Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Samuel Friedrich Siegfried

AES B4885 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_004

Samuel Friedrich Siegfried an Alfred Escher, Bellinzona, Samstag, 4. Dezember 1869

Schlagwörter: Gotthardbahnprojekt, Grosser Rat TI, Regierungsrat TI, Staatsverträge, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Lieber Freund!

Mein Telegramm dieses Vormittags zeigte Dir das Ergebniß der Berathung der Großrathskommission an, daß nur noch 1 Million zu geben sei. – Entgegen meiner Erwartung wurde ich schon vorgestern, 2dieß, Abends nach 7 Uhr in die Kommission gerufen. Der Präsident derselben Herr Varenna stüzte sich auf die Vertheilung v. 1865, auf die grösseren Interessen & Kräfte insbesondere der industriellen Kantone & auf die gegenwärtige üble Lage des Kantons um darzuthun, daß dem zu weit gehenden Begehren einer Subvention Tessins v. 4 Mill. oder jezt noch v. 2 Mill. nicht entsprochen werden könne. Im Besonderen wünschte er Aufklärung über den Passus des Staatsvertrags, wonach in den ersten 3 Jahren an den Langensee gebaut werden soll. Ueber den lezten & Punkt gab ich wiederholt, im Einverständniß mit Deinen daherigen Mittheilungen, die bestimmte Erklärung ab: 1., daß in den ersten 3 Jahren bis Locarno v. Biasca hinweg gebaut werde & 2., daß die Linie nach Magadino erst eröffnet werde, wenn die durchgehende Linie durch den Gotthard in Betrieb gelange. Die übrigen Erörterungen | Varenna's behandelte ich möglichst allseitig & scharf & glaube auch an der Hand des Budget Tessin's wahrscheinlich gemacht zu haben, daß der Kanton Tessin 4 Millionen zu leisten & zu tragen im Stande wie verpflichtet sei. Meine Auseinandersezungen, im Allgemeinen auf der Grundlage meiner Eingabe an den Gr. Rath, wurden meistens nicht einmal zu bestreiten versucht, wie denn auch meiner Eingabe insbesondere nur die Skala v. 1865 entgegengehalten wurde. Diese Skala wurde auch nicht mehr zu halten versucht, nachdem ich die bisherige Entwiklung & die heutige so vollständig veränderte & zwingende Sachlage entgegengehalten hatte. Ich erlaubte mir, unter dem eindringlichsten Zureden für jezige angesprochene Hülfe, auch deutlich auf die Verpflichtung Tessin's hinzuweisen, die dem Gotthardkomite schuldige Anerkennung für die so volle Aufnahme & Wahrung seiner besonderen Interessen nun durch das dießmalige vollkommene Entgegenkommen | zu beweisen. Allein ich vermerkte gegenüber dieser Appellation bei Lurati geradezu Unzufriedenheit. Varenna gab sich, indem er übrigens, mit Ausnahme eines einzigen anderen Mitglieds Bertoni, welches Einiges bemerkte, allein redete, anbei den Schein, die Sache als nicht so ernst anzusehen, was mich um so mehr veranlaßte, um so kräftiger die Nothwendigkeit der 2 neuen Millionen zu begründen. Da ich ersucht wurde, Deine Antwort über die Zeit der Ausführung der Linie v. Magadino der Kommission mitzutheilen, so benuzte ich den Anlaß, noch einmal der Kommission zuzureden & dieselbe auf die Folgen der Gefährdung des gegenwärtigen Projekts aufmerksam zu machen. Ich lege Dir eine Abschrift dieser meiner 2ten Eingabe (von Du Coster ins Italienische f. die Kommission übersezt) bei. Die Kommission trennte sich am 2ten dieß Nachts nach 9 Uhr, nachdem sie mir keinen Stoff zu Erwiederungen mehr gegeben hatte & faßte, nach Anhörung meiner 2ten Eingabe gestern Abend ihre Schlußnahme. Da wir durch Herrn Großrath Forni (v. Airolo), Mitglied der Kommission, stets vernehmen, | was Bemerkenswerthes in der Kommission & sonst, so weit er es erfahren kann, vorgeht, so kann ich nun weiter sagen, daß 3 Mitglieder der Kommission sogar bereit waren, nichts Mehreres zu geben, es also bei den 2 Mill. bewenden zu lassen. Nur Bertoni, obgleich aus dem Val Blegno Thal (also enttäuschter Lukmanist) wollte wenigstens 1 Mill. mehr geben & ihn, Forni, habe man ausgelacht & unterbrochen, als er für 2 Mill. mehr sich ausgesprochen. Die Sache war offenbar längst abgemacht; man glaubt, das Geschäft gehe ohne die 4te Mill. & brauche sich nicht so sehr anzustrengen. Von einer ernsten gründlichen Anhandnahme & Behandlung der Sache ist überall nichts zu merken. Von Lurati wird mir sogar erzählt, daß er geäussert, man könnte nöthigenfalls die Locarno Linie fallen lassen. Wenn's aber dazu kommen müßte, wäre es wahrscheinlich am Förderlichsten, Alles auch das Lästigste abzustreifen, was nicht gerade einfache Linie heißt, (wie sie Italien stets portirte!) Mit solchen Perspektiven kann man aber nicht fechten, ohne seine stets gewahrte Lojalität zu untergraben. Helfen die Tessiner nicht nach Bedürfniß zur Durchführung der so weit vorgerükten Kombination, so mögen sie gewärtigen, was ein allfälliger Wechsel der Dinge bringt. Auf ihre Verantwortlichkeit in dieser Richtung sind sie durch mich genug hingewiesen worden. |

