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Alfred Escher an alle Sektionen des Zofingervereins, Zürich, Dienstag, 18. Mai 1841

Schlagwörter: Zofingerverein (Studentenverbindung)

Briefe

Der Centralausschuß des Zofingervereines an alle Sectionen dieses.

Liebe Freunde!

Wir haben Euch schon mehr als einmal gesagt, daß wir es als eine Hauptaufgabe des Centralausschusses ansehen, Gegenstände von Zofinger'schem Interesse, die entweder einzelne Sectionen oder wir selbst der Verhandlung durch den ganzen Verein würdig halten, diesem zur Besprechung vorzulegen. Wir wollen dadurch ein Gesammtleben des Vereines auch außer seiner Jahresversammlung veranlaßen, eine allgemeine Discussion aller Zofinger. Weitaus die meisten unter Euch haben zu unserer Freude dieses Streben gebilligt; sie sind in unsere Gedanken eingetreten und haben mit Eifer & Interesse ergriffen, was wir ihnen dargebothen; sie haben uns Vertrauen gezeigt, wie es den Gliedern eines Freundschaftsbundes ziemt; wir hoffen, daß der Erfolg unserer Bemühungen sie dieses nicht bereuen lassen werde.

Von den dem Vereine durch den Centralausschuß zur Verhandlung vorgelegten Fragen hat besonders die das Freicorps des Zofingervereines betreffende die Thätigkeit der meisten Sectionen in Anspruch genommen. Sobald noch einiges zur gründlichen & umsichtigen Beurtheilung dieses Gegenstandes unentbehrliche Material gesammelt sein wird, wird Euch der C.A. die Resultate der Untersuchungen über die militärische Zweckmäßigkeit eines Freicorps & über die Ausführbarkeit des Zofingerfreicorps mittheilen & von Euch dann vernehmen, ob Ihr auf Grundlage dieser Resultate und der Meinung, die Ihr Euch von der Wünschbarkeit eines Zofingerfreicorps vom Standpuncte unserer Vereinszwecke aus gebildet haben werdet, Euch dafür oder dagegen aussprechen werdet.

Das Verhältniß des Turn- und des Zofingervereines scheint, wie wir es erwartet haben, in den wenigsten Sectionen mit Interesse besprochen worden zu sein. Der Gegenstand hat uns nie sehr fruchtbar geschienen & wir hätten ihn Euch nicht vorgelegt, wenn es nicht von der Festversammlung ausdrücklich gewünscht worden wäre. Der Zofinger- und der Turnverein werden ihrem Zwecke nach nie in Collision gerathen. Die Blüthe des einen Vereines muß nothwendig auch die des andern nach sich ziehen und sollte etwa auch eine Zeitlang der eine Verein auf Kosten des andern sich ausdehnen und kräftigen zu wollen scheinen, so wird er es eben nur eine Zeitlang, und das Mißverhältniß wird sich wieder ausgleichen, wo nicht eine Fluctuation nach| dem andern Extreme hin veranlaßen. Wenn nicht ihren Zwecken nach, so können dagegen allerdings durch äußere, nicht nothwendige Einrichtungen die beiden Vereine sich hinderlich werden. Daß dieß durch allzu große Annäherung der beidseitigen Jahresfeste der Zeit nach geschehe, unterliegt keinem Zweifel. Hierüber läßt sich aber bloß in dem einen Vereine nicht viel beschließen. Die Hauptsache ist eben, daß die Angehörigen beider Vereine es erkennen, daß beide Vereine neben einander bestehen sollen. Ist diese Überzeugung allgemein, so wird von selbst dafür gesorgt werden, daß sie auch neben einander bestehen können.

