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Korrespondenz: Alfred Escher – Jakob Zellweger
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    1. an Jakob Zellweger, 29. Juni 1845 Schlagwörter: Freischaren, Finanzielle Unterstützungen, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Zürichputsch (1839), Jesuiten, Volksversammlung Unterstrass (1845), Tagsatzung AES B4635+
    2. von Jakob Zellweger, 10. Juli 1845 Schlagwörter: Freischaren, Finanzielle Unterstützungen, Tagsatzung, Jesuiten AES B0384+
    3. an Jakob Zellweger, 18. August 1845 Schlagwörter: Grosser Rat VD, Verfassung VD, Regierungsrat BE, Tagsatzung, Freischaren, Finanzielle Unterstützungen AES B4636
    1. an Jakob Zellweger, 15. Januar 1846 Schlagwörter: Familiäres und Persönliches, Jesuiten, Klöster (Aufhebungen), Erziehungsrat ZH, Bildungswesen AES B4637
    2. an Jakob Zellweger, 16. November 1846 Schlagwörter: Familiäres und Persönliches, Erziehungsrat ZH, Kommissionen (kantonale), Berufsleben, Bildungswesen, Schweizerische Bundesverfassung, Privatdozenturen AES B4638+
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AES B4635 | KBAR Fa Zellweger : 51/B : EschA

In: Jung/Koch, Escher Briefe, Band 3, Nr. 28

Alfred Escher an Jakob Zellweger, Belvoir (Enge, Zürich), Sonntag, 29. Juni 1845

Schlagwörter: Finanzielle Unterstützungen, Freischaren, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Jesuiten, Tagsatzung, Volksversammlung Unterstrass (1845), Zürichputsch (1839)

Briefe

Hochgeachteter Herr Landammann!

Die Zürcherschen Liberalen halten gewiß mit den Liberalen aller Cantone dafür, daß es eine Ehrensache der Schweizerischen liberalen Partei sei, die Befreier1 von Dr. Steiger, die neben der großen Gefahr, die sie gelaufen, noch eine bedeutende ökonomische Einbuße (etwa 22 000 frkn.) gemacht haben, für diese mindestens zu entschädigen. Wir haben zu diesem Ende hin einen Aufruf in alle Gemeinden unsers Cantons Behufs Unterzeichnung von Beiträgen gelangen lassen & ebenso haben wir beschlossen, den Aufruf auch in andere Cantone der Schweiz, von denen sich Beiträge erwarten lassen, zu schicken. So habe ich denn auch die Ehre Ihnen einen mit dem ergebenen Ansuchen zu übersenden, Sie wollen sich gefälligst der Sache annehmen & Sammlungen in den verschiedenen Theilen Ihres Cantons veranstalten lassen.

Ich kann Ihnen vorläufig melden, daß von Bern frkn. 10,000 zu diesem Zwecke angemeldet sind. Jedoch muß ich Sie bitten, dieß vor der Hand geheim| halten zu wollen.

Wenn etwas von dem zusammenzusteuernden Gelde für Dr. Steiger selbst verwandt werden könnte, so wäre es sehr erfreulich. Der arme Mann mit seinen 6 Kindern hat nämlich all' sein Vermögen, das er mit saurem Schweiße errungen, eingebüßt. Eine Einladung zu Steuern auch für Dr. Steiger selbst wurde nicht in den Aufruf aufgenommen, weil es uns unzart geschienen hätte. Dagegen dürfte es angemessen sein, unter der Hand zu verbreiten, daß auch Gaben mit der speziellen Bestimmung für Dr. Steiger selbst höchst wünschbar wären & mit Vergnügen angenommen würden.

Ich überlasse es mit dem vollsten Zutrauen Ihrer Einsicht, auf welche Weise die Sammlungen in Appenzell A. Rh. zu veranstalten seien. Nun erlaube ich mir, Sie noch besonders darauf aufmerksam zu machen, daß es gewiß sehr wünschbar ist, daß die Sammlungen so lange der Enthusiasmus über Steigers Befreiung noch frisch ist, also möglichst bald eingeleitet werden. Das in Appenzell eingesammelte wollen Sie gefälligst an Hrn. Kälin2, katholischen Pfarrer am Schanzengraben in Zürich einsenden. Er ist der Mittelpunct der Sammlungen.

Unsere letzte Großrathssitzung hat gewiß auch Sie gefreut.3 Das liberale System consolidirt sich bei uns immer mehr. Ein neues Leben ist in unsere Partei zurückgekehrt. Sie hat wieder Zutrauen zu sich selbst| und einen festen Glauben an die innere Nothwendigkeit ihres Sieges gewonnen. Wie sie in der letzten Zeit fest & würdig in der Opposition war, so ist sie nun in der Majorität entschieden & mäßig. Dagegen ist die conservative Partei in sich zerrissen & desorganisirt. Die Führer ( Bluntschli4, Gysi5 & ihr Schüler Mousson6 ) hatten die conservative Partei mit der Rohmerschen7 «liberal-conservativen» Farbe angestrichen. Diese fängt nun aber an, sich von der Partei der conservativen abzuschälen & es zeigt sich immer deutlicher, daß sie nicht recht in die Partei eingedrungen ist, daß sie sich nie recht mit ihr verbunden hat. Der Firniß8 hat die conservative Partei so oft lächerlich gemacht, daß sie ihn herzlich satt hat & nun abzustreifen wünscht. Um dieß aber thun zu können, muß sie sich auch von denen, die sie mit dem Firniß angestrichen, trennen. Diese sind nun aber gerade bisanhin die gewandtesten Sprecher der conservativen Partei gewesen. – Und darin liegt eben die große Gefährlichkeit der den Conservativen bevorstehenden Trennung.

