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Korrespondenz: Alfred Escher – Samuel Friedrich Siegfried

AES B4958 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_004

Samuel Friedrich Siegfried an Alfred Escher, Bellinzona, Dienstag, 7. Dezember 1869

Schlagwörter: Gotthardbahnprojekt, Grosser Rat TI, Regierungsrat TI, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Bellinzona 7 Dec.
1869.

Lieber Freund!

Gemäß meinem heutigen Telegramm übersende ich Dir mitfolgend die von Dir gewünschte dritte Eingabe an den Grossen Rath. Die Leute sollten nun hinreichend gewarnt sein! Allein es wird nichts helfen. Offenbar hoffen sie, auf die Sache zurükkommen zu können, wenn's nicht mit 3 Mill. gehen sollte. So schliesse ich aus Jauch's Aeusserungen, den ich heute noch einmal besuchte, da ich ihn früher nicht getroffen. Er sprach es geradezu aus, daß man später wenn nöthig immer noch mehr thun könne. Doch reservirte er alsbald wieder seine Freiheit, als ich ihn beim Wort nehmen wollte. Er behauptet, Dir gegenüber in Bern sich bestimmt nur f. eine 3te Million ausgesprochen, bezügl. einer 4ten aber | weitere Ueberlegung & Orientirung vorbehalten zu haben. Er sagt, mehr sei jezt absolut nicht erhältlich, da auch andere dringende & grosse Baubedürfnisse im Kanton befriedigt werden sollten z. B. zerstörte Brüken bei Ascona, im Val Maggia, über die Magliasina etc. Auch eine Strasse über den Lukmanier sei für das Val Blegno nöthig etc. – Wenn eben Regierung & Grosser Rath nichts thun, um eine grosse Frage entsprechend zu studiren & umfassend dem Volke klar zu machen, so kann die öffentl. Meinung nicht auf die zu wünschende Stufe der Einsicht & Bereitwilligkeit gebracht werden. Immerhin wird morgen ein einläßlicher Entscheid gefaßt werden. Jauch ver| sprach wenn nöthig sich dafür zu verwenden, selbst Angesichts der ihm v. mir angekündeten Erklärungen des Komité.

Wenn Du diese Zeilen erhältst, wirst Du telegr. wohl schon den Entscheid vernommen haben, der nicht Zweifelhaft ist unter Umständen.

Ich machte Jauch auch Andeutungen, daß das Tessin'sche Nez in Revision gezogen werden könnte. Das schien ihm gar nicht zu gefallen. Forni meinte, eine Verschiebung des Baues der Thalbahnen bis an's Ende des Ganzen, welche Ansicht v. Ducoster ausgesprochen wurde zu Ersparnis beträchtlicher Zinse, würde von vielen Mitgliedern des Gr. Rathes einer grösseren Belastung vorgezogen. |

Wenn der Entscheid gefaßt ist, so wünsche ich zu verreisen & werde Du Coster beauftragen, Dir alsbald ein amtliches Aktenstük darüber zu übersenden. Später wird die offizielle Antwort durch den Staatsrath an das Komité erfolgen. Daß ich kein entsprechendes Ergebniß erzielt, thut mir sehr leid; ich glaube es hieng lediglich von der leidigen Disposition der hiesigen Geister ab, die nun einmal den erforderlichen Ernst für die Sache nicht zeigten. Was die Leithämmel noch etwa weiter im Hintergrund spekuliren, ich habe es nicht erfahren können. –.

Da der hiesige Aufenthalt im Uebrigen ein in jeder Hinsicht erbärmlicher, so bin ich im Uebrigen des Schlusses froh.

Von Herzen Dein

Siegfried.

Sehr eilig.