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AES B4634 | StAZH W I 35 R 7 (Abschrift)

In: Jung/Fischer, Escher Briefe, Band 2, Nr. 42 | Gagliardi, Escher, S. 45 (auszugsweise)

Alfred Escher an Centralausschuss des Zofingervereins, Zürich, Dienstag, [28. Januar 1840]

Schlagwörter: Bildungswesen, Rechtliches, Turnen und Sport, Turnfeste, Universität Zürich, Universitäten und Hochschulen (diverse), Zofingerverein (Studentenverbindung)

Briefe

Die Zürcher Sect. ds Zof.Ver. dem Centralausschuß dieser herzliche Gruß!1

Liebe Freunde!

Bald ist der 4te Monat dss Zof.jahres verstrichen, und erst jetzt habt Ihr es uns möglich gemacht, auf Euer Begrüßungsschreiben2 an die Sectionen zu antworten, dessen langes Ausbleiben uns bald auf die Vermuthg gebracht hätte, auch wir hätten uns nach einem moral. Vororte umzusehen, wie man dieß in größern Kreisen unsers Vaterlandes zu thun versucht ist. Wir sehen Euch lächeln und denken, wir hätten gewiß nicht übel Lust gehabt, den moral. Vorort zu spielen, und ich stehe keinen Augenblick an, Euch diese Frage zu bejahen; denn wir können uns dieses Lächeln nur als ein Lächeln der Freude darüber erklären, unsere Sect., die am Ende ds letzten Zof.jahres allen Grund zu größter Bescheidenheit & Demut hatte, wieder an Lebenskraft gewonnen hat, und daher stolzer ihr Haupt erheben kann. Aber, liebe Freunde!, Alles in der Welt ist relativ und so auch unser Stolz in der gegenwärtigen Zeit, und es wäre uns ein Zustand ds Zof.Ver. durchaus nicht undenkbar, da wir, auch wie wir jetzt sind, unser Haupt senken und uns schämen müßten. Also, Ihr habt uns geschrieben, und wir wünschen nur, daß Ihr uns fürder recht häufig beweiset, daß Ihr nicht bloß der faktische, sondern auch der moral. Vorort seid.