Es wird mir versichert, Jauch sei, scheinbar aus Zufall, in die Kommission gekommen & habe dann über die Sache d. h. gegen die 2te Mill. zu sprechen sich erlaubt & insbesondere betont, daß man in Bern sich für den Fall eines Beschlusses v. noch 1 Mill. befriedigt gezeigt habe. – Ich entnehme aus meinen persönlichen Unterredungen mit Jauch, Lurati, Pedrazzini, daß diese Leute sich nie geben, wie sie denken, ja daß sie gegeneinander & als sogenannte Vertreter ihrer LandesTheile auch nicht aufrichtig sind. Wahrheit, Treue, Opfersinn, Patriotismus, Ehre sind Phrasen, deren man sich bedient; allein durch gemein egoistische Triebfedern wird man gelenkt & in den Mitteln geht man krumme & gemeine Wege. – Die Sache wird wahrscheinlich im Grossen Rath nun noch Antrag der Regierung & der Kommission, ich denke in den ersten Tagen der künftigen Woche, erledigt. Weiter Bemühungen für 2 neue Millionen erscheinen mir völlig überflüssig & vergeblich & ich bleibe nur noch hier, um das Decorum zu wahren & Dir ab loco den blöden Beschluß | des Grossen Raths f. 1 neue oder 3te Million nach Bern zu melden, wo Du Dich dann befinden wirst. – Ich muß noch beifügen, daß Lurati sogar gesagt habe, ich hätte im Frühjahr auch durchbliken lassen, daß 1 Mill. mehr genügen dürfte. Ich trat deßhalb auch in der Kommission einer solchen Darstellung entgegen & sah mich sogar veranlaßt, gegen Lurati darüber persönlich mich kategorisch auszusprechen. –

Da Jauch sich nun offenbar Mühe gegeben hat, die 2te Million zu hintertreiben, so unterlasse ich jeden weiteren Schritt gegen ihn; er würde doch nur eine zweideutige od. heuchlerische Haltung annehmen. Im Uebrigen ermangeln diese Leute so der sozialen Formen gegen Fremde, daß sie keine weitere Notiz v. einem nehmen, wenn man sie auch wiederholt besucht hat. – Was Pedrazzini anbetrifft, der zwar nicht Mitglied des Gr. Rathes ist, so hat sich derselbe seit meinem Hiersein & meinem Besuch bei ihm gar nicht bliken lassen, ohne | Zweifel, um seine falsche Maske, die er als f. 2 Mill. gestimmt, mir gegenüber zu zeigen für gut fand, nicht offenbar machen zu müssen. Denn er wird als sehr wohlhabender, aber knauseriger Mann als entschiedener Gegner einer 4ten Million hier angesehen, wie er denn auch im Frühjahr gar nicht günstig auf weitere Subsidien mir gegenüber zu sprechen war. –

Ich unterlasse weiteres Aehnliches Dir mitzutheilen; es ist am Gesagten zu viel & bedaure nur, daß meine Sendung hieher nichts fruchtete, indem 1 Million wohl auch ohne meine Anwesenheit angetragen & beschlossen worden wäre, wie es nun wahrscheinlich geschehen wird. –

Noch muß ich beifügen, daß Varenna in der Kommission auch die bundesräthliche Empfehlung in leichtfertiger Weise dahin auslegte, dieselbe unterstüze keineswegs das Begehren der Subvention v. 2 Millionen & mit einer sei es wohl gethan. |

Ich schliesse meine unbefriedigende Litanei & grüsse Dich mit freundschaftlicher Ergebenheit.

Dein

Siegfried.

Bellinzona 4 Dec.
1869. 1

Kommentareinträge

Nachträgliche Notiz oben in der Mitte auf Seite 1 von dritter Hand mit Bleistift: «27. (mit e. Beilage)» .

1Nachträgliche Notiz von Eschers Hand: «am 7 Dezr in Bern erhalten.»