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Korrespondenz: Alfred Escher – Samuel Friedrich Siegfried

AES B4886 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_004

Samuel Friedrich Siegfried an Alfred Escher, Bellinzona, Samstag, 4. Dezember 1869

Schlagwörter: Eisenbahnstrecken Konzessionen, Gotthardbahnprojekt, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Bellinzona 4 Dec. 69. 1

Lieber Freund!

Nachdem ich meinen heutigen Brief auf die Post gesendet, hatte ich diesen Abend Gelegenheit, eine längere Besprechung mit Herrn Großrath Forni auf meinem Zimmer zu halten, insbesondere um von ihm einläßlich zu vernehmen, was er in diesen 2 lezten Tagen, da die Sache durch meine Eingabe & die Besprechungen in der Kommission in Fluß gekommen ist, vernommen habe – hinter den Koulissen. Großrath Patocchi aus dem Maggiathal (bei Locarno ausmündend) habe ihn wirklich gefragt, was ich wohl zum Fallenlassen der Zweigbahn nach Locarno Behufs Ersparniß einiger Millionen & dadurch zu erzielender Erleichterung des Kantons Tessin sagen würde? Er, Patocchi habe sich mit seinen Kollegen aus dem Maggia thal besprochen & sie alle (9 an der Zahl) wären bereit, dazu Hand zu bieten. Von seinem Vetter Staatsrath Forni habe er (Großrath Forni ) ferner vernommen | daß Lurati ihm (dem Herrn Staatsrath) dieselbe Idee geäussert habe. Es ist also nicht zu bezweifeln, daß Manche & vielleicht Mehrere, als bis jezt bekannt geworden, die Verräther der Interessen eines Theils des Landes sein würden, nachdem auf Seite des Komite mit voller Treue & Entschiedenheit zu Wahrung der Interessen aller Landestheile Hand geboten worden. Da mir direkt keine solche Frage gestellt worden, so nehme ich von dieser Wendung der Ideen keine Notiz & würde, wie ich es Herrn Forni gegenüber alsbald bestimmt ausgesprochen habe, erklären, daß bei jeziger Sachlage auf eine solche Idee nicht eingetreten werden könne, sondern daß es Pflicht wie Klugheit des Kantons Tessin sei, entschieden ganz zum Gotthardkomité zu stehen. Herrn Forni habe ich übrigens auf die möglichen | viel weiter gehenden & einschneidenden Konsequenzen aufmerksam gemacht, welche sich insbesondere an eine blöde Rückhaltung des Kantons Tessin gegenüber dem Ansinnen des Gotthardkomité knüpfen könnten für den leicht möglichen Fall, daß durch Verweigerung der vollen Subvention Seiten's Teßin & durch das was weiter daraus hervorgehen möchte, das Nez des Gotthard in Revision gezogen werden müßte. Auch die Transceneriner könnten sich dabei die Finger verbrennen. Ich zweifle nicht, daß Forni da & dort auf solche Konsequenzen hinweisen wird. Wie insbesondere die Großräthe des Val Maggia auf eine solche Idee eingehen können, ist erstaunlich & beweist uns, wie bornirt & engherzig die Leute hier sind. Ich glaubte zuerst, es würde vielleicht diese Idee nur uns zugetragen | werden wollen um mir eine Falle zu legen & mich bei Eingehen auf dieselbe mit dem Gotthardkomité diskreditiren zu können. Allein die Falschheit scheint wirklich bei Manchen bereit zu sein, Anderen einen Streich zu spielen, um sich zu erleichtern.

Fast allen diesen Tessinern gegenüber ist bei thunlicher Offenheit das «Trau, schau wem?» so nöthig wie das tägliche Brod. Ich denke alle diese Notizen über Personen & Ideen, welche in unserer Sache mitspielen, seien für Deine Orientirung v. Interesse & geben Dir für Studien v. Deiner Seite beim Zusammentreffen mit den Tessinern in Bern Winke. – Würde je später die Zweigbahn v. Locarno in Frage gestellt werden, so entsteht dann ernstlich die Frage über die reelle Bedeutung der Klausel im Cessionsvertrag für den Fall der Ausführung der Cittiglio Linie. – So viel noch für heute. Wann meine heutigen 2 Briefe bei dem auch hier enormen Schneefall an Dich gelangen werden, steht dahin.

Bestens grüssend

Dein

Siegfried

Kommentareinträge

1Nachträgliche Notiz von Eschers Hand: «am 7 Dezr in Bern erhalten» .