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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B4853 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_004

Alfred Escher an Josef Zingg, Belvoir (Enge, Zürich), Donnerstag, 7. Juni 1866

Schlagwörter: Alpenbahn (allgemein), Grosser Rat GR, Lukmanierbahnprojekt, Regierungsrat GR, Splügenbahnprojekt, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochgeachteter Herr Schultheiß!

Gemäß meinem Versprechen habe ich unmittelbar nach der letzten Sitzung des Ausschusses Schritte gethan, um ganz zuverlässige Berichte über die Vorfallenheiten in der Bündtner'schen Standescommission in Sachen der Alpenbahn zu erhalten. Diese Berichte sind mir diesen Augenblick zugekommen. Sie lauten wörtlich folgender Maßen:

«In der Sitzung der Standescommission v. Graubünden vom 25 Mai hatte der Kleine Rath mehrere die Alpenbahnfrage beschlagende Actenstücke vorgelegt. Ein Bericht der Verwaltung der Verein. Schweizerbahnen schloß mit dem Gesuche, die hiesige Regierung möchte sich mit derjenigen ‹des Cts. St. Gallen in's Vernehmen setzen & gemeinsam mit ihr entweder den Bau der Linie ChurTruns mit einer Fahrstraße von Dissentis nach Olivone oder die Allianz mit Mailand beschließen & in diesem Falle dem dortigen Provinzialrathe die gewünschte Erklärung abgeben, sowie mit ihm in weitere Unterhandlungen eintreten.› In letzterer Beziehung handelt es sich laut einem dem Berichte beigelegten Schreiben des Splügencomité's in Mailand an die | Delegirten der Ver. Schweizerbahnen darum, daß die Ostcantone sich unumwunden für den Splügen aussprechen & die Bereitwilligkeit erklären, demselben ausschließlich ihre Subsidien zuwenden zu wollen.»

«Ein Schreiben des Lucmaniercomité's vom 17 Mai hatte zwei Beilagen:

1.) Notizen betreffend eine Verständigung mit Mailand für die Erstellung einer Eisenbahn über den Splügen & den Bau der Linie ChurThusis;

2.) Eine Rentabilitätsrechnung für diese Linie unter verschiedenen Voraussetzungen.

Der Beschluß der Standescommission lautet wörtlich:
‹1.) Der Kleine Rath ist beauftragt, sich mit der Regierung des Cts. St. Gallen neuerdings in's Vernehmen zu setzen, um darüber eine Verständigung beider Cantone anzustreben, ob & auf welcher Grundlage mit dem Splügencomité in Mailand, namentlich auch mit Rücksicht auf die von demselben mit Schreiben v. 27 April l. J. den Delegirten der Verein. Schweizerbahnen gemachten Eröffnungen, sowie mit Rücksicht auf die vom Lucmanier comité mit Schreiben vom 17 Mai mitgetheilten Notizen, in Unterhandlung zu treten sei.›
‹2.) Für den Fall, daß die Regierungen von Graubündten | & St. Gallen unter sich eine Verständigung erzielen, bleibt es ihrem Ermessen überlassen, sich auch für die Betheiligung der Cantone Glarus & Appenzell beider Rhoden zu verwenden.›
‹3.)Je nach Ergebniß dieser Verhandlungen ist der Kleine Rath eingeladen, die geeigneten Vorlagen & Anträge an den Großen Rath zu hinterbringen.›»

Aus diesen, wie wir glauben zuverläßigen Mittheilungen geht hervor:
1.) Daß die Standescommission von Graubündten zwischen den von der Verwaltung der Ver. Schweizerbahnen vorgeschlagenen beiden Wegen denjenigen der Allianz mit dem Mailänder Comité für die Ausführung des Splügen in dem Sinne gewählt hat, daß nur dieser Weg, nicht aber der andere, welcher auf dem Programme des Lucmanier beruht, einer nähern Prüfung unterworfen werden soll;
2.) Daß das St. GallischGraubündtner'sche Lucmaniercomité sich mit der Verwirklichung des Splügen beschäftigt.

Es scheint mir, dieses actenmäßige Ergebniß werde in der von dem Ausschusse beschlossenen Zuschrift an die Tessiner Association mit Erfolg verwerthet werden können.

Indem ich mich im Übrigen auf mein Schreiben von | gestern Abend beziehe, verbleibe ich in ausgezeichneter Hochachtung

Ihr freundschaftlich ergebene

Dr A Escher

Belvoir
7 Juni 1866.