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Korrespondenz: Alfred Escher – Samuel Friedrich Siegfried

AES B4890 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_004

Samuel Friedrich Siegfried an Alfred Escher, Bellinzona, Donnerstag, 9. Dezember 1869

Schlagwörter: Bankinstitute, Bundesrat, Gotthardbahnprojekt, Grosser Rat TI, Regierungsrat TI, Staatsverträge, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Lieber Freund!

Den Entscheid des Grossen Rathes von heute wirst Du durch mein heutiges Telegramm vernommen haben. Er ist konform mit dem Kommissionalantrag, den ich Dir am 6 dieß wesentlich telegraphirte. Infolge Ueberweisung meiner dritten Eingabe an den Gr. Rath v. 7 dieß (die ich Dir mit Brief v. 7 zusendete) zur Prüfung an die Kommission, stellte dieselbe heute nur noch den neuen Antrag, die dem Gr. Rath zugemuthete Verantwortlichkeit als unbegründet zurükzuweisen. Auch dieser neue Antrag wurde beschlossen. Endlich beschloß der Gr. Rath auf Antrag v. Jauch noch, daß der Staats rath dem Bundesrath & dem Gotthardkomité in einem Memorial kategorisch erklären soll, die beschlossenen 3 Millionen seien das Aeusserste, was Tessin zu thun vermöge.

Die Berathung, obwohl bis Nachmittags nach 3 Uhr dauernd, drehte sich zuerst um einen Antrag auf Verschiebung der Sache, von Herrn Staatsrath Rossi (Transceneriner) gestellt & wesentlich damit moti virt, daß zuerst das Begehren der Concession f. die Magadino Linie gestellt werden sollte, ohne welche der Staats vertrag auch nicht genehmigt werden könne.(?!) Die Gegner jeder Vermehrung der Subvention, so wie bornirte | Gegner der Cittigliolinie unterstüzten diesen Antrag, das Minderheitsmitglied der Kommission, Respini an der Spize. Die Verfechter der Mehrheit der Kommission, denen noch ein eingetroffenes Telegramm des Herrn Bundespräsidenten zu Hülfe kam, darunter auch Jauch verfochten die Fassung eines einläßlichen Entscheides. Mit etlichen & 50 Stimmen gegen etliche & 20 wurde Eintreten beschlossen & eine ungefähr gleiche Mehrheit gegen eine ähnliche Minderheit genehmigte die Hauptanträge der Kommission. Ueberdieß wurde sehr breit über die Direktionen ge sprochen, welche dem Staatsrath für Aufbringung des Geldes etc. zu geben seien. In der Berathung über die Subventionsfrage wagte es Staatsrath Forni , seinem Kollegen Rossi & dem Grossen Rath nakt zu sagen, daß die Cittigliolinie durch den Staatsvertrag grundsäzlich beschlossen sei & somit nicht mehr v. Willen des Kantons Tessin abhänge, ja daß sie möglicher Weise den kontrahirenden Staaten als einzige Linie | genügen könnte. – In der Hauptsache hütete man sich, schroff gegen das Gotthardkomité sich auszusprechen & wurde überhaupt dieselbe nicht weiter einläßlich berührt. Den Kommissionalbericht füge ich bei & mache aufmerk sam, daß Ziffer 1. b. der Anträge etwas anders, d. h. wieder bindend f. Tessin lauten, als ich Dir am 6 dieß bezüglich der Zahlungsfrist der 2ten Million gemeldet habe. Meine Angabe stüzte sich auf eine Mittheilung v. 2 Gliedern der Komm. Die Sache hat indessen wenig auf sich & ist eher, Zinses halber, noch günstiger f. Tessin.

