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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B4432 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_054

Josef Zingg an Alfred Escher, Luzern, Freitag, 13. Oktober 1871

Schlagwörter: Bundesrat, Eisenbahnen Finanzierung, Gotthardbahn-Gesellschaft (GB), Gotthardbahnprojekt, Rechtliches, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Hochgeachteter Herr Präsident!

Indem ich Ihnen die mir gefälligst mitgetheilten Ver träge & den Beschlußesentwurf des Bundesrathes mit bestem Danke wieder zugehen laße, beehre ich mich Ihnen mitzutheilen, daß der Eindruk, den ich nach dem ersten Studium desselben empfangen habe, mit Ausnahme eines Punktes ein durchaus befriedigender ist, ja daß ich den Hauptvertrag im Allgemeinen vortrefflich finde. Ich sage im Allgemeinen, weil ich einzelne Artikel & Bestimmungen noch schärfer durchdenken muß, bevor ich mir ein Urtheil erlauben darf. –

Der Punkt, der mich nicht anmuthig berührt hat, betrifft das in art. 5. dem Consortium eingeräumte Zugeständniß. Es sieht zwar sehr unschuldig & billig aus; es ist auch schon wahr, daß es in der vorliegenden Form den Vertrag nicht mehr in Frage stellt. Allein einmal betrachte ich Hansemann & Cie doch als viel zu ernsthafte Geschäftsleute, um annehmen zu können, daß es sich bloß um eine | Rüksichtsformel handle; es wird da ein reeller Zielpunkt zu Grunde liegen. Sodann kann ich diesen Punkt nicht vereinzelt, sondern nur im Zusammenhange mit manch' Anderm beurtheilen. Ich muß mich erinnern, daß dem Ausschuße des schweiz. Consortiums voriges Jahr das Entscheidungs-, resp. Vorschlagsrecht in der Sitzfrage be stritten wurde, daß man die Mitglieder des Gott hardtausschußes, die doch 8 Jahre lang in guten Treuen zur Sache gestanden, seit Monaten von jeder ernsthaften Mitwirkung bei allen entscheidenden Verhandlungen fern gehalten hat, daß den Kantonen, welche von der Gotthardtbahn durchzogen werden & derselben nebst Steuerfreiheit eine Subvention von mehr als 7 Mill. fs. zugewendet haben, das Conceßionsgemäße Recht der Statutengenehmung entzieht & denselben auch nicht einmal Gelegenheit zur Ansichtsäußerung scheint geben zu wollen. Und nun soll auch noch das freie Entscheidungsrecht der Gotthardtvereinigung, welches der Ausschuß gewahrt wißen wollte, durch eine Option | an den Bundesrath ab Seite ausländischer Banquiers möglicher weise illusorisch gemacht werden? Ich weiß nicht, welchen Eindruk das Alles bei der ohnehin schon empfindlichen Stimmung in einem großen Theile des Landes unter Umständen machen könnte. –

Verehrtester Herr Präsident! Sie stehen gegenwärtig auf der höchsten Stuffe wohlverdienten Ruhmes. Sie haben durch Ihre eminente Kraft & unermüdliche Aus dauer ein Werk zu Stande gebracht, wie noch kein schweizerischer Staatsmann Eines geschaffen. Nun werfen Sie aber auch gleich Polykrates einen Ring in's Meer, um die tük. Elemente etwas zu versöhnen, die in den Tiefen ruhen & entziehen Sie dem Kinde in keinem Falle Ihr Herz & Ihre starke Hand. –

Entschuldigen Sie diese Bemerkungen. Die Gefühle der Freundschaft & der Verehrung, die ich für Sie hege, machen es mir zur Pflicht, Ihnen freimüthig meine wahre Stimmung darzulegen.

In ausgezeichneter Hochachtung verbleibe

Ihr freundschaftlich ergebener

J. Zingg.

Luzern d. 13 8ber 1871.

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