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Korrespondenz: Alfred Escher – Friedrich Tschudi

AES B4643 | KBSG Tschudi 88a-c/I7f

Alfred Escher an Friedrich Tschudi, Belvoir (Enge, Zürich), Freitag, 9. / 10. Mai 1851

Schlagwörter: Freundschaften, Parteienstreitigkeiten, Polemiken und Anwürfe (Escher), Rechtliches

Briefe

Mein lieber Freund!

Ich bin weit entfernt davon, Deine Zuschrift v. 6ten dieß, die mir gestern zugekommen, übel auszulegen: im Gegentheile, ich betrachte sie als einen neuen Beweis Deiner freundschaftlichen Gesinnung gegen mich & danke dir darum aufrichtig dafür.

Wenn ich nun aber die wohlmeinende Absicht, die dich bei Deinem Briefe geleitet, nicht verkenne, so habe ich hinwieder aus demselben entnommen, daß die Angelegenheit, über die Du mir schreibst, dir, wie es auch nicht anders sein kann, nicht klar vorliegt, daß sie dir vielmehr, wie wohl manchem andern, in ganz entstellter Weise vorgetragen worden ist. Ich glaube dich daher in Betreff derselben auf einen richtigern Standpunkt stellen zu sollen & wenn ich auch, physich angegriffen & von Eidgenössischen & kantonalen | Geschäften gedrängt wie vielleicht noch nie, keine besondere Lust empfinden kann & wenig Muße habe, mich mit der von dir berührten Angelegenheit zu befassen, so will ich es dannach thun um Deiner Freundschaft zu mir willen.

