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Korrespondenz: Alfred Escher – Josef Zingg

AES B4256 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_054

Josef Zingg an Alfred Escher, Luzern, Dienstag, 24. Mai 1870

Schlagwörter: Deutscher Reichstag, Gotthardbahnprojekt, Italienisches Parlament, Splügenbahnprojekt

Briefe

Hochgeachteter Herr Präsident!

Empfangen Sie meinen besten Dank für Ihre gefälligen Mittheilungen von gestern, welche überraschende Befriedigung wie Enttäuschung unserer Hoffnungen zugleich enthalten. Ich gratulire Ihnen v. Herzen zu dem Ergebniße der Volksabstimmung in Zürich, welches wir – ich glaube nicht zu viel zu sagen – bei den obwaltenden Verhältnißen einzig Ihrer Thätigkeit & Ihrem Einfluße verdanken. –

Die unerwarteten Nachrichten aus Mailand kommen mir in Verbindung mit der Bewegung auf der ganzen Schlachtlinie des Splügen sehr ernst vor. (Beinebens bemerkt kann ich ein gewißes Mißbehagen kaum unterdrüken, daß Hrr. G., dem wir Mailand stets als den wichtigsten Punkt bezeichnet haben, erst zwei Tage vor der| Entscheidung wieder auf dem Operationsfelde erschienen ist.) – Beßere Aufklärung vorbehalten, will mir scheinen, es sei unumgänglich nothwendig nun darauf hinzuwirken, daß durch entscheidende Schritte auf andern Punkten der schlechte Eindruk des Votum's v. Mailand aufgewogen werde. Ich habe zunächst im Auge:

1. Die Entscheidung des Reichstages des Norddeutschen Bundes, die wir so beförderlich & so decisiv als möglich wünschen müßen. Ich bin stets fort nicht ganz beruhigt, daß die persönliche Einwirkung in dieser Richtung einzig dem noch mehr oder minder kranken Hrn. Hammer überlaßen wird. Wenn weder Sie noch W. nach Berlin gehen können, wäre es nicht gerathen Jemand Anderes z. B. Hrn. Direktor Stoll oder Widmer in mehr privater Stellung hinzusenden? Am vorzüglichsten wäre freilich Ihre persönliche Einwirkung. Noch jedesmal, wenn Sie nach Italien oder Deutschland giengen, hat die Angelegenheit einen entscheidenen Schritt vorwärts gethan.| Ich sähe Sie sodann allerdings auch gerne in Berlin wegen dem

2ten Punkt, auf den nach meinem unmaßgeblichen Erachten die Aktion gerichtet sein sollte – nämlich der raschen Bildung der Finanzgesellschaft, die man der Pariser Finanzkombination für den Splügen gegenüberstellen kann. –

3tens erlaube ich mir Ihrer beßern Erwägung die Frage zu unterbreiten, ob der Abschluß eines Bauvertrages für den Splügen nicht nöthig mache, auch in dieser Richtung wenigstens vorbereitend [weiter?] zu gehen? Von einer Seite, der vielfache Kenntniß italienischer Verhältniße nicht abgesprochen werden kann, wird mir bemerkt, daß Hr. Grattoni, der immerhin eine der einflußreichsten Persönlichkeiten bei der Regierung & dem Parlamente sei, sich von uns etwas vernachläßigt glaube. –

Bei diesem Anlaße übermittle ich Ihnen eine mir heute zugekommene Zuschrift des Präsidenten der [geodätischen?] Commißion, die Anfrage enthaltend,| ob es uns erwünscht wäre, das im Jahre 1869 gemeinschaftlich ausgeführte Nivellement Flüelen St. GotthardtGiornico in diesem Jahre südlich bis Bellinzona & nördlich bis Luzern fortzusetzen. Der uns zufallende Kostenbetrag wäre ca 700 fs. Es scheint mir, daß das Anerbieten der geodätischen Commission angenommen werden sollte. –

Indem ich Ihrer gefälligen Rükäußerung über diesen Punkt entgegensehe, verbleibe ich mit dem erneuten Ausdruke ausgezeichnetster Hochachtung

Ihr freundschaftlich ergebener

J. Zingg.

Luzern d. 24. Mai 1870.