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AES B4632 | StAZH W I 35 R 7 (Abschrift)

Alfred Escher an Sektion Bern des Zofingervereins, s.l., Dienstag, [30. Juli 1839?]

Schlagwörter: Freundschaften, Zofingerverein (Studentenverbindung)

Freibrief an die Bernersection.

Empfanget vor Allem, theure Freunde in Bern! meine herzliche Begrüßung nach meinem Wie-dereintritt in uns. Bund und die Versicherung, daß mir derselbe nach genauer Vergleichung seines We-sens und s. Tendenzen mit denen anderer Studentenverbindungen außer dem Vaterlande nur theurer geworden ist. Ich vermeide es, diese Vergleichung jetzt schon weiter auszuführen und verspare dies auf eine Zeit, da ich die gegenwärtigen Verhältnisse des Z.V. die sich jedenfalls, seit ich mich von diesem getrennt, sehr verändert haben, mit mehr Sachkenntnisß beurtheilen kann. Bloß über Einen Punct, der meine Aufmerksamkeit früher schon in Anspruch genommen hat, und der, so lange der Z.V. besteht, mag er nun diese od. jene Gestalt angenommen haben, nicht verschieden angesehen werden kann, will ich Euch diesmal meine Gedanken mittheilen.

Man hat es immer als eine unumstößliche Wahrheit aufstellen hören, dß. Politik dem Z.V. fremd bleiben müsse. Man nahm dies so von vornherein an und wohl und wohl nur wenige machten es sich klar, wie viele Formen und Farben dieser vielgestaltige Ausdruck in sich fasse. Politik, dachte man gewiß, ist jenes vielgestaltige Ungeheu-er der Zwietracht, das auch nur zu erscheinen braucht, um Alles zu entzweien, sie ist jenes eitle und zänkische Geschwätz, das uns in Zeitungen &. Flugschriften so oft ärgert und anekelt, jene leere Zungendrescherey über oft unwesentliche Dinge die nur in so fern eine gewisse Bedeutg. erlangen, als sie der Ehre gewürdigt werden, Gegenstand eines Parteikampfes zu sein. Sie ist aber nicht bloß alles dieses, sondern auch die Zerstörerin treuer Freundschaft, die Quelle blinder Zwie-tracht im häuslichen Kreise und die natürliche &. nothwendige Feindin der Ve-reinigung aller Kräfte zum gemeinsamen Wirken für das Vaterland. Halt. wir, fuhr man dann fort, dieses Ungeheuer von uns ferne, so lange es möglich ist, und so soll es namtl. dem Z.V. fremd bleiben, mit dessen Bestreben die Politik nichts gemein hat. Reißt dann im spätern Leben die unerbittliche Eris den Zof. vom Herzen des Zof. Bruders, traurig genug! aber nicht zu vermeiden! Aber wenn es einmal geschehen muß, so geschehe es doch so spät als möglich! – Wer würde nicht wünschen, dß. es nie geschehen müßte? Gewiß der, welcher die Po-litik nicht aus dem Z.V. verbannt wissen will! Was ist es, fragt ihr, das die Zoff. zu ihrem Bunde zusammengeführt hat? Ist es nicht Vaterlandsliebe? | Dieses herrliche Wort wird aber in uns. Mitte so weit mißbraucht, dß. es als Grund für oder gegen die Aufnahme eines Schweizerjünglings in unsern Bund gilt, es muß so oft herhalten, wenn andere Ausdrücke mangeln oder wenn ein Verfolg-ter, dem sein Verfolger gerne einmal ins Angesicht schauen würde, in die weite Ebene der Allgemeinheit zu entfliehen sucht. Also Vaterlandsliebe hat uns zus. geführt, etwa nur die, welche in dem bloßen Gefühle, in dem in die vaterländische Natur aufgelösten Gemüthe zu suchen ist? Bedarf es denn einer Vereinigung wie die unsrige ist, um beim Anblicke unserer Gletscher und Seen in Entzücken zu gerathen? Hat die gute Mutter Natur nicht jeden von uns für sich das Schöne, das sie in seiner schönsten Reinheit und für jeden unmittelbar zugäng-lich vor uns entfaltet hat, lieben, nach demselben streben und, wenn wir es er-rungen haben, ihm treu sein gelehrt? Daß diese Vaterlandsliebe