Euer Brief enthält Anfragen & Ermahnungen. Wir treten vorerst kurz auf die letztern ein. Ihr haltet dafür, es sei langweilig & unerquicklich, wenn die Correspondz immer & immer nur von den Zwecken unsers Vereins rede & nicht von den unzähligen Gegenständen voll allgemein menschlichen & nationalen Interesse's, die sich unserm Nachdenken täglich aufdrängen, & zu denen es auch vollkommen reif genug sei. Darin, l. F., stimmen wir vollkommen mit Euch überein, so sehr, wir dsr Ermahng nicht einmal mehr zu bedürfen glauben, denn unsere Briefe haben in letzter Zeit diesen eintönigen und ererbten Charakter größtentheils abgelegt. Und was ich von den Br. h behaupte, gilt auch vollkommen von den Arbeiten, die im Laufe dss Zof. | Jahres in den Schooß unsers Vereines niedergelegt wurden. – Nicht, ich glaube, es sei nun ein für allemal genug über den Zweck ds Zof.Vers gesprochen worden; denn auf der einen Seite ist der Zof.Ver. beständig ein hinsichtlich seiner Mitglieder sich erneuernder, so daß man, wenn auch die Zeitgenossen in demselben von einer Wahrheit überzeugt worden sind, darum nicht glauben darf, das auf sie folgende Zeitalter – wenn ich mich so ausdrücken darf – werde diese Ueberzeugung von vorn herein auch theilen. Die Zwecke ds Z.V. & die Art ihrer Anstrebung sind nicht so obenhin und im Allgemeinen zu nehmen, wie die anzunehmen scheinen, welche von der Möglichkeit eines ein für alle mal festzustellenden Zof.lebens reden. Auf der andern Seite aber ist es oft nöthig, von den Zwecken ds Z.V. zu reden, um an den Ernst der Pflichten zu erinnern, welche uns ihre Anstrebung auflegt, und im Hinblick darauf wären wir in letzter Zeit Euch, liebe Frde, gegenüber, bald veranlaßt worden, von den Zwecken unsers Bundes zu reden. Euer Brief hat dieß unnöthig gemacht. Wie Ihr an uns Ermahnungen in Betreff der Correspondz ergehen ließet, so möchten wir dieß auch Euch gegenüber thun. Eure Stellung zum Bunde ist eine schöne und kann eine sehr erfolgreiche sein. Als der sicherste Weg hiezu erscheint uns, daß Ihr Euch nicht bloß reflectirend, belobend od. tadelnd, dem Bunde gegenüber verhaltet, daß Ihr mit andern Worten eben nicht bloß davon redet, wie es sein sollte und könnte, was das eigentliche und wahre Wesen des Vereines, oder am Ende doch wieder sein wirklicher Zweck wäre, sondern daß Ihr vor Allem aufbiethet, dafür zu sorgen, daß es so sei und werde, wie es sein soll, und Euch, wenn es nicht so ist, nicht minder anklagt, als die andern Glieder unsers Bundes. Niemand ist so sehr befähigt, wie Ihr, auf die gesunde Thätigkeit, auf das.....leben ds ganzen Bundes einzuwirken. Euch kommen aus allen Sectionen Berichte über diejen. Fragen zu, welche am meisten geeignet waren, die Thlnhme ihrer Glieder in Anspruch zu nehmen und zu beschäftigen; Ihr erfahret es, wie diese Fragen sie beschäftigt, zu welchem Resultate sie gekommen. Wie lohnend wird es nun für Euch sein, wie ersprießlich für das ganze Bundesleben, wenn Ihr es Euch zur Pflicht macht, diese Gegenstände, welchen jede Section besondere Theilnahme geschenkt, allen andern Sectionen mitzutheilen, und sie zu gegenseitigem Ideenaustausche über diese Gegenstände aufzufordern. So könnte man dann einmal mit Recht sagen, es bestehe eine enge Verbindung zwischen den Sectionen, und die Correspondenz zwischen denselben müßte auch einen ungleich lebhaftern und eingreifendern Charakter gewinnen. Saget mir nicht, die Circularschreiben genügten bereits diesem Bedürfnisse. Ihre Vfssr können bei weitem nicht so rüstig sein, wie der Centralausschuß es sein muß; sie haben bei weitem nicht so viel Material vor sich, um v. Monat zu Monat eine Übersicht über das gesammte Bundesleben der Sectionen mitzutheilen als der Centralausschuß. Scheint Euch aber die Thätigkt der Sectionen überall oder an den meisten Orten unerquicklich und unfruchtbar, wohlan, Freunde, dann stellt Euer Licht auf den Scheffel, dann zeigt Euch als die Spitze & das Haupt des Bundes, dann öffnet Ihr dem Vereine frische Quellen, aus denen er sich neues Leben erholen kann und fürchtet Euch nicht vor Überschwemmungen dieser Art. | Beklagt Euch also nicht über das auf Euch lastende Formenwesen, denn in Eurer Hand liegt es, Euch und dem ganzen Bunde zum Segen, den Geist hereinzugießen. Aber allein und ununterstützt seid Ihr das nicht im Stande. Das einzusehen sind wir billig genug. Daher versprechen wir Euch unsern lebhaften Beistand. An Nachrichten aus unsrer Section soll es Euch nicht fehlen, denn wir hoffen und erwarten, die Schreiben an den Centralausschuß werden fürder zu mehr als zu einer trockenen Zahlenangabe ihrer Quantitæt in der Eröffngsrede des Bundespräsidenten am Feste nütze sein. Doch jetzt auch genug der Entschließungen & Ermahnungen! Nun zu den Leistungen! Also die Beantwortung der in Euerm Briefe enthaltenen Anfragen.

Unsre Sect. ht in dsm Zof.jahre noch nicht an Extensität wohl aber an Intens. gewonnen d. h. es sind ungefähr so viele Glieder ausgetreten, wie eingetreten sind. Dagegen haben wir wenigstens an einem der Eingetretenen, die alle schon früher Mitglied des Bundes waren, und von Deutschen Universitäten zurückgekehrt sind, nämlich an unserm Blumer eines der thätigsten Bundesglieder gewonnen. Sehr zu bedauern ist es, mehrere der wieder Eingetretenen unserm Vereine nicht das geworden sind, was man von Ihnen erwartet hatte, ja, daß besonders Einer gänzliche Theilnahmlosigkeit beweist, und sich dem Bunde gegenüber nicht einmal zu einer Erklärg ss sonderbaren Benehmens verpflichtet glaubt.3 Gegenwärtig haben wir einen Candidaten in unsrer Mitte, seit langem der erste, während vor kaum 2 Jahren selten eine Vereinssitzung verstrich, ohne daß Candidaten zur Aufnahme in den Bund angemeldet wurden. Es ist dieß ein Umstd, auf den unsre Sect. ihre volle Aufmerksamk. zu richten hat. Der gesunkene Zustand unsrer Section mag ihn zum Thl veranlaßt hben; diese Wunde wäre also wieder heilbar.

