Norddeutsche Bund keinen andern Alpenpaß als den Gotthard subventioniren werde.

In der Schweiz gewinnt der Gotthard von Tag zu Tag an Terrain. Selbst unsere eifrigsten Demokraten im Ctn. Zürich, die für den Splügen Partei nehmen, weil wir für den Gotthard sind, haben in der Cantonsräthlichen Commission dafür gestimmt, daß eine Subventionirung des Splügen erst Statt finden könne, wenn die Ausführung der Gotthardbahn gesichert sei.

Ihren weitern Berichten, die Sie an mich gelangen lassen wollen, mit Spannung entgegensehend verbleibe ich hochachtungsvoll

Ihr ergebene

Dr A Escher

Kommentareinträge

1Gonzenbach war seit Anfang März 1870 im Namen der Gotthardvereinigung in Italien. Obwohl «des Italienischen nicht mächtig», hatte er die Mission auf Eschers Anfrage hin bereitwillig angenommen. August von Gonzenbach an Alfred Escher, 1. März 1870. Vgl. Telegramm Escher an August von Gonzenbach, 1. März 1870 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_006); August von Gonzenbach an Alfred Escher, 5. März 1870.

2 Vgl. August von Gonzenbach an Alfred Escher, 15. März 1870.

3 Stefano Jacini (1826–1891), Mitglied des italienischen Senats.

4Gonzenbach hatte dies in seinem vorausgegangenen Brief angesprochen: «Mehr noch als die Unterstüzung Maylands ist – für das Ministerium die Unterstüzung des Norddeutschen Bundes nöthig. Das Zögern u Schweigen Bismarks wird stark exploitirt.» August von Gonzenbach an Alfred Escher, 15. März 1870.

5 Otto von Bismarck (1815–1898), Ministerpräsident und Aussenminister des Königreichs Preussen, Kanzler des Norddeutschen Bundes.

6Escher begab sich Anfang März 1870 nach Berlin, um mit Bismarck und dem preussischen Staatsminister Rudolf von Delbrück das Gotthardprojekt zu besprechen. Vgl. Maximilian Heinrich von Roeder an Alfred Escher, 5. März 1870; Alfred Escher an Clemente Maraini, 18. März 1870.

7Präzipualleistung: Geldbetrag, der vor der Aufteilung des Gewinns einer Gesellschaft einem Gesellschafter für besondere Leistungen aus dem Gewinn ausbezahlt wird (von lat. praecipuum).

8Brief nicht ermittelt.

9 Wilhelm I. (1797–1888), König von Preussen.

10 Augusta (1811–1890), Tochter von Grossfürstin Maria Pawlowna und Grossherzog Karl Friedrich von Sachsen-Weimar-Eisenach; ab 1829 Ehefrau von Wilhelm I.; Königin von Preussen.

11 Friedrich Wilhelm Nikolaus Karl von Preussen (1831–1888), Sohn von Augusta und Wilhelm I.