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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B4751 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_002

In: Jung, Escher Briefe, Band 6, Nr. 11

Alfred Escher an Josef Zingg, Zürich, Montag, 22. November 1869

Schlagwörter: Bundesrat, Gotthardbahnprojekt, Grosser Rat BE, Grosser Rat LU, Regierungsrat BE, Regierungsrat LU, Schweizerische Nordostbahn (NOB), Zürich-Zug-Luzern-Bahn (ZZL), Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Hochgeachteter Herr Schultheiß! 1

Letzten Samstag war ich in Bern, um einerseits in die Stagnation, welche in den bundesräthlichen Regionen hinsichtlich unserer Angelegenheit herrschte, Bewegung zu bringen & um anderseits gemäß dem von Hrn. Regierungspräsident Weber2 & von Hrn. Landammann Vigier3 geäußerten Wunsche mit dem erstern über die Haltung Bern's gegenüber der Gotthardfrage Rücksprache zu nehmen.

Was den ersten Zweck meiner Reise betrifft, so denke ich, derselbe werde als erreicht betrachtet werden können. Der Bundesrath wird wohl, wenn nicht heute schon, so doch am Mitwoch diejenigen Beschlüsse4 fassen, von denen man sich nur wundern muß, daß sie nicht schon vor 14 Tagen das Licht der Welt erblickt haben. Ich habe wohl nicht nöthig hinzuzufügen, daß Herr Bundespräsident Welti5 keine Schuld an der eingetretenen Verzögerung hat. |

Der zweite Zweck meiner Reise hat mich namentlich veranlaßt, dieses Schreiben an Sie zu richten. Es kömmt nicht nur mir, sondern auch andern vor, wie wenn Hr. Stämpfli6, von dem man zwar glauben sollte, daß er jetzt andere, ihm näher liegende Geschäfte hätte, wieder seine hemmende statt fördernde Hand in den Beziehungen Bern's zu der Gotthardangelegenheit hätte. Von seiner Seite scheint die Parole ausgetheilt zu werden, Bern solle keinen Rappen an den Gotthard geben, so lange der Große Rath des Cantons Luzern nicht eine sehr erhebliche Subvention für die Entlebuch-Emmenthalbahn votirt habe. Sehr deutliche Spuren dieser Anschauungsweise traten mir im Stiftsgebäude entgegen & es ist möglich, daß das Bundesrathshaus auch nicht ganz frei von daherigen Einflüssen geblieben ist. Was nun meine Unterredung mit Hrn. Regierungspräsidenten Weber anlangt, so hat er sich davon überzeugt, daß die Idee, gemäß welcher die Nordostbahngesellschaft jetzt schon die Eisenbahn ZürichZugLuzern übernehmen würde, keine Aussicht auf Verwirklichung hat & darum aufgegeben werden muß. Dagegen scheint ihm nun | das nachfolgende Programm vorzuschweben: Die Regierung von Luzern wendet sich in nächster Zeit in Sachen der Entlebuch-Emmenthaler Bahn an die Regierung von Bern & die Sachen sollen dann so eingerichtet werden, daß gleichzeitig der Große Rath von Bern die Gotthardsubvention & der Große Rath von Luzern die Subvention für die Entlebucher Bahn votire. Ich habe Hrn. Weber vorerst erwiedert, daß, da Bern von Luzern betreffend die Fortsetzung der Emmenthalerbahn etwas verlange, es als angezeigt erscheine, daß Bern an Luzern & nicht umgekehrt Luzern an Bern gelange. Dieser Theil unserer Unterredung fand seinen Abschluß in dem Gedanken, daß, nachdem das Initiativcomité der Emmenthal-Entlebucher Bahn die Regierung von Bern um Bezeichnung eines Repräsentanten in dem Comité gebeten habe, die Regierung von Bern sich an diejenige von Luzern mit dem Vorschlage eines gemeinschaftlichen & übereinstimmenden Vorgehens, sowie einer Verständigung hinsichtlich der finanziellen Betheiligung wenden könnte. Es wurde vorausgesetzt, daß ein derartiger Schritt Bern's in Luzern eine günstige Aufnahme finden werde. | Was dann die Gleichzeitigkeit von Schlussnahmen der Großen Räthe von Bern & Luzern betreffend die Subventionirung der Gotthard- beziehungsweise der Entlebucher Bahn betrifft, so habe ich Hrn. Weber nachdrücklich ersucht, von diesem Gedanken Umgang zu nehmen. Ich habe ihn darauf hingewiesen, daß der Große Rath von Luzern im J. 1865 beschlossen habe, eine angemessene Betheiligung bei Erstellung einer Schienenverbindung durch das Entlebuch mit Anschluß an die Linie LangnauBern eintreten lassen zu wollen, daß aber der Große Rath sich dabei auf den Standpunct gestellt habe, es müsse vorerst das Zustandekommen der Gotthardbahn gesichert sein. Ich fügte bei, daß dieses Programm ein durchaus rationelles sei, daß die Sicherung der Gotthardbahn die Verwirklichung der Emmenthal-Entlebucher Bahn außerordentlich erleichtern werde & daß man auf die naturgemäße Entwicklung der Dinge doch ebenso viel oder mehr Gewicht legen möchte, als auf Machtsprüche der Behörden. Dabei unterließ ich, von Ihrer Ermächtigung Gebrauch machend, nicht, Hrn. Weber zu eröffnen, daß die Regierung von Luzern es wohl nicht ablehnen würde, schon dermalen zu einr Unterhandlung Hand zu bieten, welche eine Verständigung über das Maaß & die Form einer | Betheiligung an der Entlebucher Bahn zum Gegenstande haben würde. Ich legte besondern Nachdruck darauf, daß eine Übereinkunft dieser Art zwischen den Regierungen von Bern & Luzern ein mächtiger Schritt vorwärts im Sinne der Wünsche des Hrn. Weber wäre & daß es kaum im Interesse Bern's liegen dürfte, eine Schlußnahme des Großen Rathes von Luzern zu forciren & gerade deshalb vielleicht eine ungünstige Entscheidung hervorzurufen. Es schien mir, daß meine Eröffnungen & Auseinandersetzungen Eindruck auf Hrn. Weber machten & ich glaube sogar hoffen zu dürfen, daß man sich in Bern mit diesem Programme begnügen wird. Volle Sicherheit dafür besitze ich aber nicht & kann ich der Natur der Sache nach nicht besitzen.