Daneben aber hat der Beschluß der Schulbehörden unsers Gymnasiums, nachdem es allen Angehör. dieses untersagt wurde, Mitglied des Z.V. zu sein, wesentlich dazu beigetragen. Es ist dieser ihr Schritt nicht aus Abneigung gegen den Z.V., sondern aus dem Bestreben zu erklären, die Gymnasiasten so wenig als möglich an den Umgang mit Studenten zu gewöhnen. Wenn auf der einen Seite durchaus nicht in Abrede zu stellen ist, daß aus dieser Vermischung etwa einmal bei einzelnen Gymnasiasten ein zu burschikoser Geist entstehen kann, so scheint mir auf der andern Seite auch von dem Standpunkt des für das Wohl seines Pflegeanbefohlenen wirklich besorgten Lehrers aus die Thatsache der Beachtung nicht unwerth, daß nun weit weniger Zöglinge des Gymnas., nachdem sie dieses verlassen, dem Vereine beitreten als früher, da sie dem Gymnasium noch angehörend, Mitglieder unsers Bundes werden konnten. Die Vermuthung, daß unsre Sektion früher oder später sich genöthigt sehen könnte, insofern Schritte der Schulbehörde gegenüber Behufs Beschränkg oder Aufhebung ihres Beschlusses zu thun, ist mir eine nicht sehr ferne liegende. |