Die Kubligeschichte nahm genau mit dem Beginne meiner politischen Wirksamkeit ihren Anfang. Meine Gegner, die mir auf anderm Wege nicht bezukommen wußten, faßten den Plan, durch Herabwürdigung meines alten Vaters & meines mittlerweile gestorbenen Onkels mich moralisch todtzuschlagen! Dir gegenüber brauche ich einen solchen Plan nicht zu qualifiziren: ich brauche dir auch nicht zu sagen, welche Gefühle diese Mißhandlung meines greisen harmlosen Vaters um der politischen Ansichten seines Sohnes willen in mir hervorrufen mußte: genug jener Plan bestand & Kubli wurde zum Werkzeuge für die Realisirung desselben ausersehen. | So erschienen denn im frühjahr 1845 jene berüchtigten Artikel von Gysi & damit in Verbindung stehenden Inserate von Kubli in der WochenZeitung. Die Indignation über dieses Verfahren war nicht nur in der liberalen Partei sondern auch unter den ehrenhafteren Conservativen allgemein. Die beiden Injurianten wurden auf die Klage meines Vaters hin bestraft. Aber Kubli & die hinter ihm stehenden Personen ruhten nicht & so erschien denn jenes Pamphlet Kubli's gegen meinen Vater, von dem Du sagst, daß Du es mit Abscheu gelesen. Mittlerweile erhob nun mein Vater auch als Erbe meines inzwischen verstorbenen Onkels, an dem wir übrigens eine ungeheure Summe verloren, eine Injurienklage gegen Kubli & das in Folge dieser Klage ergangene Urtheil wird, da es sich nicht bloß mit einer Würdigung der formalen Injurien, welche sich K. gegen meinen Onkel zu schulden kommen | ließ, befaßt, sondern auch die Frage untersucht, ob das Vorhandensein einer Forderung Kubli's an meinen Onkel als erwiesen oder auch nur als wahrscheinlich anzusehen sei, am meisten dazu geeignet seie, dich bei Beurtheilung der in Frage stehenden Angelegenheit auf jenen richtigen Standpunkt, von dem ich oben sprach, zu stellen. Obgleich eigentlich von vornherein angenommen werden dürfte, daß mein Vater, der jedes Jahr zu gemeinnützigen Zwecken viele Hunderte verschenkt, noch weit eher, was er schuldet, zu bezalen sich beeilen werde & daß er mit der Forderung eines Menschen, der 18 30 mit seinen Creditoren zu 10 p% accordirte, aber erst viel später sich erinnert, daß er an meinen Vater oder Onkel eine sehr bedeutende Forderung habe, etwas apokryphisch stehen dürfte, so will ich es doch nicht unbegreiflich nennen, daß Kubli, der jedenfalls ein arger Heuchler, sein Alter & seine Verkommenheit gut auszubeuten versteht, wenn er | einzelne aus dem Geschäftszusammenhange herausgerissene Briefe meines Onkels vorweist, bei dem einen oder andern mit den Verhältnissen nicht näher vertrauten Zweifel zu erwecken vermag. Dieß scheint denn auch bis zu einem gewissen Grade bei dir der Fall gewesen zu sein. Ich glaube nun Deine Zweifel auf keine kürzere & sicherere Weise beseitigen zu können, als wenn ich dir hier die auf das Vorhandensein einer Forderung Kubli's an meinen Onkel bezüglichen Erwägungen des oben erwähnten gerichtlichen Urtheiles mittheile. Dieses Urtheil ist von dem Bezirksgerichte Zürich einmüthig gefällt & von dem Obergericht, soweit es sich auf jene Erwägungen bezieht, einmüthig bestätigt worden. Über die Unabhängigkeit der Zürcherschen Gerichte glaube ich aber kein Wort verlieren & darum auch nicht weiter hervorheben zu sollen, daß z. B. das Obergericht bis auf die letzte Zeit seiner Mehrheit nach aus conservativen Richtern bestand. Jene Erwägungen lauten nun folgenderma| ßen: 3. «daß es bei Prüfung dieser Frage (näml. ob die von K. gebrauchten Ausdrücke als Verläumdung oder Beschimpfung zu qualifiziren seien) wesentlich darauf ankömmt, ob nach den von dem Beklagten (K.) eingelegten Acten, welche nach seiner bestimmten Erklärung seine sämmtlichen Beweismittel zu Begründung der ihm angeblich an Herrn Ludwig Escher (meinen Onkel) zustehenden Forderung enthalten, das Vorhandensein einer solchen als erwiesen oder auch nur als wahrscheinlich angesehen werden könne;
4. daß aber auch diese Behauptung als durchaus unbegründet sich darstellt, indem
a. die Rechnungen act / 72 & 73 ausdrücklich die Überschrift tragen: ‹Nota über die von Herrn Paul Kubli während den Jahren 1810, 1811, 1812, 1813 & 1814 einkassirten Gelder für durch ihn besorgte & mir ad notam gegebene Verkäufe von seinem Bruder, Herrn [Casp?] Kubli jr. in Glarus angehörigen Waare›, – hieraus aber im Mindesten kein Schuldbekenntniß des Herrn Ludw. Escher gegenüber den Beklagten her| geleitet werden kann;
b. die bei den Acten liegende Correspondenz (ungeachtet dieselbe höchst unvollständig eingelegt wurde & kaum anzunehmen ist, daß der Beklagte auch die gegen ihn sprechenden Briefe produzirt habe) gerade die Annahme, daß Herr Paul Kubli es war, welcher eigentlich mit dem Beklagten in Verkehr gestanden & die Verkäufe seiner Waaren besorgt habe, wesentlich unterstützt, wie dieß namentlich in den Briefen act 66/68 & 69 theils ausdrücklich gesagt, theils angedeutet ist;
c. Die Rechnung act 74, abgesehen davon, daß deren Ächtheit, namentlich bezüglich auf den Anfang bestritten ist, vom Beklagten als Beweismittel schon darum nicht angesprochen werden kann, weil sie weder eine Unterschrift trägt, noch auch nur die Personen, zwischen welchen der fragliche Verkehr Statt gefunden hat, bezeichnet, der Umstand aber, daß sie sich in der Hand des Beklagten befindet, darum ohne Bedeutung ist, weil letzterer anerkannter| termaßen nach dem Tode seines Bruders, Paul Kubli, Vormund dessen Kinder war & so in der Lage sich befand, über die in seinem Nachlasse vorhanden gewesenen Scripturen zu verfügen; d. es sich gar nicht denken läßt, daß der Beklagte vom J. 1814 an bis zum Jahre 1832 (in welchem Jahre er zuerst noch der Adresse des Herrn Ludwig Escher sich erkundigt & dann auch den jetzigen Kläger (meinen Vater) beklagt hat) zu gewartet hätte, ehe er irgend welche rechtliche Schritte that, um seinen angeblichen Schuldner zur Zalung einer so bedeutenden Forderung von über 15000 Rubeln anzuhalten, ungeachtet Creditor und Debitor mehrere Jahre gleichzeitig in Rußland domizilirten, Letzterer dann noch im Jahre 1819 in Zürich sich aufhielt, während doch Kläger in späterer Zeit (vom Oct. 1830–1832) wie die Acten zeigen, in so mißlichen ökonomischen Verhältnissen sich befand, daß er mit seinen Creditoren einen Nachlaßvertrag zu 10 p% abzuschließen sich genöthigt fand; | 5. daß indessen, ungeachtet nach dem Gesagten der Beweis dafür, daß Herr Ludwig Escher dem K. irgend etwas schulde, nicht erbracht, das Gegentheil vielmehr wahrscheinlich ist, dennoch Verläumdung nicht angenommen werden kann, weil, wie schon das Obergericht in seinem Urtheile v. 16. März 1847 angenommen hat, bei dem Beklagten die zur fixen Idee gewordene Vorstellung, es sei ihm von Herrn Ludw. Escher Unrecht geschehen, als vorhanden angenommen werden muß;»