Troz des geharnischten Antrags v. Jauch & des konformen Beschlusses des Gr. Raths, kategorisch die 3 Mill. als Ultimatum zu erklären, kann ich mich des Eindruks nicht erwehren, daß manche & einflußreiche Glieder der Behörden fühlen & sich geheim wohl auch schon gestanden haben, das Ulti matum dürfte eine Illusion werden. Groß rath Forni , gegen welchen man übrigens sehr zurükhaltend war, merkte gleichwohl bei mehreren Kollegen, daß sie auch zu 4 Mill. geneigt wären. | Wie Jauch sich am 7 dieß gegen mich geäussert, habe ich Dir gemeldet; wenn er sich auch nicht engagirt erachten wollte, so beweist doch dessen blosse Aeusserung über ein späteres Zurükkommen auf die Sache, daß er v. einem ultimatum nicht erfüllt ist. Dazu kommt, daß mich heute Herr Staatsrath Bazzi , Vorsteher des Finanzdepartements fragte, ob es wohl möglich wäre, die Tessin'sche Subvention durch Vermitt lung des Gotthardkomite auf billige Weise gegen Obligationen auf den Kanton Tessin aufzubringen? Müßte der Kanton sich direkt an Bankinstitute wenden, so würde er arg einbüssen müssen. Er fügte bei, er halte dafür, der Kanton besize die Mittel, um 3 & sogar 4 Mill. aufzubringen, zu verzinsen & allmählig zu amortisiren. Seine Kollegen gehen mit ihm in diesem Gedanken einig. Ich erwiederte, daß er sich dießfalls direkt oder durch mich an das Gotth.komite wenden soll, welches – freilich nur in der Voraussezung, daß es sich um Beschaffung von 4 Mill. als Tessin'sche Subvention handle – ohne Zweifel mit thunlicher Bereitwilligkeit die Anregung prüfen werde. Bazzi bemerkte auch noch, daß Tessin Sicherheit geben könne. Ich dachte dabei alsbald, daß die dem Kanton v. der Eidgenossensch. zukommenden jährl. | Beträge f. Zölle & Kosten, mehr als Fr. 300,000 ausmachend, schon ein Mittel sein dürften, Zins & Amortisation für ein Darleihen zu gewähren. Die Aeusserungen des Chefs der Finanzen bestätigen also die in meiner ersten Eingabe dießfalls geäusserte Ansicht, welche ich vor der Kommission, ohne erheblichen Widerspruch zu finden, näher zu begründen mir erlaubt habe, freilich mit der Verwahrung, daß ich wohl wisse nicht befugt zu sein, dem Kanton Tessin die Rechnung zu machen. Veladini , wie Du weist (ein Statistiker) hat mir über die Möglichkeit, 4 Mill. aufzubringen, ähnliche Ansichten ausgesprochen. – Wie sich die Subven tionsfragen anderwärts entwikeln & welche Stellung nun an & für sich & mit Rüksicht auf anderwärtige Ergebnisse dem Kant. Tessin gegenüber v. Seite des Gotth.komité eingenommen werden wird od. muß, weiß ich nicht. Genug daß man weiß, daß ein ulti matum schwerlich vorliegt & daß so oder anders wenn nöthig auf die Sache wieder eingetreten werden dürfte. Die Tessiner jedoch selbst kommen zu lassen Behufs weiterer Anknüpfungen oder aber in Ermanglung dessen denselben die fühlbaren Folgen ihres «Ultimatum» zu zeigen & ent sprechend | vorzugehen, scheint mir angezeigt zu sein, sofern nun wirklich auf der bisherigen Grundlage des Staatsvertrags ein Vorgehen zur Unmöglichkeit wird. Daß aus zu eröffnender Verkürzung der bisher adoptirten Vortheile Tessins in der Gotth. Unternehmung grosser Lärm, Verwirrung & neue Schwierigkeiten zunächst im Kanton & vielleicht in weiteren maasgebenden Kreisen entstehen werden, ist nicht unwahrscheinlich. Item wegen des Ultimatum Tessin's kann die Sache nicht stillestehen & Du mit Deinen Herren Kollegen haben zunächst die widrige, schwie rige & unsichere Situation zu erwägen & zu erwünschter weiterer Entwiklung zu bringen zu suchen. Was ich dießfalls in früheren Briefen wie heute Dir ganz unmaas geblich & als Eindruk aus meiner hiesigen Stellung anspruchslos & offen geäussert, bleibt als momentaner Erguß Dir hingeworfen meinerseits bezeichnet. |

Ducoster bleibt einstweilen noch hier, zunächst um für rasche Uebermittlung eines vollständigen Beschlusses an Dich zu sorgen; er eilt aber auch nicht heim, weil er sich vor der Reise über den Berg bei jeziger dort harter Winterzeit fürchtet. Ich hoffe gut durch zukommen, da ich Gottlob noch rüstig bin & länger als unerläßlich in der hier sehr unbefriedigenden Lebensweise nicht verharren möchte, so wie auch so bald als möglich wieder zu meiner ordentlichen Arbeit zurükzukehren habe. Solltest Du Ducoster hier etwa noch zu verwenden wünschen, so willst Du ihm alsbald einen Wink z. Verbleiben zukommen lassen. –

Ich hole noch nach, daß mir der Eindruk der Verantwortlichkeitserklärung gegen den Gr. Rath, unmittelbar nach der Eröffnung in gestriger Sizung, bei einflußreichen Mitgliedern ein bitterer, zürnender, ein unbefugtes Auftreten des Gotth. Komite konstatirender zu sein schien; nicht minder glaubte ich aber auch merken zu können, daß die | Herren betroffen seien. Die Art der Behand lung der Eingabe in der Komm. gestern Abend & im Gr. Rath heute, wo man sich auf einfache Ablehnung oder Rükweisung der Verantwortlichkeit beschränkte, scheint mir auch zu beweisen, daß man wirklich fühlt, sich nicht nach renommistischer Herzenslust beschweren zu dürfen & daß das sogenannte maximum oder ultimatum des katego rischen Memorials als nächster Versuch & einstweilige Maske dienen soll.

Wenn Du von mir nicht weitere Mittheilun gen über meine hiesige Thätigkeit & Wahr nehmungen verlangst, so betrachte ich mich meiner Mission enthoben, freilich das undankbare Gefühl heimtragend, nicht ver mocht zu haben, der mir zu Theil gewordenen Aufgabe zu genügen. Möge bei Dir & Deinen Herren Kollegen der gute Wille statt der That einige Rüksicht verdienen!

Mit freundschaftlicher Ergebenheit grüssend

Dein

Siegfried.

Bellinzona 9 Dec. 69.