Was nun den Zustand des Bundes in dem Umfange, den er nun einmal gegenwärtig hat, anbetrifft, so strengen sich mehrere einzelne Glieder unserer Sektion, unter denen ich namentlich Blumer & Fries4 nenne, auf eine höchst anerkennenswerthe Weise an, den geistigen Gehalt der Vereinsthätigkeit höher zu stellen, & es ist wirklich bisher kaum eine Sektionssitzung verstrichen, ohne daß Arbeiten, welche verdienten, das Intresse des ganzen Vereines in Anspruch zu nehmen & immer einen sehr willkommenen Mittelpunkt der Vereins-Abende bilden, vorgelegen hätten. Die Tagesordnungen unserer Sitzungen sind reichhaltig, die Vereinsblätter gewöhnlich auch fleißig ausgestattet. – Was uns allein fehlt, ist eben die allgemeine Theilnahme aller Vereinsglieder an dem Schicksale unserer Sektion. Wir fordern durchaus nicht von jedem produktive Thätigkeit, aber wir würden wünschen, gewöhnlich mehr als die Hälfte der Vereinsglieder in den Sitzungen zu sehen; wir würden wünschen, unter den Anwesenden mehr Empfänglichkeit für die Lebensfragen des Vereins, mehr schaffende Theilnahme an den Erzeugnissen des Organs unsers Bundes entdecken zu können; wir würden gern in Collegien, auf der Straße, & in den Kneipen viel vom Z.V. reden hören, wir nähmen mit Einem Worte gerne mehr allgemeine Begeisterung wahr. Doch denen dieses fehlt, können wir dieß nicht allein zur Last legen. Der Verein, wie er im letzten Zof. Jahre geworden war, mußte die Regsamkeit lähmen, das Feuer ersticken & es gibt immer genug solche, welche nicht ihr eigenes Licht leuchten lassen wollen oder können vor den Menschen. Und die Nachwehen unserer Erschlaffung haben wir jezt noch zu tragen. Aber wenn uns jezt schon die Gegenwart freundlicher lacht, so kann & soll sie eine noch freundlichere Zukunft schaffen. Es kann nicht anders sein, denn die Nerven des Vereins fangen wieder an sich zu spannen, man kann wieder von einem Bundesleben reden. Worin sich aber diese erneute Spannkraft kund gethan, will ich Euch nun, von den Beschäft. unserer Sektion in diesem Zof. Jahre redend, melden. – Eine Frage der Zeit ist es geworden, in wiefern Politik Gegenstand der Thätigkeit des Z.V. werden könne. Schon gegen das Ende des letzten Zofingerjahres war diese Frage von mir in einem Freibriefe5 nach Bern angeregt worden. Ich hatte darin das Kannegießern über Tagespolitik von vorn herein ausgeschlossen, aber behauptet, die polit. Richtg müsse wie jede andere im Schooße des Z.V., der eben in der Bildung der Individual. seiner Mitglieder seine Hauptbedeutg hat, entwickelt werden. Ich erblickte darin das einzige Mittel, um die betrübende Erfahrg nicht zur Gewohnheit werden zu lassen, daß Zofinger Freunde außer dem Bunde die ärgsten Feinde & so die Zwecke des Vereins ganz verfehlt werden. Ohne offenen Ideenaustausch über polit. Dinge konnte ich mir keine wahre Freundschaft unter den Zofingern denken, Gleichgültigk. für den polit. Zustand des Vaterlandes & eine gegenseitig | zu beobachtende aufgedrungene Indifferenz für denselben schien mir die Negation der so oft erwähnten Vaterlandsliebe zu sein, & vollkommen unatürlich kam es mir vor, daß unser Alter, das sich sonst an die höchsten göttlichen & menschlichen Dinge wagen soll & wagt, der Politik gänzlich fremd, & nicht wie zu allen andern Bestrebungen des Lebens, so auch zu der politischen Richtg eine auf reifes Nachdenken & offenen IdeenAustausch mit vielen Freunden fußende Grundlage zu legen hätte. Diese scheint mir gerade in der Art in einer Zeit gelegt werden zu müssen, wo Stellensucht & persönl. Intressen der Art noch ganz außer dem Spiele bleiben; & nur in sofern kann jener zum Bestehen eines Freistaates unentbehrliche Zustand, wo eine Ansicht die andern zu achten weiß, möglich gemacht werden. Ich darf wohl sagen, daß unsere ganze Sektion diese Meinung theilt, sobald eben, was eigentlich nie bestritten wurde, festgehalten wird, daß es sich durchaus nicht darum handelt, daß jedes Glied des Z.V. oder gar dieser als solcher eine fertige polit. Ansicht zur Schau tragen soll, sondern daß es sich eben immer nur um die Schöpfung einer Zukunft handelt. Man hat bisweilen schon gesagt, man sehe schon daraus, daß bisanhin noch keine politischen Aufsätze im Z.V. vorgekommen, wie wenig diese möglich seien. Bei dieser Bemerkung ist aber nur das zu abstrahiren, daß die Themata eben besonders nach den Grenzen, die man der Politik gesteckt, keine leichten seien & daß eben Arbeiten der Art das Nachdenken vieler Wochen in Anspruch nehmen können. Ein Aufsatz zum Theil politischer Art wurde uns übrigens von Blumer unter dem Titel: «über die Lage und Weltstellung der Schweiz & die Beziehung unsers Vereines auf dieselbe» bereits vorgelegt.6 Vorerst hob er die Vorzüge der Schweiz hinsichtlich ihrer geograph. Lage, der Beschaffenh. des Landes & des Volkscharakters hervor & würdigte besond. den letztern mit Berücksichtigung der erfreulichen Anlagen, die unserm Volke zukommen & der schönen Blüthen, die sich schon aus ihm entfaltet. Gerade durch das Zusammentreffen so verschiedenartiger Eigenthümlichkeiten werden manche Einseitigkeiten, die sich anderswo finden, vermieden, dagegen Vorzüge, die sonst nur zerstreut vorkommen, vereinigt. Die reiche Mannigfaltigkeit, welche die Vergleichg der verschiedenen Theile mit Beziehg auf Sprache, Sitten, Recht etc. darbietet, ist ein intressanter Vorzug der Schweiz vor den andern Ländern, zugleich aber auch die Quelle der unseligen Zersplitterg, die uns schwächt & hindert, unter den übrigen Völkern diejenige Stellung einzunehmen, zu der uns jene natürlichen Anlagen berechtigen würden. Blumer weist dann im Einzelnen die überall nur zu fühlbaren Mängel an Einheit und Centralität nach & erwähnt besonders die Wissenschaft, Kunst gemeinnützige Anstalten, Zoll- & Münzwesen, Verkehr & Niederlassung, vor Allem aber die Bundesverfassung, als die traurigen | Spuren & Folgen dieser Zersplitterung an sich tragend. Diese Mängel stellen unser Vaterland dem geringschätzigen Urtheile des Auslandes bloß. Wenn uns also unsere gegenwärtigen Zustände nur betrüben können, so verzweifelt doch ein guter Zofinger nicht an der Zukunft des Vaterlandes; denn unser Verein bezweckt gerade, was uns mangelt: größere Einheit & auch der nüchternste Verstand muß die Art, wie er nach seinen Kräften unserm Zwecke entgegenarbeitet, billigen. – Ein anderer Gegenstand, der fortwährend noch ds. Interesse des Vereins in Anspruch