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AES B4648 | StAZH W I 35 R 42

Alfred Escher an alle Sektionen des Zofingervereins, Zürich, Samstag, 7. August 1841

Schlagwörter: Zofingerverein (Studentenverbindung)

Briefe

Der Centralausschuß des Zofingervereines an alle Sectionen.

Liebe Freunde!

Der Centralausschuß hält dafür, daß eine seiner Hauptaufgaben darin bestehe, darauf hinzuwirken, daß die Verhandlungen am Jahresfeste zu erfolgreichen werden. Schon mehrere Male, ganz besonders aber an der letzten Festversammlung, beschäftigte sich der Verein mit einigen Fragen, die zum Theile, früher schon debattirt, gekaut und wiedergekaut, nur darum wieder besprochen wurden, weil man am Ende der frühern Discussionen, die die Unerheblichkeit der aufgeworfenen Frage erwiesen hatten, nicht den Muth hatte, dieses geradezu einzugestehen, sondern es für ehrenvoller hielt, die neue Untersuchung der Frage an der nächsten Versammlung in Zofingen zu verordnen, zum Theile aber, da sie ein der Verhandlung würddiges Thema betrafen, in eine Form gehüllt waren, die nur dazu geeignet war, durch ellenlange Erörterungen über sie, die der Betrachtung des Gegenstandes selbst vernünftiger Weise vorangehen mußten, das Interesse für diese zu ertödten. Überhaupt hat sich, namentlich auch bei unsern Freunden in der Waat und in Genf, die gewiß nicht zu rechtfertigende Ansicht gebildet, daß jede Discussion in Zofingen einen förmlichen Beschluß mit Articeln oder Paragraphen zur Folge haben müsse und ein Ausfluß dieser Ansicht ist der Beschluß der Festversammlung von 1839 gewesen, sie anerkenne dem Principe nach die Zweckmäßigkeit einer Eidgenössischen Gesammthochschule! Die Folge alles dessen war, daß man oft hörte, die Verhandlungen in Zofingen würden überhaupt besser unterbleiben, es wäre schöner, mit einander zu kneipen und den einzelnen, wie sie sich [außerdem?] finden, es zu| überlassen, unter sich Verhandlungen anzuknüpfen und Bekanntschaften zu schließen. Und wenn man die Discussionen in den Versammlungen, wie sie waren, ins Auge faßte, so konnte man diese Behauptungen mit gutem Gewissen nicht verwerfen. Und doch halten wir dafür, daß gerade die Verhandlungen der Festversammlungen ein Hauptmittel seien, die Zofinger aller Sectionen in Masse sich näher zu bringen und bekannt zu machen. Wir geben immer zu, daß der Freundschaftsbund, der sich zwischen einzelnen schon so oft in Zofingen anknüpfte, und, so Gott will, noch oft anknüpfen wird, ein viel innigerer sein muß als die Bekanntschaft, die mit den an den Discussionen Theil nehmenden dadurch daß sie dieß thun, entsteht. Aber es ist nicht zu übersehen, daß das Zofingerfest nicht bloß einzelne sich befreunden will, was bei 100 andern Gelegenheiten auch geschehen kann, sondern es will möglichst viele seiner Angehörigen und, wenn es sein könnte, alle, einander bekannt machen. Zur Anstrebung dieses Zweckes ist das wirksamste, vielleicht das einzige Mittel die Discussion. Soll diese aber in der That ein derartiges wirksames Mittel sein, so muß sie sich nicht auf den kahlen Spitzen unfruchtbarer Äußerlichkeiten, im Gebieth von Reglements und Statuten, die Formen des Vereines betreffend, herumtreiben, sondern sie muß sich auf Gegenstände beziehen, die es dem an der Discussion Theil nehmenden möglich machen, die tiefsten Falten seines wissenschaftlichen und moralischen Lebens, die Grundfesten seiner Individualität, seinen Zofingerfreunden zu offenbaren. Die Reden, die statutengemäß in Zofingen gehalten werden, betreffen gewöhnlich solche Gegenstände und es ist uns dieß ein Beweis dafür, daß der Verein sie als in den Kreis seiner Verhandlungen gehörend ansieht. Schon oft haben wir, aber mit Bedauern, eine solche Rede, deren Inhalt alte mächtig ergriff, mit dem aber nicht alle einverstanden sein konnten, mit Stillschweigen hinnehmen sehen; der Redner mochte dieses für Gleichgültigkeit halten; und doch zeigte es sich auf diese oder jene Weise, daß eigentlich alle das Bedürfniß| gefühlt, in der angeregten Frage noch mehr Individualitäten abgespiegelt zu sehen. Aber warum trat man denn nicht ein? Gestehen wir es uns offen: Wir sind noch nicht so geübt, daß es uns möglich wäre, ohne weitere Vorbereitung über je die eingreifendsten Fragen sogleich unsere Meinung abzugeben. Wir könnten und wollten es aber nach reiflicher Überlegung; dieß geht daraus hervor, daß sich die statutenmäßigen Reden an solche Gegenstände wagen.

