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Korrespondenz: Alfred Escher – Gottlieb Koller

AES B5115 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_054

Gottlieb Koller an Alfred Escher, Schönbrunn, Mittwoch, 2. Oktober 1867

Schlagwörter: Gotthardbahnprojekt, Liberale Presse, Lukmanierbahnprojekt, Mont-Cenis-Bahn, Presse (allgemein), Simplonbahnprojekt, Vereinigte Schweizerbahnen (VSB)

Briefe

G. KOLLER-BURCKHARDT
INGENIEUR

Schönbrunn, den 2 Okt. 1867.

Tit. HHerrn Präsidenten Dr Alfr. Escher, Interlaken

Hochgeachteter Herr!

Erst jetzt bin ich im Falle Ihre verehrliche Zuschrift vom 29 abhin zu beantworten.

In Betreff des bewußten Verzeichnisses, von dem ich das Original leider jetzt nicht in Handen habe u nicht hieher kommen lassen kann weil es eingeschlossen ist, schrieb ich nochmals nach Zürich in der Vermuthung, daß vielleicht dasselbe mit einer ähnlichen Aufstellung von Herrn Kunz verwechselt u entweder gar nicht abgeschrieben oder zurückbehalten worden sei. Hr. Schweizer meldet mir aber, daß Kanzlist Furrer die Abschrift besorgt u dieselbe mit andern Akten an Sie abgesandt worden sei. Da Sie dieselbe nun nicht mehr finden, so werde ich sofort nach meiner Heimkehr, in etwa acht Tagen, die Abschrift besorgen.

Von den neuesten Lukmanier-Projekten besitzt das Gotthard Komite meines Wissens kein Exemplar, weil bis jetzt überhaupt | keines erhältlich war. Auf neue Anfrage bei Wurster & Randegger in Winterthur erhalte zur Antwort, daß von ihnen bis jetzt nur 25 Ex. der Plane mit Trace u den Profilen und 150 Ex. der Plane ohne Trace abgeliefert worden seien. Sie zweifeln, daß in die letztern das Trace eingezeichnet wurde u nehmen an, daß das Ganze nicht für die Öffentlichkeit bestimt sei, sondern nur für die Intressenten. So viel ihnen bekannt, sei der Bericht nur geschrieben, also nicht gedruckt worden, was sie jedoch nicht ganz mit Bestimmtheit angeben können.

Die Hrn. W. u R. besitzen nur ein vollst. Exemplar, das aber bei der Ausstellung in Paris liegt. Dagegen wollen Sie eines auf Verlangen noch einen Situationsplan mit Trace u Bruchstücke der Profile zur Einsicht einsenden, welche Offerte ich natürlich annehmen werde.

Um die von Ihnen gewünschten übersichtliche Zusammenstellungen anfertigen zu können wird es hingegen fast nothwendig sein nach Bern zu gehen, sofern es nicht möglich wäre durch Ihre Vermittlung eine Kopie des Berichtes u Devis von Bern | zu erhalten. Ich gewärtige diesfalls Ihre nähern Weisungen.

Nach einem Briefe D. vom 26. Sept. war Herr Giavanola damals angelangt, hingegen seine Audienz mit Herrn Pioda noch nicht festgesetzt. Der Moment war gerade nicht opportun. Die offizielle Collaudation der Mt Cenis ist wegen schlechtem Wetter auch verschoben worden. Sie hätte den 20. S. stattfinden sollen. Man vermuthet, daß für einige Monate vorerst nur der Güterverkehr gestattet werde u so vielleicht bis zur Eröffnung des Personenverkehrs der Winter verstreichen könnte. Ich denke die Versuche am Mt Cenis werden die allzu sanguinischen Hoffnungen der Freunde höherer Linien einigermaßen herabstimmen

Durch die [waadtl.?] Patrie, no 226, werden Sie ersehen haben, daß es so zu sagen nur Herr Lommel ist, der in der westlichen u östl. Presse die Hände im Spiel hat u dieses Manöver nur dazu bestimmt ist das Publikum irre zu führen u allfällige Demarchen des Bundesrathes zu hemmen. Für meine Person bezweifle ich sehr diesen nahen Succès du Lukmanier et du Simplon u den appui financier des divers Etats allemands u | glaube, daß eine «Verabfindung» dadurch noch keineswegs ausgeschlossen ist. Die N. Z. Ztg bringt heute auch wieder eine Hetz' über die InnsbruckFeldkircher Bahn, welche das Intresse Östreichs an dieser Linie darthut. Wenn übrigens diese Art der Verabfindung der Union Suisse nicht einleuchten würde, so gäbe es wohl noch andere Wege, die dann die Westschweizer weniger bemühen würden. Gelingt es indessen nur die St Galler u Graubündtner zu befriedigen, so hört gewiß die Opposition in der Westschweiz von selbst auf. Dieselbe mag sich dann mit Herrn Lavalette helfen. Im Notfall könnte man ihnen eine Unterstützung für die in Piemont u besonders in Turin schon wiederholt in Anregung gebrachte St Bernardsbahn in Aussicht stellen, für welche die Bundeskasse wohl nicht viel zu riskieren hätte, sofern man die Zahlungen erst auf den Zeitpunkt der Eröffnung festsetzen würde.

Genehmigen Sie die Versicherung meiner vollkommensten Hochachtung u Ergebenheit

G. Koller-Burckhardt