nimmt, ist die Frage der eidgenössischen Hochschule. Durch die von Fries in Zofingen gehaltene Rede7 veranlaßt, u. theilweise im Gegensatze mit ihr hatte ich in einem längeren Aufsatze versucht, die schweizerische Nationalität u. die Eidgenössische Hochschule als eine schon gewordene nachzuweisen. Die Nationalität ist mir eine schon gewordene, weil sie nöthig ist, um die Nation zu erzeugen. Die Natur unseres Vaterlandes u. der wohl auch als Ausfluss dieser in unserm Vaterlande angestammt gewordene Freiheitssinn sind die Elemente wahrer Nationalität u. diese Elemente gehören der Vergangenheit ebenso sehr, als der Gegenwart an. Geschichte u. Sitte sind n. ein Element, sondern bloss eine Äusserungsweise der Nationalität. Wenn sich die Schweiz im Laufe der Zeit vergrössert hat, so schlossen sich die neu hinzu tretenden Theile an die Schweiz an eben um Schweizer zu sein u. n. etwas anderes zu werden. Daher sind jene vagen Ideen von einer aus gegenwärtig noch widerstrebenden Elementen in unserem Vaterlande nun ansteigenden Nationalität ebenso unklar als verwerflich u. durch die täglich unter einzelnen Individuen zur Erscheinung kommende Thatsache, dß. Feuereifer & kalt berechnender Verstand, Inteligenz & Beschränktheit, Phlegma & Regsamkeit zu denselben Resultaten gelangen, zu wiederlegen. Die Eidgenössische Hochschule ist mir eine theilweise schon gewordene, weil ich n. glaube, dß. die Idee einer Schweizerischen Universität bloss in einer Hochschule verwirklicht werden könne. Die Stellung der Schweiz ist in neuerer Zeit eine ganz andere geworden. Das Faustrecht würde jezt gegen uns entscheiden u. mit der Einfalt der Sitten u. unbedingter Passivität in Beziehung auf alle Welthändel ist es auch n. mehr gethan. Unser Vaterland kann gegenwärtig nur auf dem Gebiete der Intelligenz eine ehrenvolle u. unabhängige Stellung einnehmen. Auf diesem Felde kann sie aktiv auftreten, u. aktiv muss sie sein, wenn sie anders selbstständig sein will. Diess haben die regenerirten Kantone der Schweiz erkannt u. die Folge dieser Erkenntniss war neben vielen andern Schöpfungen auch die Hebung des Volksschulwesens u. die Stiftung der Universitäten Zürich u Bern. Sehr nahe liegt es aber, diese Stiftungen mit dem mehr auf Centralität | im Vaterlande gerichteten Geiste, der Bern eigenthümlich ist, u. Zürich eigenthümlich war, in Verbindung zu bringen u. zwar um so eher, als alle für die ganze Schweiz bedeutenderen Schöpfungen der neueren Zeit aus dem kantonalen Leben entsteigen mussten u. n. aus dem Bundesleben entsteigen konnten. Erkennen wir daher in den Hochschulen von Bern u. Zürich die Keime der eidgenössischen Universität u. anerkennen wir die Verpflichtung diese Keime zu warten, statt sie durch ohnmächtige Klagen über ihre Unzureichenheit u. unthätiges Festhalten an eitlen Hoffnungen zu ersticken! – So weit mein Aufsatz, auf den Fries wieder zu repliciren sich vorgenommen hat. In der Hauptsache stimmt er, wie ich glaube, mit mir überein, sieht aber die vaterländische Geschichte als Element unserer Nationalität an. Ueber seine Arbeiten in einem folgenden Briefe! – Endlich habe ich noch einen Aufsatz von Blumer über die Philosophie des Rechtes zu erwähnen, der vollkommen zu beweisen im Stande war, wie man die Resultate von Fachstudien für d. Angehörigen aller Fakultäten geniessbar machen könne, u. somit die Entschuldigungen derer, welche ihre Unthätigkeit im Verein damit erklären, sie eher zu Arbeiten in ihrem speziellem Fache geeignet seien, als ungegründet zu betrachten sind. Blumer bekämpfte in dsm. Aufsatze die Ansicht der histor. Schule, ds. Recht sich nur als eine Seit des geschichtlichen Lebens der Völker betrachten lasse; das Recht unterscheidet sich nach dsr. Arbeit von Sprache u Sitten, den unmittelbarsten Ausdruksweisen dr Nationalität dadurch, dß. sein Stoff n. wie bei diesen ein an u. für sich gleichgültiger, sondern vielmehr ein dem Denken anheimfallender ist. Wie jeder sich herausnimmt, die Vernünftigkeit eines Rechtsinstitutes an sich zu prüfen u zu beurtheilen, so muss sich auch ein Rechtssistem aus der Vernunft entwiklen lassen, ds. aber freilich mit den Grundzügen ds positiven in die wirkliche Erscheinung getretenen Rechtes übereinstimmen wird. – Was unsere Correspondz. betrifft, so ist dse bis anhin n. besonders lebhaft, wovon ihr Genfer am besten zu erzählen wissen werdet, geführt worden. | Ich erwähne bei Anlass dsr ein Thema, das Fries den Bernern zur Correspondz. vorgeschlagen, nämlich Berichte über d Berner u. Zürcher Universität; der Z.V. könnte n. leicht einen würdigern u. für seine meisten Mitgldr. neuern Gegenstand besprechen, als diesen; denn zu unserer Schande müssen wir uns gestehen, wir die fremden Bildungsanstalten fast besser kennen, als d vaterländischen. – Die zweiten Akte fangen an lebhafter zu werden, u. überhaupt gewinnt d. Idee, eine unserm Alter & dem Studentenleben angemessene Fröhlichkeit n. von vornherein als mit den Zweken des Z.V. als unverträglich anzusehen sei, ja dss. gerade durch d Aufnahme dss natürlichen Elementes in d. Schooss ds. Z.V. dsr. extensiv u. intensiv gewinnen könne, immer mehr Eingang. Diess ist unser Leben u Treiben im Innern unserer Sektion; nur noch einige Worte über unsere Unterhandlungen mit Aarau u Luzern. Mehr im Anfange dss. Z. Jahres hatten wir ein Schreiben an Aarau abgehen lassen, um d. dortige Canditatensektion dazu zu vermögen, sich in ein lojaleres Verhältniss zu den Schulbehörden zu setzen, u. um sie zugleich zu ermahnen, sich drch. keine äussern Hindernisse, so lange dse ihre Existenz n. geradezu unmöglich machen, an ihrer Zofingertreue abwendig machen zu lassen. Die kurze Antwort, die wir auf dsn Brief erhielten, war, dss sich d Sektion bereits aufgelöst. Eines unserer Sektionsglieder8, das sich in den Weihnachtsferien längere Zeit in Aarau aufhielt, berichtete uns, d. Persönlichkeiten, welche d. Sektion ausmachten, wirklich n. geeignet sein könnten, d. Schulbehörden dem Z.V. geneigt zu machen u. überdiess scheine der Eifer unter d. Sektionsgliedern selbst sehr erkaltet. Wir überzeugten uns nun davon, es unter den obwaltenden Umständen am besten sei, eine bessere Zukunft zu erwarten, u. allfällige Schritte gegen d Schulbehörden von Aarau auf eine Zeit zu versparen, da eine kräftigere Schaar dem Z.V. beizutreten sich geneigt zeige, u. zugleich auch den Schulbehörden bessere Garantieen zu geben im Stande seien.9 |

