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Korrespondenz: Alfred Escher – Friedrich Tschudi

AES B4642 | KBSG Tschudi 87/I7f

Alfred Escher an Friedrich Tschudi, Belvoir (Enge, Zürich), Sonntag, 11. Dezember 1842

Schlagwörter: Berufsleben, Finanzielle Unterstützungen, Krankheiten, Reisen und Ausflüge

Briefe

Mein lieber Tschudi!

Kaum hat Dich die Nachricht von der nahe bevorstehenden Rückkunft unsers lieben Jaques mehr erfreuen können als mich. Nur mit großer Ban-gigkeit habe ich seiner mehrjährigen Reise, deren Plan er uns mitgetheilt, entgegengesehen. Abge-sehen von der Hauptbesorgniß, die in den mannig-fachen Gefahren der Reise selbst lag, fürchtete ich immer, er werde die nöthigen Geldmittel, um die Reise puncto œconomicorum ungenirt machen zu können, schwerlich erhalten & dadurch theils verstimmt, theils dazu gezwungen werden, sein ganzes Vermögen aufzuopfern & daneben doch große Entbehrungen zu ertragen. Wenn er dann aber nach Europa zurück kehre, so werde er, da in letzter Zeit eine Reise in Peru von einem Franzosen publicirt wurde, der vom König 150/m frs. dazu erhielt, mit der Bekanntmachung seines Werkes große Schwierigkeiten haben, & wie niederschlagend ist es nicht, für die Frucht jahrelanger Arbeiten & eigent-licher Leiden kaum einen Verleger zu finden, wenn man weiß, daß die alltäglichsten Romanschmierer | bedeutende Honorare ziehen! Und daß er die wenigen von ihm verlangten Geldmittel für seine Reise nicht erhalten hätte, ist – mehr als wahrscheinlich. Ja-ques hatte in seinem Briefe an mich den Wunsch aus-gesprochen, daß ich bei den hauptsächlichsten Schweizeris-chen Museen anfrage, ob sie ihm nicht jährlich 3–400 Thaler gegen Einräumung des ersten Rechtes auf ein Exemplar jeder von ihm gefundenen Art vorschießen würden. Da ich mit den Naturforschern nicht bekannt bin, so wandte ich mich an H. Prof. Heer, der mit großer Bereit-willigkeit an die Directionen der Museen in Neuen-burg, Genf, Basel & Bern schrieb. Überallher lief eine abschlägige Antwort ein. Auch in Zürich wollte man nicht eintreten. Meine letzte Hoffnung war Dir Schönlein. Ich ersuchte Dr Nägeli an ihn zu schrei-ben & ihm die Sache ans Herz zu legen. Gerade am Tage, nachdem ich Deinen Brief erhielt, sollte das Schreiben an Schönlein abgehen.

Alle diese Besorgnisse sind nun durch den Entschluß von Jaques, nach Europa zurückzukehren, entfernt. Möge diese seine letzte Reise noch glücklich ausfallen!

Wenn Du an Jaques etwa nach Havre oder Paris schreibst, so sei so gut, ihm zu melden, daß ich mich in Paris befinde. Ich kann Dir nun na-türlich meine Adresse noch nicht mittheilen. Die Adresse von Sinz ist aber rue neuve racine No 2. | Dort könnte er mich also jedenfalls erfragen.

Empfange meine herzlichen Gratulationen zu Deinem rühmlich bestandenen Examen & nicht minder zu dem schmeichelhaften Anerbiethen, das Vicariat in Lichtensteig zu besorgen. Schon sehe ich Dich als Pfarrer der Capitale des Toggenburges. Wenn Du etwa im künftigen August oder September einmal andächtigen Herzens die Kanzel besteigst & unter den Zuhörern einen Freund, der auf dem Wege ist, den Pariserfrack mit dem Appenzeller Hirtenhemde zu ver-tauschen, erblickst, so laß Dich – ich bitte Dich zum voraus – nicht aus dem Concepte bringen!

Du hast wohl von dem Anfalle des Nerven-fiebers, das unserm lieben medicus drohte, gehört. Seine Besserung rückt pfeilschnell vorwärts. Doch darf er zur Stunde das Zimmer noch nicht verlassen.

Ein wahrer Jammer ist der Tod von Conrad Ott! Nach jahrelanger Anstrengung & jahrelangen Widerwärtigkeiten gerade, wenn die Erndte be-ginnen sollte, eine Beute des Todes zu werden, ist schrecklich genug!

Und nun ein herzliches Lebewohl, mein Theurer! Auf frohes Wiedersehen im lieben Vaterlande!

Dein

Dr Alfred Escher.

Belvoir.

[11.?] Dez. 42.