erregt werde, darf also nicht Sorge unsers Ver. sein. Aber was ist denn unserm Vaterlande ferner eigenthümlich, das uns theuer sein könnte? Ist es unsere Freiheit und jener Geist, der weder zu glauben noch zu wollen gezwungen ist, jenes rastlos schaffende Sichbewegen, das allein sich Ziel und Grenze zu setzen hat, jene ausschließliche Herrschaft des Verdienstes, die unerläßliche Bedingung voll-ständiger Anerkennung der Menschenwürde? Das, fühlen wir, sind unse-re Vorzüge, die uns glücklich, vor vielen Völkern uns glücklich zu machen vermögen. Das fühlen wir und haben wir wohl bisanhin gefühlt, wir sollten es aber auch wissen. Wir sollen uns nicht bloß unserer Freiheit freuen, wie An-dere uns dafür beneiden, wir sollen nicht bloß von der rastlosen Thätigkeit uns. Freistaates reden, die jeden ergreife und hinreiße, gerade wie wir sagen, es lie-ge in der Alleinherrschaft das Princip der Trägheit der Individuen für vaterld. Bestrebungen; wir sollen nicht bloß von dem einzigen Akt des Verdienstes reden, wie Andere den des Namens und des Geschlechtes anerkennen. Wir haben nicht Alles bloß zu nehmen, wie es ist, wir sind vielmehr vor vielen Völkern aus berufen zu fragen, warum es ist, ob es sein soll und sein kann. Da höre ich einen unter uns von Freiheit reden und es wolle etwas heißen, ein Schweizer zu sein. Glücklicher Weise kann dieser Ausdruck in verschiedenen Sinne genommen werden und so beruhigen sich denn auch diej. in uns. Mitte, die ihn vielleicht nur höchst beschränkt anerkennen wollen. Das beste ist – | und darüber sind Alle einig – daß man sich nicht darüber eingelassen und die An-sichten ausgetauscht hat, denn dies hätte ja Streit herbeiführen können und Streit um der Politik willen ist des Z.V. unwürdig. Was ist aber von einem solchen Waffenstillstand zu halten, von dieser drückenden Gewitterluft vor dem ausbrechenden Sturm? Es ist, dß. ich für einmal bloß der Ursache dieses ge-denke, ein unnatürliches, dem Wesen eines Zof. und den Anforderungen, die ich an ihn mache, widersprechendes Verhältniß. Es sollte dem Zof. nicht vergönnt sein, sich eine seiner wichtigsten Seiten, seine Stellung zum Staate, die was wohl zu be-achten ist, auch mit in seiner Hand liegt, auch mit sein Werk sein soll, unter denen und mit Hülfe derer sich klar zu machen, die sich anmaßen zu sagen und es schon lan-ge gesagt haben, es übe der Z.V. einen entscheidenden Einfluß auf die ganze Individualität des Jünglings aus? Lassen wir die Söhne anderer Völker ruhig die Hände in den Schooß legen; das Interesse, das der Staat für sie hat, gehört, wenn er überhaupt ein In-teresse für sie haben kann, völlig dem Mannesalter an. Das Schicksal und Dasein ihres Staates ist nicht jeden Augenblick in ihre Hand gegeben; aber wir sind dem Staate mehr schuldig als unser bischen auswendig gelerntes Wissen, den Schweiß uns. Stirne und die Arbeit uns. Hände. Auf uns. Schultern, auf eines jeden v. uns Schultern, ruht die Idee, das Prinzip, das innerste Wesen unsers Staates und so auch sein Dasein; bei einem jeden unter uns liegt mit die Entscheidung über sein Be-stehen od. Nichtbestehen in der Form, die er jetzt hat und auf die viele von uns stolz sein zu dürfen glauben; die Festigkeit uns. Freiheit, des Funda-ments des Freistaates beruht auf der Festigkeit der Überzeugung der Bürger von der Trefflichkeit dieses; und dß. wir eine solche Überzeug.haben und uns frei schaffen können, ist das schöne vorrecht eines Schwei-zers, sein Herzblut. Sollte der Z.V. dieses zu nähren, etwa nicht berufen sein? Aber diese Überzeug. zu gewinnen, ist der Zof. vielleicht noch zu jugendlich? ich