Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Giovanni Battista Pioda

AES B5065 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_005 (Abzug)

Alfred Escher an Giovanni Battista Pioda, Zürich, Mittwoch, 14. Juni 1865

Schlagwörter: Bundesrat, Eisenbahnen Finanzierung, Eisenbahnen Gutachten und Expertisen, Gotthardbahnprojekt, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Hochverehrter Herr & Freund!

Ihre beiden verehrl. Schreiben vom 15 Mai & 9 Juni sind mir richtig zugekommen & haben mich sehr erfreut. Ich habe denselben neuerdings entnommen, daß Sie fortwährend bemüht sind, dem Gotthard projecte in Italien den thunlichsten Vorschub zu leisten. Wir alle zollen Ihnen hiefür unsern lebhaften Dank.

In Ihrem letzten geschätzten Schreiben sprechen Sie den Gedanken aus, es dürfte nunmehr an der Zeit sein, daß die Abordnung, welche der Gotthardausschuß für Italien bestimmt hat, sich nunmehr dorthin verfüge. Ich weiß, daß auch Hr. Koller denselben Wunsch hegt, & es ist möglich, daß er auf Ihre Anschauungsweise einen | etwelchen Einfluß ausgeübt hat. Wir haben im Ausschusse diese Frage wiederholt & gerade noch in den letzten Tagen besprochen: Wir sind aber immer zu dem Schlusse gekommen, daß eine Reise unserer Delegation nach Italien in dem gegenwärtigen Augenblike ungeeignet wäre. Ich muß fast glauben, daß Sie, indem Sie unsere Delegation jetzt schon in Italien eintreffen sehen möchten, von der Voraussetzung ausgehen, es sei das Gotthardproject auch nach der finanziellen Seite hin bereits erheblich gefördert. Dem ist nun aber nicht so & der Natur der Sache nach kann dem auch nicht so sein. Es handelt sich hier natürlich zunächst darum, Subventionen in der einen oder der andern Form in der Schweiz, in Deutschland, in [Ostreich , Frankreich?], in Belgien, in Holland & in | England für eine Gotthardbahn erhältlich zu machen. Es sind auch bereits einleitende Schritte zu diesem Ende hin geschehen: der Ausschuß erwägt in ganz confidentieller Weise, welche Leistungen den einzelnen Cantonen & den Eisenbahngesellschaften in der Schweiz, sowie dem Bunde zugemuthet werden könnten & ebenso sind Delegationen sehr hervorragender Personen bezeichnet, welche demnächst die vorher erwähnten Staaten des Auslandes bereisen sollen, um Zusicherungen finanzieller Betheiligung bei der Ausführung der Gotthardbahn zu erwirken. Bevor aber in dieser Richtung eingreifende Schritte geschehen konnten, mußte das technische Gutachten betreffend des Gotthardproject verbreitet sein. Wie Sie wissen | konnte das Gutachten erst in den letzten Tagen versandt werden. Wir sind also durchaus noch nicht in der Lage, über finanzielle Combinationen für Verwirklichung der Gotthardbahn irgend etwas bestimmteres mittheilen zu können. Würde nun unter so bewandten Umständen unsere Delegation in Italien eintreffen, so müßte sie, wie uns scheinen will, eine fast lächerliche Figur spielen. Um mit Beziehung auf die commerzielle & technische Seite der Frage Aufschlüsse zu geben, könnte sie nicht nach Italien gekommen sein: Denn in diesen beiden Richtungen ist bereits alles geschehen, was gethan werden kann. Die Delegation könnte also nur in Italien eingetroffen sein, um Eröffnungen finanzieller Natur zu machen. Und wenn Sie nun in | dieser Beziehung durchaus nichts auch nur einigermaßen bestimmtes mittheilen, sondern nur von allerdings wohlbegründeten Erwartungen, aber doch immer nur von Erwartungen sprechen könnte, so würde die Delegation nach meiner festen Überzeugung gerade den entgegengesetzten Eindruck von demjenigen, den man beabsichtigt, hervorrufen. Während es unzweifelhalft ist, daß der Gotthard von der Schweiz, Deutschland u. s. f. viel mehr Geldunterstützung zu erwarten hat, als irgend ein anderer Schweizerischer Alpenpaß, würde es im Gegentheile den Anschein gewinnen als ob keinerlei finanzielle Mittel für die Verwirklichung des Gotthard verfügbar gemacht werden könnten. – Mein Plan war imer der, nach Verbreitung der commerziellen & technischen Denkschrift über den Gotthard | möglichst sichere Erhebungen über die Subventionen, welche in den nördlich von Italien gelegenen Ländern für den Gotthard erhältlich sein dürften, zu machen & sodann mit den so gewonnenen Resultaten die Delegation des Gotthardausschusses nach Italien zu entsenden.

Noch muß ich hinzufügen, daß der Ausschuß, indem er Jacini am 1 Nov verfl. J. die Ernennung einer Delegation, um mit ihm zu conferiren, anzeigte, zugleich das Ansuchen an ihn richtete, den Zeitpunct bezeichnen zu wollen, zu welchem er mit der Abordung zu verhandeln wünsche, daß aber Jacini bis zur Stunde keine Einladung an die Delegation, sich nach Italien zu verfügen, gerichtet hat. Es scheint mir dieß ein Grund mehr dafür zu sein, daß unsere Delegation gegenwärtig nicht nach [Italien?] gehen soll. |

So sehen wir die Dinge hier an. Sollten Sie auch nach den Aufschlüssen, die ich Ihnen zu geben im Falle war, wider Erwarten gleichwol dafür halten, daß die Delegation sich jetzt nach Italien verfügen solle, so wollen Sie mir dieß auf telegraphischem oder brieflichem Wege mittheilen. Wir würden dann die Frage neuerdings in Berathung ziehen. Auf jeden Fall müßten Hr Stehlin & ich schon am 2 Juli Abends wieder in Bern sein, da am 3 Juli der Nationalrath mit der Behandlung des Geschäftsberichtes des Bundesrathes beginnen wird, eines Tractandums, für welches wir beide Berichterstatter sind & anläßlich dessen wohl schon am ersten Tage die Alpenbahnfrage zur Sprache gebracht werden dürfte.

Ich sehe mit Spannung Ihren weitern gef. Nachrichten entgegen & indem ich | Sie bitte, mich Ihrer verehrten Familie angelegentlich zu empfehlen, verbleibe ich in vorzüglicher Hochachtung

Ihr freundschaftlich ergebener

Dr A Escher

Zürich
14 Juni 1865