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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B4334 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_054

Josef Zingg an Alfred Escher, Luzern, Montag, 8. Mai 1871

Schlagwörter: Gotthardbahnprojekt, Wahlen

Briefe

Hochverehrter Herr Präsident!

Nach Durchsicht der mir mit Ihrem Ge schätzten v. 7. d. übermittelten Corres pondenz in Gotthardtbahnsachen gereicht es mir zum Vergnügen, Ihnen meine vollständige Zustimmung zu Ihrem Vorgehen auszusprechen. Wie die Dinge in Florenz liegen, scheint mir die v. Ihnen eingeleitete diplomatische Einwirkung das einzig Richtige & Praktische & begreife ich fast nicht, wie Hr. v. Gonzenbach ohne nochmalige Rüksprache mit Ihnen die Reise nach Florenz antreten konnte. Unser Wahlkampf hat leider, wie ich Ihnen gestern Abend tel. mitzutheilen| die Ehre hatte, für unsere Parthei einen sehr ungünstigen Ausgang genommen. Das Resultat hat selbst die Opposition überrascht. Eine Reihe von kleinern Wahlkreisen – darunter merkwürdigerweise mehrere an den Grenzen v. Bern & Aargau – in denen man nach allen frühern Abstimmungen auf eine liberale Mehrheit rechnen konnte, hat konservativ gewählt. Selbst in Escholzmatt & Marbach, dieser sonst unbestrittenen Domäne des Hrn. Bucher, giengen conservative Wahlen durch. Kraße Ausbeutung unserer Unterstützung der Eisenbahnen & anderer größerer Werke, insbesonders aber der religiösen Fragen scheint das| auffällige Resultat herbeigeführt zu haben. Einen Lichtpunkt bilden die Wahlen in der Stadt Luzern, wo alle Kandidaten der Liberalen mit ⅔ gegen ⅓ Stimmen siegten. –

Wie die Dinge bei der großen Majorität der Conservativen nun einen Verlauf nehmen werden, ist schwer zu sagen. Es steht zu befürchten, daß unter NatR. Vincenz Fischers Führung die kirchlichen Fragen bald eine hervor ragende Stelle einnehmen & die Gegen sätze auf diesem unerquiklichen Ge biete sich in einer auch in weitern Kreisen unsres Vaterlandes fühlbaren Weise schärfen werden.

Mir persönlich droht möglicherweise eine| schwierige Position. Ich höre, daß von meiner Wiederwahl in den RR. die Rede sei & unsere Parthei auf Annahme der Stelle dringen dürfte. Sie können sich leicht denken, wie mir unter den obwaltenden Umständen, wo ein fruchtbares Schaffen nicht vorauszusehen ist, eine solche Stel lung behagen kann. Sodann kommt die Ständerathsangelegenheit, bei der die Conservativen eine Neuwahl, meine Freunde vielleicht Festhaltung an der bis Ende 71 erfolgten Wahl verlangen werden. – Vielleicht daß ich im Laufe der Woche noch Gelegenheit finde, mündlich mit Ihnen einige Augenblike über diese Dinge zu sprechen & mich mit Ihnen zu berathen. –

Indem ich Ihnen die übersandten Akten unter bester Verdankung wieder zugehen laße, verbleibe in ausgezeichneter Hochachtung

Ihr ganz ergebenr

J. Zingg.

Luzern d. 8. Mai 1871.