sage, eine solche Überzeugung zu gewinnen und nicht, sie zu vollenden. Aber wie reimt sich dieser Einwurf damit, dß. wir in uns. Mitte urtheilen und entscheiden hören über das Wohl und Wehe menschl. Individualitäten und über uns. Pflichten als Mitglieder der menschl. Gesellschaft? Darüber zu reden halte wir uns nicht für unreif; im Gegen- | theil, es kömmt uns gewiß mit Recht vor, als wäre gerade in uns. Alter soviel schaffen-de Kraft und Bewegung, dß. wir es bei uns selbst nicht verantworten dürften, wenn wir sie nicht auf jene wichtigen Elemente uns. Daseins richten würden. Doch vergessen wir dabei nie, dß. sich keine unentwegliche Überzeugung denken läßt, sodaß wir zu fürchten hätten, einer voreilig gefaßten für unser ganzes Leben anheimfallen zu müssen; aber es scheint uns Pflicht an der Feststellung uns. Überzeugung in diesen Dingen so lange zu arbeiten und von der Zeit an, da wir die hohe Bedeutung derselben zu erfassen befähigt sind. Alle diese Gedanken, also gerade dieselben, die uns leiten in Beziehung auf die Beurtheilung unserer Stellung als Glieder der menschlichen Ge-sellschaft, wende ich auf unsere Stellung als Glieder unsers Staates an. Sobald wir befähigt sind, die Bedeutung dieses Verhältnisses zu erfassen – und man sollte dies von uns, die wir bereits meist Bürger des Staates geworden, erwarten dürfen – soll es uns nicht bloß erlaubt, sondern eher Pflicht und Herzensangelegenheit sein, uns eine Überzeugung, ein Bewußtsein von der Eigenthümlichkeit und den Vor-zügen unserer politischen Existenz und namentlich auch von der Wahrheit die-ser zu bilden. Verhehlen wir es uns nicht, dß. sich auch in unserer Mitte die verschiedenartigsten Ansichten über das wirkliche und wünschbare Wesen unsers Staates finden mögen, aber vergessen wir dabei auch nicht, daß wir voraussetzen dürfen, dß. sie alle aus reiner Absicht und edelm Bestreben entsprungen sind. Doch wir sollen nicht bloß diese mit einander gemein haben, wir sollen es eben nicht bloß mit einander fühlen, dß. wir es mit dem Vaterlande gut meinen. Wir sollen vielmehr wissen &. uns zum klaren Bewußtsein bringen, dß. unser Vaterland diese unsere Liebe verdient, dß. es uns nur in ds. seiner gegenwärt. Gestalt nur in einer andern theuer sein kann. Das ist mir die rechte Vaterlandsliebe würdig des freien Bürgers des freien Staates. Und auf ds. Puncte uns. Untersuchung wird es uns leicht klar werden, dß. ds. reinste Art der [Vld?] -liebe, wenn wir auf ihre Wirsamkeit sehen, unser ausschließl. Eigenthum &. ein schönes Vorrecht des Schweizers sein muß. Man hat oft gesagt, der Zof. müsse sich dem Zof. geben, wie er ist, ganz & gar &. ohne Hehl, dann sollen sich die Zoff. aber auch sagen, was sie vom Vaterland halten, | was sie vom Staate halten, sie sollen sich aussprechen über das, was diesem nach der Ansicht, die sie sich davon gebildet, frommt&. hinwieder zu Schaden ge-reicht. Wir wollen keinen Meinungszwang einrichten. Jede auch noch so abweichende Ansicht soll uns willkommen sein u. der Gegenstand unserer reif-lichen Prüfung. Aber das wollen wir wissen u. das müssen wir als Zofinger wissen wollen, dass eben jeder von uns die Sache des Vaterlandes zu der seinigen mache, daß es jeder sich zum Bewusstsein bringe, was wir als Bürger hier sein können u. sein sollen. Doch diese Ansichten möchten einseitig oder das Werk eines Augenblicks, die Eingebung von Zufäl-ligkeiten werden? Gewiss dann, wenn sie jeder kümmerlich in sich verschließt u. gewiss dann nicht, wenn jeder frei u. rückhaltlos hervortritt mit seiner Ansicht u. sie schärft an dem Stahle entgegengesetzter Ansichten u. bescheinen