Ich halte es für sehr wahrscheinlich, daß die Regierung von Bern in diesen Tagen an diejenige von Luzern in der oben angegebenen Form gelangen wird & wenn dann Ihr Regierungsrath nach dem Programme verfährt, welches ich mit Ihrer Ermächtigung Hrn. Weber dargelegt habe, so dürfte dadurch der Regierung von Bern der letzte Vorwand zu einer zurückhaltenden Stellung hinsichtlich der Subventio| nirung der Gotthardbahn benommen sein.

Indem ich Ihrer gef. Rückäußerung über meine Mittheilungen gerne entgegensehe, verbleibe ich in ausgezeichneter Hochachtung

Ihr freundschaftlich ergebene

Dr A Escher

Zürich
22 November 1869.

Kommentareinträge

1Nachträgliche Notiz oben rechts auf Seite 1 von dritter Hand: «v. 22. Nov. 1869» .

2 Johann Weber (1828–1878), Regierungsrat und Ständerat (BE).

3 Josef Wilhelm Vigier (1823–1886), Landammann und Ständerat (SO), Bundesrichter, Verwaltungsratspräsident der Solothurner Bank und der Spinnerei Emmenhof in Derendingen, Verwaltungsrat der Papierfabrik Biberist, Mitglied des engeren Ausschusses der Gotthardvereinigung.

4Am 2. November 1869 forderte der Bundesrat den Ausschuss der Gotthardvereinigung auf, die schweizerischen Subventionen für die Gotthardbahn definitiv sicherzustellen, um den Staatsvertrag für den Bau und Betrieb einer Gotthardbahn mit Italien und den deutschen Staaten ratifizieren zu können. Der Ausschuss legte dem Bundesrat daraufhin den Entwurf eines Schreibens an die Regierung des Kantons Tessin vor, in welchem die Tessiner Regierung ersucht wurde, die von ihr 1868 veranschlagten Subvention zu bestätigen bzw. zu erhöhen. In der Sitzung vom 26. November hiess der Bundesrat das Schreiben der Gotthardvereinigung gut. Vgl. Prot. BR, 2. November 1869; Prot. BR, 26. November 1869; Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 8. November 1869; Die Gotthardvereinigung, Absatz 29.

5 Emil Welti (1825–1899).

6 Jakob Stämpfli (1820–1879), Grossrat und Nationalrat (BE), Bankpräsident der Eidgenössischen Bank in Bern; ehemaliger Bundesrat (1855–1863, Präsident 1856, 1859, 1862).