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Korrespondenz: Alfred Escher – Samuel Friedrich Siegfried

AES B4910 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_004

Samuel Friedrich Siegfried an Alfred Escher, Bellinzona, Freitag, 29. April 1870

Schlagwörter: Gotthardbahnprojekt, Grosser Rat TI, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Lieber Freund!

Deine heutige telegr. Antwort sammt der etwas veränderten Redaktion habe ich sofort abschriftlich dem Präs. der Groß rathskommission Herrn Varenna während der Sizung mitgetheilt mit dem Begehren, Deinen Vorschlag der Komm. mitzutheilen & genehmigen zu lassen. Bald nachher sezte ich 3 andere Mitglieder der Komm. ebenfalls davon in Kenntniß. Allen sprach ich die unerläßliche Nothwendigkeit aus, Deinen Vorschlag anzunehmen, mit Be tonung der Unmöglichkeit, darauf nicht einzugehen. Ich glaube auch erwarten zu dürfen, daß man so viel Ver stand & Klugheit habe, aus Worten nicht viel Aufhebens zu machen & sich nicht in eine kleinliche, unwürdige & unhaltbare Stellung zu versezen. Den des Misstrauens nie ledig werdenden | Leuten lag eben wieder gar viel daran, ihrer beiden Seitenlinien beson ders zu gedenken, obwohl sie doch so vollkommen im Vertrag mit Italien präzisirt & gesichert sind. Ich hatte in der Kommission heute früh zwei Redaktionen vorgelegt, welche beide lediglich der im Vertrag ge nannten Tessin'schen Linien überhaupt gedenken wollten, verwendete mich aber besonders gegen die in der Kom mission gestern entworfene 2te Bedingung, dass nemlich die beiden Thalbahnen gleichzeitig begonnen, ausge führt & in Betrieb gesezt werden sollen. Ich unterlasse die Aufzählung der Gründe gegen dieses kleinliche & ge wissermassen den Staatsvertrag über bietende Begehren. Es wurde endlich | fallen gelassen & verhiess ich dann so fortige Mittheilung der 1ten Bedin gung an Dich, um wahrscheinlich heute noch Deine Erwiederung zu eröffnen.

Ich hoffe, daß morgen früh die Kommission sich wieder versammelt & werde Dir das Ergebniß ihrer Berathung alsbald telegr. zukommen lassen.

Leider ist die Sache während dieser Woche so verschleppt worden, daß sie erst in nächster Woche im Gr. Rath behandelt werden kann & zwar nicht vor Dienstag. Am Samstag geht die Sizung früh zu Ende & beginnt am Montag erst Nachmittags, so daß an solchen Tagen nie Wichtigeres auf der Tagesordnung steht. Ich dränge | nun, nachdem die Sache so weit vorge rükt ist, so viel ich kann, da die an & für sich so einfache Lage derselben weiterer Zeit eigentlich nicht bedarf, nachdem doch Niemand daran denken oder es wagen darf, die normale Zahlungsweise gegenüber der früher bedungenen, für Tessin al lerdings beträchtlich günstigeren zu verweigern.

Hoffentlich kann ich bald ein sicheres Ende der hiesigen misèren melden & verbleibe in alter Anhänglichkeit & Freundschaft

Dein

Siegfried.

Bellinzona 29 April
1870.

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