lässt von der Sonne der öffent-lichen Meinung. Wurzelt eine Ansicht unter solchen Umständen im Kreise von Freun-den u. im Schoße eines Vereines, den Vaterlandsliebe zusammen geführt hat, wie sollte sie dann nicht eine segensvolle sein? Und dieß führt mich auf den zweiten Punkt, der bei Beantwortung der vorliegenden Frage in Betracht kömmt. Man wollte die Herzen nicht von einander reißen u. darum Politik aus dem Z.V. verbannen. Aber glaubte man sie denn an einander zu ketten, wenn die Geister gerade in einem der wesentlichsten Puncte sich fremd sind, wenn sie gerade in demjenigen Elemente, das eines wahren Schweizers Brust heftig bewegen muss, sich indifferent entgegen stehen, die aufsteigenden Gedanken, die sich mit Gewalt Bahn brechen wollen, unter-drücken sollen; sieht man darin denn nicht ein unnatürliches Verläugnen des eignen Wesens, die rücksichtsvolle Weltklugheit eines Diplomaten u. somit die nothwendige Quelle jenes Misstrauens, das das Wesen der Freundschaft, ihren Glanz, ihren Kern, ihr Feuer erstickt u. erlöscht? Man begnügt sich jedoch damit, dass man es im allgemeinen mit dem Vaterlande gut meine u. spricht daneben von inniger Freundschaft als einem Hauptzwecke des Z.V. Ach könnte ich Worte finden, um Euch zu sagen, wie sehr u. wie gänzlich solche Ansichten das Wesen u. die Bedeutung unsers Vereines zu nichte machen u. aufheben! | Ihr wollt doch nicht bloß für die Zeit unter den Schweizerjünglingen Freundschaft stiften, da sie diesem Bunde angehören? Ihr seht es doch namentlich darauf ab, sie einst vereint u. innig verbunden zu sehen, wenn sie gemäß ihrer Stellung berufen sind, das Wohl des Vaterlandes selbstthätig zu wahren u. Ihr erblickt darin eine wesentliche Garantie dafür, dass sie dann das Wohl des ganzen Vaterlandes im Auge haben werden. Aber wie reimt sich bei diesem Bestreben die Ansicht, es seien die politischen Fragen, da sie leicht Feindschaft u. Zwietracht erregen aus dem Z.V. auszuschließen, mit der Sorglosigkeit u. Unbeküm-mertheit bei der so nahe liegenden Frage, was denn aus den aus dem Bunde ausgetretenen Mitgliedern werden solle, denen wohl die Beschäftigung mit politischen Angelegenheiten dann nicht mehr abgeschnitten werden kann? Und von diesen nun ganz unbewachten erwartet ihr ja erst die Früchte des Vereins. Es wird klar, dass der Z.V. einer feindlichen Trennung um politischer Grundsätze willen auf dem bisher betretenen Wege nicht vorbeugen kann; ich glaube aber sogar, dass er sie bisher begünstigte oder dass sie wenigstens auf anderem Wege vermieden werden kann. Wenn wir namlich die Grün-de der politischen Feindschaft ins Auge fassen, so wissen wir, dass auch entgegen stehende Ansichten sich achten sollen u. nach vielfach gemachter Erfahrung achten können, dass also auch an sich u. in ihrer Reinheit betrachtet durchaus keine Feindschaft hervorzu-rufen brauchten. Sie können nämlich aus derselben Quelle, der wahren Liebe u. Begeiste-rung für das beste des Vaterlandes u. der thätigen Fürsorge für dasselbe entsprungen sein. Wer aber gewöhnlich Feindschaft zwischen den Trägern der entgegengesetzten Ansichten hervorruft, sind nicht die Grundsätze selbst, die man äußert, sondern die Art, wie man zu diesen Grundsätzen etwa gelangt ist. Wir sehen oft bloße Äußerlichkeiten als Ehre u. Ruhm u. Einfluss für Annahme dieser oder jener Ansicht entscheiden u. billig kann man solche Grundsätze nicht höher schätzen, als ein Kleid, das man anzieht, weil es gegenwärtig wieder Mode ist u. das man wieder ausziehen wird, sobald es aus der Mode gekommen ist. Wenn man dann so gewonnene Grundsätze vertheidigen hört, als wäre