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Korrespondenz: Alfred Escher – Samuel Friedrich Siegfried

AES B4905 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_004

Samuel Friedrich Siegfried an Alfred Escher, Bellinzona, Montag, 25. April 1870

Schlagwörter: Gotthardbahnprojekt, Grosser Rat TI, Presse (allgemein), Staatsverträge, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Bellinzona 25 April 1870.

Lieber Freund!

Indem ich mein Telegramm v. heute Mittag bestätige, füge ich bei, daß der Wunsch einer speziellen Anrufung des Vertrags v. 15 Oct. 1869 wesentlich aus einem Artikel eines Mailänder Blattes entsprungen zu scheint, welcher die Cenere Linie gefährdet darstellte. Auch die Mitglieder des Staatsraths, welche schlechtweg den Beschluß fassen halfen (die Disceneriner ), dem Gr. Rathe die zusazlose Unterzeichnung des Verpflichtungsscheins anzutragen, sind jezt in Betracht der wieder | in Besorgniß versezten Bevölkerung jenseits des Cenere der Ansicht, daß die Tessin'sche Verpflichtung in irgend einer Form des internationalen Vertrags Erwähnung thun müsse, da der Verpflichtungsschein nur allgemein v. der Gotthardbahn rede.

Die Kommission des Gr. Rathes versammelt sich schon diesen Nachmittag; doch hatte ich noch Gelegenheit, den Präsidenten derselben, Herrn Varenna zu sprechen. Er theilte die Ansicht der Mitglieder des Staatsraths & glaubte, daß mit einer passenden Bezie| hung auf die Vorschriften des internat. Vertrags die Kommission die Unterzeichnung des Verpflichtungsscheins beantragen werde. Ich bat ihn, mich von einer daherigen Redaktion in Kenntniß zu sezen, damit wo möglich vor Feststellung eines daherigen Antrags ich veranlaßt werde, Deine Meinung zu vernehmen & nachherigen Schwierigkeiten vorzubeugen.

Dem Herrn Varenna wie den 5 versammelt gewesenen Mitgliedern der Regierung hielt ich entgegen, daß eine besondere Anrufung des internat. Vertrags im Verpflichtungsscheine | überflüssig sei, da ja jede & alle Subvention nur für Vollziehung der Gotth.bahn, resp. des darüber abgeredeten Vertrags verheissen & gegeben werde. Sei es also selbstverständlich, daß die 3 Mill. v. Teßin nur zu diesem Zweke gegeben werden, so erscheine vielleicht ein solcher spezieller Vorbehalt nach allem Geschehenen & Vorliegenden auch als formell ungerechtfertigt & unverdientes Mißtrauen verrathend. Einen solchen Zusaz konnte ich freilich nicht als geradezu unzulässig & hinderlich ansehen & machte daher nicht eigentlich Opposition dagegen. Erscheint auch Dir die Sache so, so dürfte es unter Umständen klug & gerathen sein, | gegen einen passenden Zusaz nicht zu widerstreben, da die Weigerung wohl nur das Mißtrauen steigern würde.

Es liesse sich auch die Form wählen, daß zwar der Verpflichtungsschein unverändert ausgestellt, dagegen eine kompetente Erklärung an Tessin abgegeben würde, daß dessen Subvention für Vollziehung des internat. Vertrags resp. für Ausführung des Tessin'schen Nezes in Umfang & Zeitfrist verstanden & angenommen werde. Eine solche Erklärung würde wohl aber vom Bundesrath verlangt werden & diese Behörde vielleicht Abstand nehmen, sich jezt so auszusprechen.|

Ich wünsche sehr, daß es von Dir gerechtfertiget erscheine, eine passende Anrufung das Vertrags über die Gotth.bahn in den Tessin'schen Verpflichtungsschein zu sezen, da damit voraussichtlich (d. h. nach heutigen Erkundigungen) die hiesige Subvention der 3 Mill. rasch normal festgesezt würde. Die Tessin'schen Verhältnisse in Verbindung mit dem vertragsgemäs bestimmten Bahnneze in diesem Kanton sind auch wirklich der Art, daß gerade dieser Kanton & nur dieser in den Fall sich gesezt sehen kann, dieses Bahnnezes resp. des | dasselbe enthaltenden Vertrags in seiner Verpflichtung besonders zu erwähnen.

Dieses der Eindruk, den die hiesige & aktenmässige Sachlage auf mich gemacht hat & den ich Dir offen hiemit angedeutet habe.

Ich gewärtige Deine hoffentlich entgegenkommenden Weisungen & grüsse Dich mit freundschaftlicher Ergebenheit.

Dein

Siegfried.

Du Coster ist noch immer nicht ganz hergestellt; ich habe ihm aber aus Auftrag des Herrn Zingg verdeutet, daß er bald rükkehren sollte.