Der Centralausschuß ersucht nun, in der Absicht, eine solche an die Reden der Festredner sich anschliessende Discussion zu erzwecken, die von den Sectionen, denen der Centralausschuß einen Redner zu wählen aufträgt, gewählten Redner dem Centralausschusse möglichst beförderlich den Gegenstand ihrer Festrede mitzutheilen, der dann denselben hinwieder allen Sectionen übermachen wird.

Schon oft haben wir, liebe Freunde, wahrgenommen, daß sogar die studierenden Schweizer mit dem Zustande und Wesen der höhern Unterrichtsanstalten ihres Vaterlandes sehr wenig vertraut sind, ja oft die höhern Schulen des Auslandes genauer kennen. Liegt es aber nicht in unserm Berufe gerade diese Seite unserer nationalen Entwickelung gründlich zu erforschen? Schwierig mag man dieß immerhin nennen; aber ist uns nicht gerade durch das Zofingerfest der Weg zur Beseitigung dieser Schwierigkeit gewiesen? Studierende Jünglinge gerade aus den ihrer geistigen Cultur nach am höchsten stehenden Cantonen der Schweiz kommen da zusammen und sie haben schon oft davon geredet, wie schön es wäre, wenn sie an Einer Schule ihre Bildung empfangen könnten, wie schwer sich dieß aber ausführen ließe um der vielen örtlichen Particularitäten gerade auch im Gebiethe des höhern Unterichtswesens willen. Was wäre nun natürlicher, interessanter als daß uns die Angehörigen jedes in Zofingen repräsentirten Cantones Kunde gäben von dem rechtlichen, ökonomischen und ganz besonders auch dem wissenschaftlichen Zustande ihrer höhern Unterrichtsanstalten? Wir würden dieß nicht bloß darum empfehlen, weil wir überhaupt unser Vaterland, ganz besonders aber auch in dieser uns so nahe stehenden Beziehung kennen sollen; es ist noch ein anderes Bestreben, das uns dazu antreibt. Allgemein ist der Nothruf der studierenden Schweizer nach Einer Schweizerischen Gesammthochschule und zu gleicher Zeit sehen wir die einen Cantonalschu| len nicht mehr, die andern weit weniger als früher besucht. Und es ziehen viele Schweizerische Studierende nicht etwa an Universitäten, die an Bildungsmitteln jeder Art den Vorzug vor unsern Kantonalhochschulen verdienen; sondern sie besuchen oft Hochschulen, die mit den Schweizerischen höchstens oder vielleicht nicht einmal concurriren können; und wundert man sich, wenn dieß geschehen, so erhält man zur Antwort: Wir haben, als wir unsern Entschluß faßten, unsere Nationalhochschulen nicht gekannt! Was ist aber die Folge des spärlichern Besuches der Schweizerischen Universitäten? Es erklärt die öffentliche Meinung diesen nicht etwa mit dem Mackel, den sie an sich tragen, daß sie nicht Schweizerische Gesammthochschulen sind; sie sieht die Nothwendigkeit einer solchen um jenes spärlichen Besuches der Kantonalhochschulen willen nicht klarer ein. Sie fängt vielmehr an, sich zu der Ansicht hinzuneigen, die studierenden Schweizer wollen ihre Universitätsbildung auf fremden Hochschulen hohlen, um damit gerade einen Aufenthalt in der Fremde, der für die Ausbildung in mancher Beziehung heilsam sei, zu verbinden; die Schweizerischen Hochschulen seien mehr für ausländische Studierende empfehlenswerth; diesen sei aber größtentheils der Besuch derselben verbothen; und nun hat der materielle Sinn, dem unsere Hochschulen zu viel kosten, weil sie Anstalten der Wissenschaft sind, eine bequeme Waffe gegen sie gefunden! Einsichtige Schweizerische Vaterlandsfreunde und gewesene Zofinger, denen unsere Hochschulen das kräftigste Bollwerk gegen das Gift des Materialismus, für das die Schweizer so empfänglich, sind, die aber besorgten Herzens die Zahl ihrer Zöglinge immer abnehmen sehen, haben schon oft dem Zofingervereine die schöne Aufgabe gesetzt, diesem Wahne, der soviele studierende Schweizer die ausländischen Hochschulen den nationalen vorziehen läßt, entgegen zu wirken; ja sie haben dieß eine heilige Pflicht des Zofingervereines gegen das Vaterland genannt. Freunde, ist es unser Ernst, diesem Wahne entgegen zu wirken, so müssen wir vor allem auch unsere Hochschulen kennen lernen!