alles an diesen gelegen, dann freilich muss jede Achtung schwinden, nicht bloß jedoch bei ungleich gesinnten, sondern auch bei den die gleiche Meinung aber nur ⌜aus⌝ edleren Motiven | theilenden. Und diesem Übelstand, dieser nothwendigen Feindschaft zwischen den Anhängern ent-gegengesetzter Ansichten kann der Z.V. allerdings vorbeugen, doch eben nur dadurch, dass er seinen Mitgliedern Gelegenheit gibt, sich in seiner Mitte schon eine politische Ansicht zu bilden, in einer Zeit also, da Ehrenstellen u. Ämter, Einfluss u. äußere Würde gar nicht in Betracht kommen u. weder für die eine noch für die andere Ansicht entscheiden können, da bloß reine Liebe zum Vaterlande die Quelle u. der fruchtbare Boden aller auch noch so verschiedenen Ansichten ist. Da stehen sich die reinen Grundsätze entgegen u. da können sich also auch alle Meinungsverschiedenheiten achten u. lieben, da gewinnt man einen unentweglichen Anhaltspunkt u. später braucht man es dann nicht sich vorzuwerfen, dass man es Jahre hindurch versäumt habe, sich eine Überzeugung zu bilden, die nachher wenig-stens mehr Schutz gegen die Lockungen äußerer Einwirkungen, die mit den Grundsätzen nichts zu schaffen haben, gewährt, als wenn man, was man etwa über solche Dinge gedacht u. empfunden hat, alles wohlverwahrt in sich verschlossen hält, damit man, wenn die Stunde der Entscheidung kömmt, immer noch freie Hand behalten habe, sich zu der einen oder andern Ansicht zu schlagen. Wir sehen also, dass der Z.V. das Mittel in seiner Hand hat, um sich mit weit mehr Zuversicht als bisher der Hoffnung ergeben zu können, dass seine Glieder auch außer dem Bunde Hand in Hand ihre Kraft dem Wohle des Vaterlandes weihen. Aber ich behaupte nicht nur das, sondern auch, dass dieses Mittel allein vermag, unter den Zofingern selbst, so lange sie dem Bunde angehören, wahre Freundschaft zu begründen. Oder was kann man sich von einer Freundschaft versprechen, die es weiß, dass sie die wichtigsten Interessen des Lebens mit Stillschweigen übergehen muss, immer fürchtend, sie möchte sich sonst in Feindschaft verwan-deln? Wie kann man von einem Einverständnisse der Geister reden, wo jene für einen Schweizer so wesentliche Elemente, sein Verhältniss zum Staate, seine Bestrebungen als Bürger des Freistaates, seine Aufgabe als Glied eines Gemeinwesens mit der normalsten Staatsform unerörtert bleiben u. nicht gerade selbst Stützen jenes Einverständnisses werden sollen? Sind die Ansichten über diese Punkte nicht gerade die zuverläßigsten Merkmale dieser oder jener gesammten Geistesrichtung. Und was ist Freundschaft ohne Kentniss u. richtige Auffassung dieser? Und könnte auch unter solchen Umständen von Freundschaft die Rede sein, so bliebe immer noch die Frage, ob man denn Freundschaft für einige Jahre um jeden Preis u. auf die Gefahr hin pflanzen wolle, dass in kurzer Zeit Feindschaft u. dann nur um | so erbittertere Feindschaft aus ihr werde? – Wenn man aber etwa noch meinen möchte, dass sich die Zofinger füglich über solche Dinge außer dem Vereine besprechen könnten, so entgegne ich, dass ich den Gegensatz eines Zofingers in u. außer dem Vereine, wenn man nach seinen Interessen fragt, nie u. nimmermehr anerkennen kann. Was ich aber in dieser Entwickelung unter Politik verstanden, hatte ich mehrmals Anlaß bemerklich zu machen. Zum Schlusse bin ich Euch, liebe Freunde in Bern, noch darüber, dass ich gera-de an Euch dieses geschrieben Rechenschaft zu geben schuldig . Es geschah aus dem einfachen Grunde, weil ich am meisten Widerstand von Euch erwarte.

Es grüßen Euch die Zofinger in Zürich u. Euer

Alfred Escher, Stud. jur.