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Korrespondenz: Alfred Escher – Gottlieb Koller

AES B5201 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_005

Gottlieb Koller an Alfred Escher, Florenz, Mittwoch, 14. Februar 1866

Schlagwörter: Gotthardbahnprojekt, Lukmanierbahnprojekt, Presse (allgemein), Rothschild (Bankhaus), Splügenbahnprojekt, Tunnelbau, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

G. KOLLER–BURCKHARDT
INGENIEUR

Florenz den 14 Febr. 1866.

Tit. HHerrn Präsident Dr Alfr. Escher, Zürich

Hochgeachteter Herr,

Nachdem die Abstimmung der Kommission endlich glücklich von Statten gegangen & unsere Bestrebungen von erfreulichem Erfolg gewesen sind, treten wir nun in den praktischen Theil unserer Aufgabe ein, den, die bisherige Errungenschaft zu sichern & zu einem glücklichen Ende zu führen. Dazu gehört in erster Linie die Bekämpfung der den langen Tunneln gegen über gestellten Projekte mit neuen Betriebsmitteln, unter welchen jetzt hauptsächlich das pneumatische die Hauptrolle spielt, konsequent damit die Beharrung an der Nothwendigkeit von Subsidien, welche die Gegner keine Hoffnung haben zu bekommen & daher deren Nothwendigkeit verneinen & endlich die Sicherung der Subsidien selbst. In der Schweiz kommt außerdem dazu die Säuberung des Tessins, die hier nicht blos vom Minister, sondern von der ganzen Kommission dringend gewünscht wird & die man auch bestimmt erwartet.

Wie bereits schon seit einiger Zeit in der «Eisenb. Ztg» so fangen in den hiesigen Journalen die Gegner an die Möglichkeit der Ausführung aller Pässe ohne Subsidien zu verbreiten | & es ist mit Gewißheit anzunehmen, daß dieses Thema auch in die Kammerverhandlungen gebracht wird. Glücklicher Weise hat Jacini diese Frage studiren lassen & hat sich die bezügl. Kommission der Anwendung dieser neuen Betriebsmittel für eine definitive Bahn entschieden wider setzt. Da dieser Bericht noch nicht publicirt ist & sich auch noch nicht in den Händen der Deputirten befindet, so lasse ich in den nächsten Tagen Auszüge daraus in der Opinione & Italie einrücken.

Wie Sie gesehen haben werden wurden in der Italie auch die Verhältnisse Tessins besprochen im Sinn Ihres Schreibens, deren Aufklärung in der Kommission noch vor dem Votum einen guten Eindruck hervorbrachte.

Die Italie bringt heute auch den Artikel der Opinione, den Sie kennen, damit derselbe durch dieses Blatt auch im Ausland bekannt wird. Natürlich wurde derselbe angemessen umschrieben, weil die Blätter nicht gerne von einander entlehnen. Dieser Artikel, von Jacini selber herrührend, ist gewiß in jeder Beziehung sehr erfreulich, indem er darin entschieden auf den Gotthard hinsteuert & jeden Nebengedanken an den Splügen ausschließt. Er hat darin unsern dringenden Wünschen ent | sprochen welche eine unumwundene Erklärung für den Gotthard verlangten, in der Hoffnung damit jede weitere unnütze Opposition jenseits der Alpen zu brechen. Hoffentlich werden nun die bisher noch unentschiedenen Kantone sowie die deutschen Rheinstaaten diesen Wink verstehen & dem Wunsche Italiens entgegenkommen.

Die Hauptfrage ist natürlich nun die Sicherung der Subsidien Italiens. Hr. Cassaretto glaubt, daß Genua seine Millionen der Regierung ohne Widerspruch zur Verfügung halten werde. Von dem jetzigen lukm. Syndic Podesti & von Boccardo dürfte zwar wohl Opposition gemacht werden, aber kaum ohne irgend welchen Erfolg. Für Mailand ist J. mehr besorgt & wünscht, daß ich dort arbeite. Ich habe bereits einen Artikel dahin gesandt dem andere folgen werden, habe auf den Rath Marainis an einen Ingenieur Mitglied des Provinzialrathes & Gegner Vanottis geschrieben, um ihm die Zustimmung des Provinz-Rathes zu dem Votum der Kommission zu empfehlen & werde vielleicht für einige Tage selber hingehen. Da Correnti selbst für den G. gestimmt hat & Bellinzaghi nicht nur keine Opposition machen sondern selbst helfen will, daß Mailand zustimme & da ferner Jacini | auch selber durch seine Freunde wirkt, so sollte die Splügenkoterie wohl gebrochen werden können. Jacini hat dem Syndic Berretta geschrieben, er hoffe es werde ein mailänd. Tell auferstehen um dem Gessler aus Veltlin den Garaus zu machen.

Was nun die Staatssubsidien betrifft, so kann ich Ihnen, aber nur Ihnen, ganz vertraulich mittheilen, daß J. Projekt darin besteht die 28 Mill. welche Frankreich im Jahr 1871 für den M. Cenis tunnel an Italien zu zahlen haben wird zu den Gotthard subsidien zu verwenden. Um sofort Verwendung zu finden müßte dieses Guthaben eskomptirt werden. Auf diese Weise erklärt sich, daß der Staatsschatz nicht belastet, sondern nur nicht bereichert würde. Diese 28 Mill. mit den 10 Mill. von Rothschild (das Gesetz sagt mindestens 10) würden also Ca 40 ausmachen, außer denen von Genua & Mailand . Man sollte glauben daß dieser Vorschlag von den Kammern wohl angenommen werden dürfte & daß Rothschild Opposition dadurch be deutend geschwächt sein wird.

Hoffentlich werden nun auch bald aus Deutschland erfreuliche Berichte einlaufen.

Mit vollkommenster Hochachtung Ihr Ergebenster

G. Koller