Der Centralausschuß fordert daher alle Sectionen auf, einem oder einigen ihrer Angehörigen den bestimmten Auftrag zu ertheilen, der nächsten Festversammlung über den Zustand der höhern Unterrichtsanstalten ihres Kantones Bericht zu erstatten. Der wissenschaftliche Zustand derselben ist natürlich zunächst hervorzuheben. Sollte eine Section dem Festredner, den sie zu wählen hat, dieses Thema geradezu auftragen oder dieser es zum Gegenstande seiner Rede wählen wollen, so soll dieß dem Centralausschusse ganz recht sein.

Freunde! Ihr erkennt es so gut als wir, daß hier und bei der Discu| tirung der Festreden nur durch das Zusammenwirken aller Kräfte etwas ersprießliches geleistet werden kann. Wir zählen daher auf Euer aller willigen Beistand! In Eurer Hand liegt es, das Fest zu einem genußreichen und segensvollen zu machen! Möge Euer Wille ebenso fest als unser Zutrauen zu Euch sein!

Wir haben Euch noch anzuzeigen, daß wir die Zeit der Festversammlung auf den 22ten & 23ten September festgesetzt haben. Alle Sectionen werden sich also den 21ten Nachmittags an der Kreuzstraße versammeln. So eben haben wir den Stadtrath von Zofingen um die Erlaubniß, das Fest zu dieser Zeit abzuhalten, ersucht. Wir werden Euch seine Antwort noch mittheilen.

Wir ersuchen Euch uns zu melden, wie viele Angehörige Eurer Section ungefähr das Fest besuchen werden. Ferner bitten wir Euch um das Verzeichniß Eurer Mitglieder und Candidaten mit Eingabe ihres Wohnortes & ihrer Facultät und um Angabe Eurer Adresse für das künftige Jahr.

Endlich empfehlen wir Euch folgende Lieder zur Einübung auf die Festversammlung:

«Freiheit, die ich meine» &ca
«Freie Männer sind wir &ca» aus dem Zofingerliederbuche
«Wenn die Seele klar und helle &ca» zweiter Anhang.
«Wir sind nicht mehr am ersten Glas»
«Laßt hören aus alter Zeit» aus der Sammlung neuer Turnlieder
Zürich. 1841.

Empfanget, liebe Freunde, unsern herzlichen Gruß!

Im Namen des Centralausschusses:

der Präsident:

Alfred Escher.

Zürich. d. 7ten August. 1841.

Postscr. die Sectionen Zürich, Bern, Lausanne (& [Anr?]) sind beauftragt die üblichen Festreden in Zof. zu halten. 1

Kommentareinträge

1Postscriptum von dritter Hand.

Kontexte

  • Alfred Escher
  • alle Sektionen des Zofingervereins