In Beziehung auf Luzern war unser eifriges Bestreben dahin gerichtet, den Aufträgen, welche uns an der Festversammlung geworden, nachzukommen. Wir wandten uns gleich im Anfang des lezten Z. Jahres an den philosophischen Verein in Luzern u. luden sie zum Beitritte in den Z.V. ein; ein Jesuitenschüler, der damals dsm Vereine noch angehörte, wußte aber die Mehrzahl dss. vom Z.V. abwendig zu machen, so mit 17 gegen 9 Stimmen eine abschlägige Antwort unter schönen Ausflüchten u. unter Angabe von Scheingründen ertheilt wurde. Die Minderheit des philosphsch. Vereines wäre bereit gewesen, für sich eine Z. Sektion zu stiften; man befürchtete aber allzu grosse Spaltung unter den Studirenden u. nachtheilige Einflüsse auf ds. bevorstehende Turnfest in Luzern. Man beschloss also die gegen d. Anschluss an d.Z.V. geäusserten Gründe in einem neuen Schreiben an d. Luzerner Philosophen-Verein zu widerlegen, zugleich aber diesen, indem mittlerweile drch. den Austritt jenes Jesuitenschülers über die Mehrheit für d. Z.V. gestimmt worden war, zu einer Zusammenkunft mit unserer Sektion nach Zug einzuladen; denn allgemein wurde ds. Bedürfniss gefühlt, behufs der Beantwortung der Frage: ob es gerathener sei, jezt schon, oder erst nach den heilsamen Einflüssen ds Turnfestes, eine Sektion in Luzern hervorzurufen, genauer mit den in Luzern obschwebenden Verhältnissen vertraut zu sein. Schon war dse Zusammenkunft auf den 26 Januar so viel, als verabredet, als d Luzerner sich veranlasst fanden, dse. Zusammenkunft in d März hinauszuschieben.10

