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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B4362 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_054

Josef Zingg an Alfred Escher, Luzern, Sonntag, 16. Juli 1871

Schlagwörter: Eisenbahnen Bau und Technik, Gotthardbahnprojekt, Mont-Cenis-Bahn, Tunnelbau

Briefe

Hochverehrter Herr Präsident!

Ich benutze einige freie Augenblike seit meiner Rükkehr, um Ihnen meine Ansicht mitzutheilen, welche sich mir bei Besichtigung der Arbeiten am Mont-Cenis zunächst aufdrängte.

Von allen Einrichtungen in Fourneaux (bei Modane ) & in Bardonnêche sind mir die für die mechanische Bohrung & Tunnelführung erforderlichen Einrichtungen zur Erzeugung comprimirter Luft als die weitaus wichtigsten vorgekommen. Es sind, wie sich schon aus den Gutachten v. Bekh und Gerwig ergibt, Bauten von großem Umfang, deren Erstellung mit viel Zeitaufwand verbunden ist. Da ein rascheres Vorrüken der Arbeiten am Gotthardttunnel auch von der Anwendung der mechanischen Bohrung & letztere hinwieder von dem Vorhandensein der umfangreichen Luftkompreßionsbauten abhängt, so habe ich | mich gefragt, ob es nicht möglich wäre, die künftige rasche Erstellung dieser Einrichtungen am Gotthardt wenigstens durch einige vorbereitende Schritte zu befördern. Bei weiterm Nachdenken hat es mir scheinen wollen, daß ohne sehr erhebliche Kosten schon dermalen in dieser Richtung Einiges geschehen könnte. –

Nach meiner unmaßgeblichen Ansicht wird nämlich in erster Linie die Frage zu lösen sein, ob man zur Erzeugung der erforderlichen comprimirten Luft Waßerwerke mit Rädern ähnlich wie in Fourneaux & Bardonnêche erstellen, oder nach einer Andeutung von Bekh & Gerwig anstatt der Waßerräder ein paar Turbinen anwenden will. Könnte diese Frage, mit andern die mechanische Bohrung etc bezüglichen Fragen nicht jetzt schon einer Expertise v. Fachmännern unterworfen werden? –

Da wir sodann die Verpflichtung eingegangen haben, das Material v. Mont-Cenis soweit es brauchbar & nicht durch neuere & beßere Construktionen | verdrängt wird, für den Gotthardt erwerben, so dürfte nach Lösung obiger Frage zweitens eine technische Untersuchung darüber veranstaltet werden, ob & welches Material v. Mont-Cenis für den Gotthardt brauchbar & was nach Abzug der Mehrtransportkosten deßen approximativer Werth sein würde. –

Auf den Fall endlich, daß man dazu käme, Material v. Mont-Cenis zu gebrauchen, so könnte vielleicht, nachdem deßen Werth gütlich oder schiedsgerichtlich bestimmt wäre, mit der italienischen Regierung ein Abkommen über den Transport desselben an den Gotthardt getroffen werden. Wenn es möglich wäre, einen solchen Transport noch im Nächsten Späthjahr zu beginnen; so wäre dieß wie mir scheint für die beförderliche Erstellung im künftigen Jahre – vorausgesetzt daß gleichzeitig auch die dazu weiter erforderl. Bauten vorbereitet werden – von großem Werth, da es sich um koloßale Transportmaßen handelt & im Vorsommer die Straßen sehr schlecht sein werden. –

Wenn die angedeuteten Untersuchungen & Verhandlungen | alle auf den Winter oder das künftige Jahr verschoben werden, so geht meines Erachtens eine werthvolle Zeit verloren. Es dürfte dieß noch in vermehrtem Maaße der Fall sein, wenn man nach näherer Untersuchung dazu kommen sollte, von Erwerbung des Materials v. Mont-Cenis zu abstrahiren & neue Maschinen anzuwenden, deren Erstellung wohl auch nicht geringe Zeit in Anspruch nehmen würde. –

Ich habe zuerst gezögert, Sie jetzt mit dieser Sache zu behelligen, indem ich voraussetze, daß Sie dermalen durch die Bildung der Gesellschaft in besonderm Maße in Anspruch genommen sein werden. Indeßen habe ich schließlich gedacht, daß die Anregung auch nichts verschlage, da Sie dieselbe einfach auf die Seite legen können, wenn Sie dermalen zur nähern Prüfung derselben nicht Muße haben, oder dieselbe noch nicht für angezeigt erachten. –

Mit der Bitte, die erneute Versicherung meiner vorzüglichen Hochachtung genehm halten zu wollen, verbleibe

Ihr freundschaftlich ergebener

J. Zingg.

Luzern d. 16. Juli 1871.