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Korrespondenz: Alfred Escher – Emil Welti

AES B4754 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_002 (Abzug)

Alfred Escher an Emil Welti, Zürich, Donnerstag, 2. Dezember 1869

Schlagwörter: Bundesrat, Eisenbahnstrecken Konzessionen, Gotthardbahnprojekt, Schweizerische Centralbahn (SCB), Schweizerische Nordostbahn (NOB), Vereinigte Bundesversammlung, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochgeachteter Herr Bundespräsident!

In Ihrer verehrl. Zuschrift vom 25. vor. Mon. hatten Sie die Güte, mir auf den folgenden Tag eine Mittheilung über die Beschlüsse des Bundesrathes betreffend die Zuschrift des Gotthardausschusses in Aussicht zu stellen. Wahrscheinlich haben Ihre so umfangreichen Geschäfte es Ihnen unmöglich gemacht, dieses Vorhaben zur Ausführung zu bringen. In Folge dessen weiß ich zur Stunde noch nicht, ob & welche Beschlüsse der Bundesrath in Sachen gefaßt hat.

Der nächste Zweck dieser Zeilen besteht darin, Sie dringend zu bitten, darauf hinwirken zu wollen, daß die Aargau| ischen Conzessionen der Bundesversammlung in der nächsten Session noch nicht zur Genehmigung vorgelegt werden. Schon mehrmals habe ich die Ehre gehabt, Ihnen auseinander zu setzen, daß die Centralbahn- & die Nordostbahngesellschaft bei Übernahme ihrer Subventionsquote die Bedingung stellen müssen, daß, wenn zwischen diesen beiden Bahnen eine weitere Linie zur Verbindung Deutschland's mit dem Gottharde gebaut werde, diese Linie im Verhältnisse ihrer Participation an dem Gotthardverkehre hinwieder auch an der von den bezeichneten zwei Bahngesellschaften übernommenen Subventionssumme participire. Sie haben die Begründetheit & Billigkeit dieses Standpunctes anzuerkennen die ehrenwerthe Unbefangenheit gehabt. Nicht weiter vorgerückt als die Subventionsangelegen| heit zur Stunde ist, könnte nun, wenn die Aargauischen Conzessionen schon in der nächsten Session der Bundesversammlung zur Sprache kämen, keine Rede davon sein, anläßlich des Genehmigungsbeschlusses den fraglichen Bahnen eine Verpflichtung zur Betheiligung bei der Übernahme der Gotthardsubvention aufzulegen. Würden aber die Conzessionen ohne eine solche Clausel gutgeheißen, so wäre die einfache Folge die, daß die Centralbahn– & die Nordostbahngesellschaft bei ihrer endgültigen Beschlußfassung ihre Beitragsquote an die Gotthardsubvention um denjenigen Betrag kürzen würden, welcher nach dem oben bezeichneten Repartitionsmodus auf die neue Aargauische Linie zu fallen hätte. Diese Situation könnte vom Standpuncte der Gotthardunternehmung aus nicht als eine erwünschte angesehen werden & so | bietet sich eine Verschiebung der Genehmigung der fraglichen Conzessionen als das natürliche Auskunftsmittel dar. Eine Gefahr liegt ja nicht im Verzuge. Die Bundesversammlung wird ja im Frühlinge des nächsten Jahres zweifelsohne wieder zusammentreten müssen. Dannzumal werden diese Aargauischen Conzessionen genehmigt werden können & dannzumal wird sich auch die Angelegenheit der Gotthardsubvention in einem abgeklärten Zustande befinden. Die von mir hier in Anregung gebrachte Frage ist nach zwei Seiten hin von besonders delicater Natur. Ich habe geglaubt, sie mit voller Offenheit bei Ihnen zur Sprache bringen zu sollen: denn ich weiß aus vielfacher Erfahrung, daß Sie ein solches Verfahren zu würdigen wissen.

Noch bin ich im Falle, Ihnen hinsichtlich der Veränderung des Staatsvertrages po [Arl| bahn?] eine Notiz zu geben, von der ich annehme, daß sie Interesse für Sie haben dürfte. Herr Director Stoll war in den letzten Tagen im Falle eine Unterredung mit Herrn Ganahl in Feldkirch, Mitglied des Comité's für die Vorarlberg'schen Bahnen, zu halten. Hr. Stoll hat aus dieser Unterredung den Eindruck mitgenommen, daß dieses Comité die Wichtigkeit der Linie nach Oberriet auch für die Interessen der projectirten Bahnunternehmung einsieht, & daß, wenn der Bundesrath beharrlich die Ausführung der Linie nach Oberriet durch die Gesellschaft der Vorarlberg'schen Bahnen als Bedingung für eine Abänderung des Staatsvertrages aufstellt, diese Gesellschaft & in Folge dessen auch Österreich kaum einen unüberwindlichen Widerstand in den Weg legen werden. Es ist also gewiß in hohem Grade angezeigt, | daß der Bundesrath in Sachen eine entschiedene Stellung einnehme.

Eine Menge Mittheilungen, die ich Ihnen über meine Thätigkeit in der Gotthardangelegenheit zum Behufe der Beschaffung der Subventionen sowie zum Zwecke der Bildung der Gesellschaft zu machen hätte, verschiebe ich auf unser demnächstiges persönliches Zusammentreffen.

In ausgezeichneter Hochachtung

Ihr ergebene

Dr A Escher

Zürich
2 dezember 1869.