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Korrespondenz: Alfred Escher – Samuel Friedrich Siegfried

AES B4880 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_004

Samuel Friedrich Siegfried an Alfred Escher, Bellinzona, Montag, 29. November 1869

Schlagwörter: Eisenbahnstrecken Konzessionen, Gotthardbahnkonferenzen, Gotthardbahnprojekt, Grosser Rat TI, Regierungsrat TI, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Bellinzona 29 Nov. 69.

Lieber Freund!

Ich besize Deine beiden Telegramme v. 25 & 26dieß, sowie Deinen Brief vom ersteren Datum. Am 23dieß, nachdem ich über die Konferenz mit dem Staatsrath an Dich geschrieben, besuchte ich Jauch. Für 1 Million sprach er sich bestimmt aus; für die 2te wollte er sich nicht engagiren, ohne jedoch dagegen sich zu erklären. Hat er zu Dir in Bern für die 2te Million sich zustimmend geäussert, so wäre er von seiner dortigen Meinung bereits merkbar abgewichen. Sobald ich über den Stand der Dinge in der Großrathskommission Näheres weiß, werde ich Jauch nochmals besuchen & ihm bestmöglich zusezen. – Als ich am 25ten früh den Antrag der Regierung vernahm, war ich darüber doch erstaunt & ungehalten, indem ich nach der eingehenden, warmen & ziemlich erschöpfenden Erörterung der Sache im Staatsrathe doch die Hoffnung nährte, daß die für Tessin enorme Frage einen entsprechenden Entscheid hervorrufen werde. Das einzige Argument, welches noch gebraucht wurde gegen eine starke Subvention Tessins, war der ökonomisch schlimme Stand der Dinge in vielen Gegenden & in der Staatsverwaltung. Ich hoffte aber, daß dagegen gerade das grosse Unternehmen als | wirkliches & einziges Heilmittel betrachtet & selbst unter jezigen ungünstigen Umständen das Opfer von 4 Mill. nicht zu groß erfunden werde. Ich merke auch seither hin & wieder, daß nicht Jedermann das Opfer für zu groß oder unerschwinglich erachtet & vermuthe auch, daß der Staatsrath meint, die Sache werde ohne die 4te Million Tessins gehen. Ein rechter Ernst fehlt offenbar sowohl bei der Regierung als vielen Großräthen. Ich habe seither einzelnen Gliedern des Staatsraths auch unverholen erklärt, daß er die Sachlage zu leicht nehme, daß sein Vorschlag bemühend & die Sache gefährdend sei. Ich entschloß mich nach Kenntniß des staatsräthlichen Antrags, von dem ich eine Abschrift nachsuchte, eine die jezige Sachlage beleuchtende Eingabe an den Grossen Rath zu verfassen & lege Dir daher eine Abschrift bei, nachdem ich mit DuCoster, zunächst wegen der französischen Uebersezung vorgestern & gestern, exercirt habe. Er bearbeitet nun die italienische Uebersezung zu Handen des Grossen Rathes & wird dieselbe morgen eingegeben werden können. |

Im Uebrigen lasse ich dieselbe druken & an die Mitglieder vertheilen. Ich hätte, vielleicht da & dort nicht ohne Eindruk, einläßlicher sein & überhaupt umfassender mich äussern können. Allein die Besorgniß, daß ein langes Aktenstük von Vielen weniger aufmerksam gelesen werde, bewog mich, dieses Maas einzuhalten. Im Uebrigen mußte ich eilen & habe daher keineswegs das Gefühl, ganz entsprechend gearbeitet zu haben, obgleich anderseits das Gesagte genügen dürfte, die Pflicht Tessins im gegenwärtigen Moment & gegenüber den in Frage liegenden Interessen prägnant genug signalisirt zu haben. An der Hand dieser Eingabe hoffe ich in der Kommission glüklicher zu sein als im Staatsrathe & werde ich da Allem aufbieten, die rechte Stimmung zu erweken & zu erwerben. Wahrscheinlich morgen Abend werde ich der Kommission beiwohnen. Mittlerweile habe ich am Samstag Abend eine lange Unterredung mit Lurati, Mitglied der Kommission & Berichterstatter in | der Konzessionssache gehabt. Auch er, wie die Staatsräthe, war noch wenig vom jezigen Sachverhalt unterrichtet, äusserte gleiche Zweifel über die Ausführung aller Linien, namentlich des Cenere. Es gelang mir, so glaube ich es wenigstens, ihn durchweg zu überzeugen, theilte ihm sämtl. Protokolle der Konferenz zu umfassender Durchsicht mit & hoffe daß er vorab in der Kommission einen höheren & richtigen Standpunkt einnehmen werde. Mit ihm würden wahrscheinlich die übrigen Transceneriner gehen & demselben sich einzelne diesseits anschliessen. Auf Varenna baue ich vorläufig nicht, obgleich ich ihn wegen Locarno bestmöglich zu versichern gesucht habe. Soldini ist lezte Woche nicht hier gewesen. Sobald er eintrifft, werde ich mit ihm einzutreten suchen. – Ich habe immer noch lebhaft das Gefühl, daß unsere Sache hier nicht fehlen sollte; allein ob die hiesige Race zu gleichen Anschauungen, wie sie unser einer hat, gelangen wird, ist eben ungewiß! Ich bin nun über die Entwiklung in der Kommission begierig & werde Dir Erhebliches sofort melden. Inzwischen sei mit alter Freundschaft bestens gegrüßt

von Deinem

Siegfried.

2. Beilagen.
(Ich habe lauter schlechte Schreibmaterialien)