Die Frage endlich, ob der Zof.verein in seiner gegenwärtigen Form seinen ursprünglichen Zwecken entspreche, scheint von manchen Sectionen als sich von vorne herein & außer allem Zweifel mit «Ja» beantwortend keiner Erörterung gewürdigt worden zu sein; andere haben sie mehr oder minder ausführlich besprochen; keine hat die behaupteten Gebrechen des Zof.vereines in diesem selbst finden können; man glaubte sie in außer dem Vereine liegenden Verhältnissen z. B. in dem Geiste der Zeit, wie die Basler & finden zu sollen. Zu bedauern war es allerdings, daß diejenigen Vereinsglieder, welche diese Frage angeregt, und bekannter Maßen wirklich die Ansicht haben, daß die gegenwärtige Form des Vereines seinem ursprünglichen Zwecke unangemessen sei, diese ihre Ansicht nicht genauer ausgeführt & vertheidigt haben. Vielleicht wäre dadurch eine neue Form geschaffen, vielleicht die alte dadurch befestigt, weil gerechtfertigt, worden. Die diese Meinung vertreten, construiren den Z.V. aprioristisch, nachdem sie die verschiedenen Studentenvereine so zusammen gesetzt haben. Jede Richtung der Thätigkeit des Studierenden soll sich ihre äußere Form im besondern schaffen. So entstünden besondere wissenschaftliche Vereine, besondere Fechtvereine, besondere Musikvereine. Der Zofingerverein hätte auch nur Einen Zweck, den der Beförderung der Nationalität & gemäß dem Zweck dieses Vereines müßte er alle Studierenden umfassen. Der gegenwärtige Z.V. anerkennt aber diesen Grundsatz nicht. Darum taugt auch seine Form nichts. Wir können aber von vorneherein den Satz nicht zugeben, daß sich jedes besondere Bedürfniß des Studierenden auch eine besondere Form schaffen müsse. Wir behaupten sogar, die meisten dieser Bedürfnisse lassen sich an & für sich allein, vereinzelet nicht befriedigen, sondern nur eines neben, mit & durch das andere. Es würde sich nur, wenn wir wissen wollen, ob der Z.V. bloß dem Bedürfnisse der Entwickelung unserer Nationalität oder auch noch andern Bedüfnissen ein Genüge leisten könne, fragen, ob wir im Dienste der Nationalitätsbewahrung wirkend, nicht zugleich auch im Dienste der Wissenschaft, der jugendlichen Geselligkeit & Freundschaft wirken müßten und wenn dieß,| damit unsere nationalen Bestrebungen nicht als bloßes Nebelbild, ohne Leib & Leben erscheinen, zugegeben werden muß, so folgt daraus – und wir stellten uns ganz auf den Standpunct der Vertheidiger jener Ansicht –, daß sich die verschiedenen Bedürfnisse der Studierenden nicht so weit als verschiedene darstellen, daß sie, auseinander gerissen, verschiedene Formen schaffen könnten, und ferner, daß der Z.V., auch wenn man annimmt, er haben den Zweck der Beförderung der Nationalitätsbewahrung, nicht diese ausschließlich und im Gegensatz zu der Beförderung der Wissenschaftlichkeit & Freundschaft seiner Glieder beabsichtigen kann. Wollten wir gegenwärtig jene Meinung widerlegen, so würden wir eher die alle jene Thätigkeitsrichtungen als ganzes genommen spaltenden verschiedenen Lebensansichten auseinander halten und beweisen, daß diese auch historisch immer & überall verschiedene Gestaltungen & Formen der Thätigkeit der Studierenden hervorgerufen haben. Es würde sich dann zeigen, daß der Z.V. die Form der ernstern, den Lebenszweck immer vor Augen habenden Richtung wäre, die aber die Fähigkeit hat, alle Thätigkeiten der Studierenden in sich aufzunehmen & nach ihrer Eigenthümlichkeit zu modificiren. Aber wir begnügen uns nach dem Zwecke dieser Zeilen damit, daß wir gefunden, daß auch von dem Standpuncte der mit der gegenwärtigen Form des Z.V. unzufriedenen aus, derselbe auf Beförderung der Wissenschaftlichkeit & Befreundung seiner Glieder im Streben nach der Kräftigung unserer Nationalität gerichtet sein muß. Unsere Statuten aber, die wirkliche gegenwärtige Form des Z.V., bestimmen als seinen Zweck das Wohl des Vaterlandes und im speziellen Begründung eines nationalen Sinnes und Erwerbung der Tugenden & Kenntnisse, deren die Glieder des Vereines zur Erreichung ihres allgemeinen Zweckes bedürfen. Bedenkt Ihr nun noch, daß ein Verein sich innerlich nicht beschäftigen kann, wie ein einzelnes Individuum, daß er nicht eine unsichtbare Thätigkeit haben kann, sondern immer etwas bestimmtes, mehr äußerlich erkennbares schaffen muß, bedenkt Ihr ferner, daß der Z.V., der Vaterlandsliebe, Freundschaft & Sittlichkeit seiner Glieder unmöglich für sich allein mit Ausschluß der ihm nicht Angehörenden in Anspruch nehmen darf, dem sehr äußerlichen, in grellen oft glänzenden und das jugendliche Gemüth einnehmenden Formen ausgeprägten Leben derer, welche weniger ernsten Lebensansichten huldigen, auch etwas entgegensetzen muß, ein innerliches Leben, aber eines, das sich so äußerlich darstellt, daß man es wenigstens nicht läugnen kann, so dürftet Ihr vielleicht der Ansicht werden, daß Wissenschaft mehr, als man bisher annahm oder annehmen zu müssen glaubte, der Gegenstand der Thäthigkeit des Z.V. werden müsse. Wir halten diesen Punct für noch zu wenig im Schooße des ganzen Z.V. erörtert; denn wir sehen, daß an manchen Orten| gar keine eigentlich wissenschaflichen Arbeiten dem Z.V. vorgelegt werden, an andern Orten sehr viele, an dritten auch etwa einmal, aber dann mit Entschuldigungen & Erröthen; wir sehen, daß in den einen Sectionen die Wissenschaft ein so wesentlicher Theil ihrer Thätigkeit ist, daß man literarische Gesellschaften außer ihnen für ganz überflüssig hielte, in anderen Sectionen aber gerade solche im Gegensatze zu dem Z.V. erstehen, weil dieser sich der Pflege der Wissenschaft an & für sich nicht oder nur sehr wenig annehmen wolle. Alles dieß zeigt uns deutlich genug, daß über diese Lebensfrage des Z.V. im Schooße desselben keine Gesammtüberzeugung herrscht. Um aber eine solche hervorzurufen, laden wir Euch ein, über die Frage, ob und auf welche Weise die Wissenschaft an sich Gegenstand der Thätigkeit des Z.V. sein solle, zu discutiren und mit andern Sectionen & dem C.A. zu correspondiren.

