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Korrespondenz: Alfred Escher – Samuel Friedrich Siegfried

AES B4907 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_004

Samuel Friedrich Siegfried an Alfred Escher, Bellinzona, Mittwoch, 27. April 1870

Schlagwörter: Gotthardbahnprojekt, Grosser Rat TI, Staatsverträge, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Lieber Freund!

Infolge einer diesen Nachmittag ge haltenen Besprechung mit einer Abord nung der Grossrathskommission, bestehend aus den Herren Varenna , Luisoni & Forni, haben sich diese Herren bereit erklärt, der Kommission vorzuschlagen, den Antrag an den Gr. Rath zu stellen, daß sich Tessin nach Inhalt des Ver pflichtunsscheins für 3 Millionen verbind lich mache unter Beifügung eines den Inhalt der §§ 1 & 3 des Vertrags mit Italien besonders anrufenden Zusazes. Es wurde versucht, einen Zusaz genehm zu machen, welcher sich auf die v. Kanton Tessin konzedirten Linien berufen hätte. Auf meine moti virte & bestimmte Erklärung, daß Solches nicht angehe, sondern nur Schwie rigkeiten | für Genehmigung des Vertrags schwei zerischer Seits hervorrufen müßte, wurde nicht darauf beharrt. Die Linie nach Locarno sei ausdrüklich modifizirt & diejenige über Magadino noch beige fügt & nur das so modifizirte Tessin' sche Nez sei gültig & dürfe von Seite Tessin's jezt angerufen werden.

Morgen wird sich die Kommission mit Formulirung einer Redaktion befassen & ich hoffentlich in den Fall kommen, sie Dir zur Prüfung zu senden.

Montag Nachts erhielt ich Dein eventuell zu einem vertragsgemässen Vorbehalt stimmendes Telegramm, infolge welches ich gestern, da auf einem solchen Vorbehalt allseitig bestanden wird, | sowohl verschiedenen Staatsräthen als Mitgliedern der Kommission erklären konnte, daß ein vertragskonformer Zusaz keine Schwierigkeiten er heben dürfte. Man scheint allsei tig froh zu sein, also diese Ange legenheit erledigen zu können.

So muß ich wenigstens auch aus meinen Unterredungen mit Airoldi , Lurati & Soldini schliessen. Fratecolla meint nun auch, daß es so gehen dürfte.

Bei solch' geebneter Sachlage fände ich nur, daß eine sofortige Behand lung & Erledigung des Geschäfts angezeigt wäre; allein ob es Folge des hier üblichen schleppenden Ganges der Dinge ist, oder ob noch andere Ge danken & Absichten herumgetragen werden, die, wenn reifer geworden, | hervorgehoben oder fallen gelassen werden,– genug die so einfache Sach lage wird einer prompten Behandlung & Erledigung nicht gewürdigt. Nachdem nun aber ein Einverständniß über die Art der Erledigung vorhanden zu sein scheint, werde ich mir erlauben, in geziemender Weise um Beförderung zu bitten.

Die Situation ist also wesentlich dieselbe, wie ich sie in meinem 1ten Brief v. 25 dieß Dir gemeldet & hat in folge Deines verdankenswerthen Entgegenkommens sich befestigt. Hoffentlich kann ich morgen einen neuen Schritt ihrer Entwiklung melden.

Von Herzen grüssend Dein

Siegfried.

Bellinzona 27. 4. 70.