Soweit das gerichtliche Urtheil. Nach Mittheilung desselben darf ich wohl füglich annehmen, Du seiest nur über die Kubli'sche Angelegenheit hinlänglich orientirt. Nachdem nun aber die Gerichte auf Grundlage aller Acten, die K. zu produziren vermochte & ganz abgesehen von der jedenfalls vorliegenden Verjährung der Forderung so gesprochen & nachdem K. wiederholt & auf die empörendste Weise meinen Vater, meinen Onkel & mich injurirt ja noch in den letzten Tagen in mir über| sandten Druckblättern jene frühern Beschimpfungen wieder aufgefrischt hat, wirst Du es begreifen, ja nachdem Du nunmehr die wahre Sachlage kennen gelernt, als mein Freund wünschen, daß wir uns in keinerlei Vergleich einlassen. Ein Almosen einem würdigen Armen zu geben hat man uns noch immer bereit gefunden: ein Geschenk von unserer Seite an K. nach allem Vorgefallenen würde & müßte als ein nachträgliches Zugeständniß, daß wir uns im Unrechte befinden, als eine Desavouirung des zu unsern Gunsten lautenden gerichtlichen Urtheils angesehen werden.

K. wird nun zwar sein Beschimpfungs- & Verläumdungswerke ohne Zweifel gegen uns fortsetzen: es scheint dieß gegenwärtig buchstäblich sein Broderwerb zu sein. Wie unangenehm die& aber auch sein mag, so werden wir doch nicht eine Gelderpressung von K. an uns vollziehen lassen. Im Ctn. Zürich &, wie ich höre, auch in Glarus ist man über das Treiben des K. längst im Klaren. Es wird auch, | wenn weitere Kreise sich mit dieser Angelegenheit beschäftigen sollten, möglich sein, der Wahrheit zum Siege zu verhelfen.

Da nach Deinem Briefe mit dir noch andere Notabeln von K. bearbeitet worden sind, so wäre ich dir zu Dank verpflichtet, wenn Du diesen gelegentlich die dir ertheilte Auskunft ebenfalls zur Kenntniß brächtest.

Du wirst begreifen, wie peinlich es für mich bei der beinahe erdrückenden Geschäftslast, die auf mir ruht, ist, noch solche Briefe schreiben zu müssen. Ich habe es aus Pflichtgefühl gegen meinen Vater, der um der politischen Ansicht seines Sohnes willen gemäß einer schon lange bestehenden Verschwörung mißhandelt werden soll, & aus Freundschaft gegen dich gethan.

Empfange noch einmal meinen besten Dank für Deinen Brief, dessen sehr freundliche Seite darin besteht, daß er mir gleich bei unserm ersten Wiederbegegnen einen neuen | Beweis Deiner freundschaftlichen Gesinnung gegen mich darbot. Erfreue mich, wenn Du es nöthig findest, durch eine Antwort & sei herzlich gegrüßt von

Deinem

A Escher

Belvoir
9/ 10. Mai 1851.

P. S. Ich ersuche dich, diesen Brief K. nicht zu zeigen. Ich möchte nicht, daß er glaubte, ich halte sein Treiben die 12 Seiten, die dir gewidmet sind, werth.