Solltet Ihr noch Zeit finden, über einen andern Gegenstand eine allgemeine Discussion des Vereines hervorzurufen, so würden wir Euch die Beantwortung der Frage, in welchem Verhältnisse die Nationalität eines Volkes und besonders auch des unsrigen zu der fortschreitenden Cultur der Menschheit stehe, empfehlen. Es wäre bei diesem Gegenstande besonders interessant, die Entwicklungsfähigkeit & Fortbildbarkeit einer Nationalität zu erörtern.

Wir haben Euch noch mitzutheilen, daß Ludwig Meier wegen äußerer Verhältnisse, die sein Studienwechsel veranlaßt, und C. Zollinger, weil ihn die Section Zürich als Sectionspräsidenten nicht entbehren zu können glaubte, aus dem C.A. ausgetreten & die von Euch gewählten Suppleanten Gottlieb Wegmann & Huldreich Weber an ihre Stellen gerückt sind.

Behufs Bestimmung der Zeit der dießjährigen Festversammlung ersuchen wir Euch endlich, uns beförderlich Eure Wünsche in dieser Beziehung, ferner die Zeit Eurer Ferien im Sommer & Herbst & endlich die dermalige Zahl der Mitglieder Eurer Section mitzutheilen. Sollte es für Euch Zeiten im Sommer & Herbst geben, zu denen Ihr auf keinen Fall nach Zofingen kommen könntet, so meldet uns dieß genau.

Und nun lebt wohl! Der Centralausschuß in seinem jetzigen Bestande ersucht Euch um Eure Liebe & Euer Vertrauen.

Im Namen des Centralausschusses:
der Präsident:

Alfred Escher.

Zürich. d. 18ten Mai. 1841.

Kontexte

  • Alfred Escher
  • alle Sektionen des Zofingervereins