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Korrespondenz: Alfred Escher – Samuel Friedrich Siegfried

AES B4883 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_004

Samuel Friedrich Siegfried an Alfred Escher, Bellinzona, Donnerstag, 2. Dezember 1869

Schlagwörter: Bundesrat, Gotthardbahnprojekt, Grosser Rat TI, Presse (allgemein), Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Lieber Freund!

Seit Montag dem 29ten dieß , an welchem ich Dir schrieb & meine Eingabe an den Grossen Rath in Abschrift übersendete, ist in unserer Angele genheit nichts Besonderes geschehen. Die Groß rathskommission wartete die Eingaben des Bundesrathes & von mir, da Sie zum Druk vorab verwendet wurden, ab, um alsdann vorzuschreiten. Gestern Abend war sie nun wieder versammelt & beauftragte die Mit glieder Varenna & Lurati , die Akten genau zu prüfen & der Kommission zu berichten; auf morgen werde ich wahrscheinlich in die Kommission berufen werden. Ich bin gewaffnet, um derselben scharf zuzusezen. Mittlerweile hatte ich Gelegenheit mit Varenna ebenfalls einläßlich zu sprechen, in Folge wessen ich Dich gestern wegen der Zeit der Ausführung der Linie über Magadino telegraphisch fragte. Ich habe ihm voraus gesagt, daß es meines Wissens so sei, | wie Du mir antwortetest. Varenna wollte das Begehren der 2ten Million als gar nicht so ernst gemeint gelten lassen. Wenn er und Andere dann die entschiedenste Sprache vernehmen, so werden sie kleinlauter, wagen die Begründtheit des Begehrens weniger zu bestreiten & verschanzen sich endlich hinter die schlimmen Zustände des Kantons.

Gestern sah ich endlich Soldini , welcher wieder hieher zurükgekehrt ist; er allerdings führte eine durchaus entgegenkommende Sprache, fügte jedoch bei, daß er bisher viel Wider stand gegen eine 2te Million gefunden habe. Er wird fortfahren unsere Sache zu unterstüzen, von der Begründtheit der selben überzeugt.

Gestern Abend hatte ich auch eine längere Besprechung mit Veladini v Lugano , welcher mit einem anderen Mitglied des Gemeinderathes v. dort in Geschäften mit der Regierung hieher gereist war. Auch er wie Varenna | erkundigte sich zuerst über die Zeit der Ausfüh rung der Magadino Linie, befürchtend dieselbe werde vor der Cenere Linie fertig werden. Im Besiz Deines Telegramms konnte ich darüber vollständig beruhigen. Umfassend von mir über die Sachlage in Kenntniß gesezt anerkannte er auch die Begründt heit unseres Begehrens, beifügend daß der Kanton Tessin im Vergleich zu manchen anderen Kantonen sehr mässige Steuern habe & mehr leisten könne. Ich bat ihn, in seiner Zeitung, gazetta Ticineze bestens für unsere Sache zu wirken.

Heute wurden die gedrukten 2 Eingaben im Grossen Rath vertheilt. Ich zürne es nicht, daß sich die Sache etwas in die Länge zieht, indem ich das Gefühl habe, daß allmählig eine ernstere Auffassung & Theilnahme Plaz greifen werde. Ob sie bei einer Mehrheit durchgreifend sein werde, wage ich noch nicht zu bejahen. |

Ach was sind das fast durchweg für Leute?! Wahrhaft ein Geschlecht ohne Mark & Gehalt, ohne wahre Ehre & Pa triotismus!

Auch der Aufenthalt dahier in dieser rauheren Jahreszeit ist ein unangenehmer, auch wenn man keineswegs verwöhnt ist.

Ich füge je ein Exemplar der gedrukten Eingaben bei & grüsse Dich mit unverän derlicher Freundschaft.

Dein ergebener

Siegfried.

Bellinzona 2 Dec. 1869.