Da hast Du denn lieber Centralausschuss unsere Lebensgeschichte seit wir Dich gesehen, wir versprechen Dir eine gewissenhafte Fortsetzung derselben, wenn Du uns beweisest, dss Du Dich um unser Leben bekümmerst. Die Länge dsr. Epistel mag Dir beweisen, dß. wir dse. bei Dir voraussetzen. Es grüßt Dich treulich

Die Sektion in Zürich:

Alfred Escher.11

Kommentareinträge

1Die Abfassung dieses Briefs wird im Protokoll der Zürcher Sektion vom 28. Januar 1840 erwähnt. Vgl. Prot. Zof.-Ver. Sekt. ZH, 28. Januar 1840.

2 Vgl. Brief CA Zof.-Ver. an Zof.-Ver. Sekt. ZH, 16. Januar 1840 (StAZH W I 35 R 39).

3Diese Anspielung galt Friedrich von Wyss. Der konservative von Wyss konnte sich mit der radikal-liberalen Prägung im Zofingerverein unter Eschers Präsidium nicht identifizieren. Er erklärte im Februar 1840 seinen Austritt. Vgl. Prot. Zof.-Ver. Sekt. ZH, 4. Februar 1840; Jahresbericht Zof.-Ver. Sekt. ZH 1839/40, S. 30–31; Wyss, Erinnerungen, S. 96–97.

4 David Fries (1818–1875), von Zürich, Theologiestudent. Alfred Escher an Jakob Escher, 19. August 1838, Fussnote 5.

5 Vgl. Alfred Escher an Sektion Bern des Zofingervereins, [ 30 . Juli 1839 ?].

6 Vgl. Prot. Zof.-Ver. Sekt. ZH, 17. Dezember 1839.

7 Vgl. Fries, Hochschule.

8 Ludwig Meyer (1819–1869), von Weiningen, Theologiestudent. Alfred Escher an Jakob Escher, 7. Mai 1838, Fussnote 38.

9 Vgl. Jahresbericht Zof.-Ver. Sekt. ZH 1839/40, S. 3–5; Prot. Zof.-Ver. Sekt. ZH, 20. Dezember 1839; Beringer, Zofingerverein II, S. 150–151.

10 Vgl. Jahresbericht Zof.-Ver. Sekt. ZH 1839/40, S. 5–8; Prot. Zof.-Ver. Sekt. ZH, 20. Dezember 1839, Beringer, Zofingerverein II, S. 215–217.

11Brieftext und Namensnennung von dritter Hand.

Kontexte

  • Alfred Escher
  • Centralausschuss des Zofingervereins