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Korrespondenz: Alfred Escher – Samuel Friedrich Siegfried

AES B4871 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_004

Samuel Friedrich Siegfried an Alfred Escher, Bellinzona, Dienstag, 23. November 1869

Schlagwörter: Eisenbahnstrecken Konzessionen, Grosser Rat TI, Lagebeurteilungen (diverse), Regierungsrat TI, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Bellinzona 23 Nov. 69. 1

Lieber Freund!

Nachdem ich zu meinem Bedauern wegen Deiner An wesenheit in Bern Dich, ohne weitere Verzöge rung meiner Reise hieher, nicht besuchen konnte, verreiste ich Samstags ½ 11 Uhr von Basel direkt nach Luzern, wo ich Nachmittags einen Besuch bei Herrn Schultheiß Zingg abstattete. Leider schlug das Wetter Samstag Abends um & legte ich die Reise hieher in unaufhörlichem Schneegestöber & von Göschenen bis Airolo im Schlitten zurük, jedoch troz stellenweise enormen Schneefalls & schwierigsten Durchkommens ohne irgend welchen Unfall & in bester Munterkeit. Die Verspätung bis hier betrug 1½ Stunden.

Gestern Vormittag machte ich dem | Präsidenten des Staatsraths, Herrn Franchini , meine Aufwartung, infolge welcher er mir eine Besprechung mit dem Staatsrath auf den Abend zusagte. Dieselbe hatte v. 6 bis 8 Uhr statt & empfahl ich auf's Dringendste dieser Behörde, eine den dringenden Umständen entsprechende feste & entschlossene Haltung dem Grossen Rathe gegenüber einzunehmen & muthig die uner läßlichen & verhältnißmässig eine bescheidene Betheiligung nicht überschreitenden 2 weiteren Millionen zu beantragen. Allerlei geäusserte Bedenken, Zweifel & Betrachtungen, die ich nicht aufzählen mag, veranlaßten mich warm an den unter Umständen als Pflicht wie als Ehre erscheinenden Muth der Initiativbehörde zu appelliren. Zu einer Million scheint eine bestimmte Neigung vorhanden zu sein; für die zweite dagegen dürfte der Entschluß viel Mühe & Ueberwindung kosten, wenn er überhaupt möglich wird. Ich werde nicht aufhören, die | unerläßliche Nothwendigkeit derselben geltend zu machen, so wie die Verantwortlichkeit hervor zuheben, welche aus der Verweigerung gegenüber dem Kanton Tessin zunächst & zumeist hervorge hen könnte. Einstweilen habe ich zweierlei wahr genommen 1., daß sämmtliche 3 oder 4 zu gebenden Millionen als Subvention mit gleichem Anspruch auf eventuelle Rente gegeben werden möchten, wie die Subventionen der übrigen Staaten ge stellt sind 2., daß die Frage der Konzessioni rung der Cittiglio Linie nicht zu gleichzeitiger Verhandlung provozirt werden dürfte. Bezüg lich des ersten Punkts habe ich Entgegenkommen durchbliken lassen, wenn 4 Millionen gewährt werden; den zweiten Punkt habe ich auf dieß fällige Interpellation für später ange kündigt, nachdem wegen der nunmehr erforder lichen 3 Linien von Bellinzona abwärts die noch dießfalls mangelnden Studien ge macht sein werden. Ein dritter Punkt, den ich | aber als ganz liquid bezeichnete, bestund in der Frage über die Bedeutung der Bestimmung des Schluß protokolls & des Vertrags mit Italien, daß in den ersten 3 Jahren v. Biasca bis an den Langensee gebaut werde. Meine bestimmte Antwort, daß die Linie nach Locarno hiemit gemeint sei & die jenige an das linke Ufer dagegen erst auf die Eröffnung der durchgehenden Linie vollendet werde, befriedigte. Endlich hat Herr Staatsrath Forni – wohl der Ernsteste & Zuverlässigste, wenn auch weniger sich hervorwagende unter den Gliedern der Regierung – betont, daß eine etwas hinausge schobene Einzahlung der Beiträge die Möglichkeit einer grösseren Subvention wesentlich erleichtern oder steigern dürfte. Ich habe dagegen auf die Vorschriften des Protokolls & die Schwierigkeit aufmerksam gemacht, dießfällige Abweichung resp. Begünstigung einerseits & mehrere Belastung anderseits eintreten zu lassen. Da indessen dieser Gedanke für hiesige Verhältnisse von Belang & für einen Entschluß f. 4 Millionen förderlich werden könnte, so erwäge ihn & sage mir gefälligst, ob ich auf unbedingter Ablehnung desselben beharren soll, wenn er | wirklich sich Bahn brechen wollte. Und bezüglich des 3ten Punkts – den Bau bis Locarno in den ersten 3 Jahren betreffend, willst Du mich gelegent lich vergewissern. – Heute besuche ich noch Jauch, nachdem bis Mittags wegen eines Begräbnisses eines hiesigen Angestellten Niemand zu treffen war.|

Mit freundschaftlichem Grusse & alter Ergebenheit, Dein

Siegfried.

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1Nachträgliche Notiz von Eschers Hand: « 25 erhalten» .