Ich glaube, der Canton Zürich seie nun auf dem Wege, eine Bedeutung wiederzugewinnen, die er seiner ganzen Stellung nach verdient, die er aber in Folge des schmählichen 6 Septembers, der zum Losungszeichen für die Reaction in der ganzen Schweiz geworden, verloren hat. Man spricht in neuster Zeit, besonders von conservativer Seite gerne davon, daß nicht bloß der Jesuitis| mus, sondern auch die Demagogie, die selbst vor der Anarchie nicht zurückbebe, die Schweiz gefährde. Diese Behauptung ehrlich genommen – sie ist aber unehrlich gemeint, denn sie soll den Jesuiten zum Blitzableiter dienen! – mag viel wahres enthalten. Ich glaube aber der Canton Zürich wirke gemäß seiner gegenwärtigen Politik diesen beiden Gefahren wirklich entgegen – & es scheint mir, daß gerade darin der Talismann des wieder gewonnenen Einflusses von Zürich, der großen moralischen Kraft, die Zürich in diesem Augenblicke unzweifelhaft besitzt, zu suchen ist. Es hat allerdings dem Ultramontanismus gegenüber eine feste entschiedene Stellung eingenommen: aber eine nicht minder energische Haltung hat es auch dem Freischaarenwesen gegenüber beobachtet. Obgleich an Luzern angrenzend hat es sich dennoch nicht für Theilnahme an dem Freischaarenzuge hinreißen lassen. Die liberale Partei namentlich hat das Verdienst, das Volk im Zaume gehalten zu haben. Schon an der denkwürdigen Volksversammlung in Unterstraß haben die Führer der Liberalen sich aufs entschiedenste gegen Freischaarenzüge ausgesprochen. Der gr. Rath hat einstimmig dagegen instruirt. Wie also unsere Conservativen uns Liberalen vorwerfen wollen, daß wir einseitig bloß einer Gefahr entgegentreten, so fällt dieser Vorwurf auf die zurück, die ihn machen. Einseitig handeln die, welche gegen die sogenannte Anarchie alles, gegen die Jesuiterei nichts unternehmen wollen nicht aber die, welche gegen beide Gefahren energische Maaß| regeln ergreifen.

Verzeihen Sie mir, wenn ich Ihnen zu weitläufig geworden. Ich war es, weil ich weiß, daß namentlich die östliche liberale Schweiz mit Interesse die Zürcherschen Zustände verfolgt. Verzeihen Sie mir ferner die Mühe, die das in meinem Briefe enthaltene Ansinnen Ihnen verursachen dürfte. Vielleicht entschuldigen Sie mich mit dem Eifer für uns gemeinsame Interessen!

Ich bedaure aufrichtig, daß Sie nicht auf die Tagsatzung9 kommen wollten & mich so der Gelegenheit beraubten, die Bekanntschaft mit Ihnen, die mir so sehr am Herzen liegt, zu erneuern. Genehmigen Sie den Ausdruck meiner ausgezeichneten Hochachtung & freundschaftlichen Ergebenheit.

Dr A Escher.

Belvoir bei Zürich.
29ten Juni 1845.

Kommentareinträge

1 Jakob Robert Steiger wurde wegen seiner Beteiligung an den Freischarenzügen im Luzerner Kesselturm eingekerkert und zum Tode verurteilt. In der Nacht vom 19. auf den 20. Juni 1845 wurde er von den Luzerner «Landjägern» (Polizisten) Melchior Kaufmann (1788–1874), Ludwig Hofmann (geb. ca. 1819) und Joseph Birrer (1807–1864) aus dem Gefängnis befreit und nach Zürich in Sicherheit gebracht. Vgl. NZZ, 22. Juni 1897, 23. Juni 1897; Leuthy, Freischaarenzug, S. 262–270; Brändli, Jakob Robert Steiger, S. 97–105; Heer/Binder, Sonderbund, S. 105–111.

2 Robert Kälin (1808–1866), radikal-liberaler katholischer Pfarrer in Zürich, Verwalter der für die Opfer des Freischarenzuges gesammelten Gelder.

3Der Zürcher Grosse Rat tagte vom 24. bis zum 26. Juni 1845. Die Radikal-Liberalen dominierten den Grossen Rat, was sich vor allem in den Instruktionsanträgen für die Tagsatzung zeigte, die vorwiegend in ihrem Sinne ausfielen. Vgl. Verhandlungen Grosser Rat ZH 1845, S. 89–100.

4 Johann Caspar Bluntschli (1808–1881), ordentlicher Professor für römisches, deutsches und schweizerisches Recht an der Universität Zürich und Grossratspräsident (ZH).

5 Heinrich Gysi (1803–1878), Grossrat (ZH) und Zürcher Stadtschreiber.

6 Heinrich Mousson (1803–1869), Regierungs- und Grossrat (ZH).

7 Friedrich Rohmer (1814–1856), deutscher politischer Philosoph.

8Firnis: Schutzanstrich.

9Die ausserordentliche Tagsatzung fand vom 24. Februar bis zum 22. April 1845 in Zürich statt.